Tierwohl und Grüne Woche Tierwohl braucht eine gesunde bäuerliche Landwirtschaft

Bild von Friedrich Ostendorff
Mitglied des Bundestages Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Friedrich Ostendorff ist Bundestagsabgeordneter (Bündnis 90/Die Grünen) und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft. Er ist Landwirt. 1983 hat er auf Ökolandbau umgestellt.

Wenn wir mehr Tierwohl anstreben, müssen wir das ganze System der Landwirtschaft ändern: Wir müssen gegen die auf Effizienz getrimmte Konzentration der Fleischerzeugung in wenigen Betrieben vorgehen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel: Weg von der Produktion von Massenware für den anonymen Weltmarkt – hin zu Qualität, Erhaltung und neuer Vielfalt von Betrieben, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff.

Die aktuelle Diskussion um die Tierhaltung in Deutschland umfasst im Kern drei Aspekte: das Wohlbefinden der Tiere, die Situation der landwirtschaftlichen Betriebe und die öffentliche Wahrnehmung und Diskussion der Tierhaltung durch Verbraucher und Medien. Im März 2015 sorgte das Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, der höchsten wissenschaftlichen Beratungsinstitution der Bundesregierung, mit dem Titel „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tierhaltung“ für Aufsehen. Das Fazit des Gutachtens: „Mehr Tierschutz ist notwendig – Mehr Tierschutz ist machbar – Mehr Tierschutz gibt es nicht umsonst, aber er ist bezahlbar!“

Die Diskussion um das Wohlbefinden der Tiere sollte von den aktuellen Problemen der landwirtschaftlichen Betriebe nicht getrennt werden, denn die Zwänge, unter denen die Landwirtschaft augenblicklich steht, sind ursächlich für die Situation, in der Tiere gehalten werden. Dazu gehören der ständige Zwang zu Wachsen oder zu Weichen, der damit verbundene Rückgang der Anzahl der Betriebe und die Konzentration der Tierhaltung in wenigen Betrieben und Regionen sowie der Einkommensrückgang in der Landwirtschaft und der Zwang zur Rationalisierung.

Die Erosion der Landwirtschaft kennt keine Grenzen. Seit 2010 haben 22 Prozent aller Milchvieh haltenden Betriebe aufgegeben, 23 Prozent aller Mastschweine haltenden Betriebe und 38 Prozent der Sauen haltenden Betriebe.

Gleichzeitig ist Deutschland der größte europäische Produzent von Schweinefleisch und Milch und hat laut Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes 2015/2016 seinen Anteil an der EU-Erzeugung in den vergangenen 10 Jahren sogar von 19 auf 23 Prozent bei Schweinefleisch und von 19 auf 21 bei Milch ausgebaut. Deutschland besaß 2013 laut Bundeslandwirtschaftsministerium einen Selbstversorgungsgrad von 122 Prozent bei Milch und 118 Prozent bei Schweinefleisch und trägt damit substanziell zum Überangebot auf den Agrarmärkten bei.

Ständiges Wachstum, Rationalisierung und die Exportorientierung der Landwirtschaft führen dazu, dass Tiere leiden.

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Es ist das falsche Leitbild einer auf ständiges Wachstum, Rationalisierung und einseitigen Exportproduktion ausgerichteten Landwirtschaft wurde über Jahrzehnte von den einschlägigen Interessenvertretern, wie dem Deutschen Bauernverband und dem unionsgeführten Bundesministerium, propagiert und hat zu dieser Entwicklung beigetragen. Dies hat zu einer von der Realität und von den Agrarmärkten komplett entkoppelten Entwicklung geführt und steht auch der eigentlichen Bedachtsamkeit der allermeisten bäuerlichen Erzeuger vollkommen entgegen.

Die Folge dieser falschen Orientierung ist eine Konzentration der Tiere in immer größeren Betrieben und wenigen Regionen. In der Milchviehhaltung führt das zu einer Verringerung der Weidehaltung. Große Betriebe verzichten tendenziell stärker auf Weidehaltung als kleinere Betriebe. In Beständen zwischen 10 und 199 Kühen erhalten zwischen 41 und 51 Prozent der Kühe Weidegang, in Beständen von 200 bis 499 Kühen reduziert sich der Anteil auf 25 Prozent und in Beständen über 500 Tiere auf ca. 7 Prