Bitcoin: Die verkehrte Utopie Die Blase sollte möglichst bald platzen!

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Politikwissenschaftler und Redakteur

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Daniel Leisegang ist Politikwissenschaftler und Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (www.blaetter.de)

Die Kryptowährung sollte demokratischer und sicherer werden - aber das Gegenteil davon ist eingetreten. Die Marktmacht konzentriert sich bei wenigen Big Playern.

Der Bitcoin-Kurs legte Ende vergangenen Jahres eine regelrechte Achterbahnfahrt hin: Mitte Dezember erreichte er seinen bisherigen Höchststand von rund 20.000 US-Dollar. Unmittelbar darauf brach er um fast die Hälfte ein. Finanzexperten mutmaßten sogleich, die Bitcoin-Blase werde platzen. Doch weit gefehlt: Inzwischen steigt der Kurs wieder an, derzeit steht er bei knapp 16.000 Dollar. Einige Bitcoin-Experten prognostizieren gar einen langfristigen Anstieg auf über 500.000 Dollar.

Die Utopie einer sicheren und „demokratischeren“ Bitcoin-Welt hat sich in ihr Gegenteil verkehrt

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Diese Aussicht wird Anleger freuen. Aus politischer Sicht ist der Hype um die Kryptowährung jedoch verheerend. Eigentlich wollte ihr Erfinder, ein Programmierer mit dem Pseudonym Satoschi Nakamoto, ein digitales Zahlungsmittel jenseits der Kontrolle von Nationalstaaten und Finanzinstitutionen schaffen. Längst aber hat sich die Utopie einer sicheren und „demokratischeren“ Bitcoin-Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Innerhalb des Netzwerks sind nicht nur die Vermögen hochgradig ungleich verteilt, sondern auch die Produktionsverhältnisse enorm vermachtet.

Ein Risikofaktor: Das Vertrauen in Bitcoin gründet auf Netzwerktechnologien, die von Cyberkriminellen attackiert werden

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Verantwortlich dafür ist eben jene anti-etatistische Ideologie, die der Bitcoin-Währung zugrunde liegt. Deren Anhänger verteufeln den Staat und streben nach einer Gesellschaft, in der Unternehmer und Eigentümer in einem „freien“ Markt nach Belieben schalten und walten dürfen. Ihr Vertrauen in Bitcoin gründet nicht auf (Noten-)Banken, sondern auf einer hochkomplexen Netzwerk- und Datenbanktechnologie: die sogenannte Blockchain. Als eine Art digitales Kassenbuch soll sie verhindern, dass Überweisungen manipuliert oder von Staaten blockiert werden können.

Tatsächlich gilt die Blockchain – noch – als sichere Technologie. Allerdings weist das Umfeld, in dem sie eingesetzt wird, mitunter erhebliche Sicherheitslücken auf. Sie ermöglichten es Cyberkriminellen in den vergangenen Jahren, etliche Online-Handelsplattformen zu hacken und Bitcoins im Gesamtwert von mehreren hundert Millionen US-Dollar zu entwenden. Ihr Geld sahen die Nutzerinnen und Nutzer in der Regel nicht wieder.

Doch selbst wenn es gelänge, sämtliche Programmierlücken dauerhaft zu schließen, stellt Bitcoin keine sichere, geschweige denn eine demokratischere Alternative zu staatlich reguliertem Geld dar.

Die Bitcoin-Generierung ist hochkomplex - und Sache von wenigen Big Playern. Das ist undemokratisch und gefährlich

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Dem steht vor allem das sogenannte Mining (zu Deutsch: „schürfen“) entgegen, mit dem Nutzer selbst Bitcoins generieren können. Dazu müssen sie dem Netzwerk einen Teil der Rechenleistung ihrer Computer zur Verfügung stellen. Diese führen dann komplexe Berechnungen durch, mittels derer Transaktionen für gültig erklärt werden. Zur Belohnung erhalten die Anwender neue Bitcoins, die ebenfalls der Blockchain hinzugefügt werden.

In den frühen Bitcoin-Zeiten genügte noch ein einfacher Heim-Computer, um die Prüfberechnungen durchzuführen. Weil diese aber mit jeder neuen Transaktion immer komplexer werden, generieren inzwischen fast ausschließlich gigantische, kommerzielle Rechenzentren neue Bitcoins – sogenannte Mining Pools. Sie siedeln sich dort an, wo Strom günstig ist: in China, Island oder Indien. Weltweit werden so täglich Bitcoins im Wert von mehr als 12 Millionen US-Dollar produziert.

Vier "Miner" verarbeiten die Hälfte aller BicoinTransaktionen. Das ist zu viel Macht

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Allerdings weist die Schürfbranche eine fatale Konzentration auf: Schon jetzt kontrollieren vier der größten Mining-Organisationen rund 70 Prozent des Marktes. Deren Macht wird zwangsläufig weiter zunehmen: Am Ende verbleiben nur jene von ihnen im Geschäft, die über mehr Rechenkraft und günstigere Energie verfügen als die Konkurrenz.

Noch entscheidender aber ist, dass die vier Miner bereits heute mehr als die Hälfte aller Bitcoin-Transaktionen verarbeiten. Sprächen sie sich ab, könnten sie – so sehen es die Regeln des Netzwerks vor – beispielsweise Bitcoins in die eigenen Taschen umleiten. Überdies verfügen sie über ein Vetorecht, mit dem sie jede Änderung an der Bitcoin-Software blockieren können.

Für Bitcoin-Reichtümer wird zumeist kein Cent an Steuern entrichtet. Auch das ist problematisch

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Die vermeintliche „Befreiungstechnologie“ Bitcoin hat indes nicht nur ein Oligopol der „Wertschaffenden“, sondern auch eine neue globale Geldelite hervorgebracht. Gerade einmal vier Prozent der Nutzerinnen und Nutzer besitzen 96 Prozent des weltweiten Bitcoin-Vermögens. Fernab jeder demokratisch autorisierten Kontrolle haben sie gigantische Reichtümer angehäuft – zumeist ohne dafür auch nur einen Cent an Steuern zu entrichten.

Derartigen Fehlentwicklungen kann das starre, ideologisch unterfütterte Regelwerk des Bitcoin-Netzwerks nicht entgegenwirken. Und das will es auch nicht: So ist etwa ein demokratisch reguliertes Korrektiv, das die Übermacht einiger weniger Akteure beschneidet, in der Bitcoin-Welt schlichtweg nicht vorgesehen.

Die Machtkonzentration wie auch die ökonomische Ungleichheit innerhalb des Netzwerks werden somit weiter zunehmen. Damit aber bleibt nur eine Hoffnung: Dass die Bitcoin-Blase doch noch platzt – und zwar möglichst bald.

 

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