Tierwohl und Grüne Woche Tierwohl-Initiativen allein reichen nicht

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Vorstand Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft

Expertise:

Felix zu Löwenstein ist Vorstand des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Der BÖLW vertritt Erzeuger, Hersteller und Händler ökologischer Lebensmittel. Auf seinem Gut in Südhessen werden Bioprodukte erzeugt.

Tierwohl ist ein wichtiges Thema. Doch wir müssen das gesamte System der landwirtschaftlichen Erzeugung und unseres Konsums umbauen, um zukunftsfähig zu werden. Das ist gleichzeitig die Voraussetzung für mehr Tierwohl, sagt der Vorstand des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft.

Tierschutz hat Verfassungsrang – schon deshalb können wir nicht behaupten, es gehe niemand etwas an, wie wir mit unseren Nutztieren umgehen. Und weil ich sie als Mit-Geschöpfe ansehe, habe ich als Landwirt Verantwortung für ihr Wohlergehen. Aber was ist: „Tierwohl“? Weder unser menschliches Selbstgefühl noch die Erfahrung mit Kuscheltieren geben uns darauf brauchbare Antwort.

Tierwohl kostet. Wenn Fleisch nur im einstelligen Prozentbereich teurer wird, sind nur kosmetische Kompromisse möglich.

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In der Ökologischen Landwirtschaft haben wir uns „Artgerechtigkeit“ zum Maßstab gesetzt. Welche Ansprüche hat das Tier seiner Art gemäß an Haltung und Fütterung? Wenn wir uns bei Schweinen die Wildsau zum Vorbild nehmen, ist bereits das Einzäunen ein Kompromiss zwischen dieser Anforderung und ökonomischen und arbeitswirtschaftlichen Erfordernissen. Wo dieser Kompromiss endet, kann zwangsläufig nur willkürlich festgelegt werden. Trotzdem versteht man bei ein wenig Beobachtung von Hausschweinen sofort, wie Zielkonflikte zugunsten der Artgerechtigkeit zu entscheiden sind: Außenklima mit frischer Luft, Sonne und Regen gehört dazu. Kühle Flächen zur Wärmeableitung an heißen Tagen. Material zum Wühlen. Die Trennung zwischen Kot- und Liegebereich, denn wenn die Tiere den Platz dafür haben, halten sie sorgfältig beides auseinander. Dass Kühe als Wiederkäuer zu füttern sind – also vorwiegend mit Rauhfutter, das Hühner Platz zum Flattern und zum Laufen brauchen, dass sie ein Gelände zum Scharren haben müssen und etwas zum Picken, das sind Anforderungen, die wir ihnen erfüllen müssen. Allerdings: billig geht so nicht und wenn der erzielbare Mehrpreis nur im Bereich einstelliger Prozentzahlen bleibt, bleiben die Kompromisse im Kosmetischen. Ein Vorteil des Biolabels gegenüber dem Tierschutzlabel ist deshalb, dass es einen Markt erschließt, der die erforderlichen Preise zahlt.

Die Nutztierhaltung und mit ihr unsere Ernährung mit Fleisch, Eiern und Milch, steht aber keineswegs nur wegen Tierwohlfragen im Zentrum der Frage, wie wir unsere Nahrung künftig erzeugen und wie wir essen wollen.

Da geht es um die Futtererzeugung. Für die wird nicht nur das Grünland herangezogen – also die Fläche, von der wir nur über den Umweg über den Tiermagen Nahrung beziehen können. Sondern ein Drittel des weltweit erzeugten Getreides landet im Futtertrog – mit steigender Tendenz. Auch im Futtertrog von Wiederkäuern, die dafür physiologisch gar nicht gemacht sind und die wir auf diese Weise vom Nahrungsergänzer zum Nahrungskonkurrenten für die Menschen gemacht haben.

Beim Anbau dieses Futters wird das ganze Arsenal der chemisch synthetischen Hilfsmittel aufgefahren, das im Ackerbau zur Belastung der Umwelt und für die Reduzierung der biologischen Vielfalt beiträgt. Besonders krass wirkt sich das bei der Produktion des wichtigsten Eiweißfuttermittels, der Sojabohne, aus. Davon wird in Südamerika eine Fläche, die 10 Prozent der deutschen Ackerfläche entspricht, für Deutschlands Viehställe angebaut. In der Regel mit Gentechniksorten, durch die Sojabohnen gegen ein Totalherbizid unempfindlich gemacht werden, das alle anderen grünen Pflanzen vernichtet. Und das auf Flächen, die einmal von Urwald oder Grassteppe bewachsen waren. Im Spritznebel der Pestizid-Flugzeuge erkranken Menschen und was es für die Biodiversität bedeutet, wenn die artenreichsten Biotope der Welt in Sojawüsten verwandelt werden, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Tierwohlprogramme, denen die Umweltwirkung bei der Futtererzeugung (etwa Soja) egal sind, sind halbe Sachen.

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Tierwohlprogramme, denen die Methoden der Futtererzeugung egal sind, bleiben auf halber Strecke stehen. In Europa haben wir seit den 80er Jahren die Hälfte der Vögel der offenen Agrarlandschaft verloren. Die Einbrüche bei den Insekten sind noch dramatischer. Hat hier der Tierschutz keine Aufgabe mehr?

Nährstoffströme - vom Futter bis zur Gülle - als Einbahnstrassen statt als Kreisläufe sind nicht zukunftsfähig.

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Ähnlich wirken die Nährstoffströme, die durch unsere industrielle Tierhaltung in Gang gesetzt werden. Stickstoff (aus dem Eiweiß der Sojabohne) und Phosphat wandern über den Atlantik in die Mägen von Rind, Huhn und Schwein, werden mit der Gülle aufs Feld gebracht und mehr als die Hälfte davon düngt dort nicht die Pflanzen, sondern das Grundwasser und die Küstengebiete von Nord- und Ostsee. Die Umweltorganisation der Vereinten Nationen zählt 169 „Todeszonen“ auf, in denen diese Überdüngung ganze Meeresgebiete zum Umkippen gebracht hat – die größte davon betrifft ca 25 Prozent der Ostsee.

Ein Teil des Stickstoffs verflüchtigt sich als Stick-Oxyd in die Atmosphäre, wo er hilft, unser Klima aufzuheizen. Der Klimawandel und der aus jedem Gleichgewicht geratene Stickstoff-Kreislauf gehören zu den Faktoren, die 2009 von den führenden Geowissenschaftlern der Welt (Rockström e.a.) dafür verantwortlich gemacht wurden, dass die seit 10.000 Jahren bestehenden günstigen Lebensbedingungen für uns Menschen dem Ende zugehen.

Mit Tierwohl-Initiativen ist es nicht getan. Wir müssen das Landwirtschaftssystem und die Lebensmittelerzeugung umbauen.

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Ich könnte noch eine Weile damit fortfahren, Begründungen aufzuzählen, weshalb Tierwohl-Label und –initiativen zwar ein wichtiges Thema aufgreifen, aber nur einen Teilaspekt beleuchten. Sie können sogar zu einem Problem werden, wenn sie bei Politik und Verbrauchern die Vorstellung wecken, wer durch seine Kaufentscheidung oder durch politische Programme die Haltungsbedingungen von Nutztieren verbessert, könne sich anschließend entspannt zurücklehnen.

Die Akteure der Ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft dürfen deshalb nicht nachlassen, darauf hinzuweisen, dass wir ein ganzes System umbauen müssen: Tiere müssen ihrer artgemäßen Bedürfnissen entsprechend gehalten und gefüttert werden – das erfordert, die Anzahl der Tiere pro Hektar zu verringern. Ihr Futter muss ökologisch angebaut werden, also ohne Kollateralschaden in der Umwelt anzurichten. Der Großteil des Futters muss aus dem eigenen Betrieb und aus der Region stammen, damit ein deutlich höherer Anteil der Nährstoffe im betrieblichen Kreislauf gehalten wird, anstatt schädliche Überschüsse über das Wasser und die Atmosphäre zu entsorgen. All das verringert die Anzahl der Tiere auf den Betrieben und verteuert deutlich Eier, Fleisch und Milch. Das wiederum beeinflusst den Konsum – hin zum dem „Sonntagsbraten“, der einmal das Symbol für die Wertschätzung des Lebensmittels Fleisch gewesen ist. Das wiederum führt zu einem Ernährungsstil, der für unsere Gesundheit gut ist. Uns es ermöglich bäuerlichen Familien, ihre Existenz zu halten, die in dem Hamsterrad von „immer mehr und immer größer“ nicht mehr mithalten können.

Dass es zu guter Letzt noch gut ausgebildete, von einer kompetenten Beratung unterstützte Landwirte – aber auch Tierhändler und Metzger – braucht, damit in diesen Rahmenbedingungen alles entfaltet werden kann, was an Tierwohl möglich ist, zeigt, wie weit dieser Umbau greifen muss.

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  1. von Freds Mite50
    Entfernt. Werbepost. /Die Redaktion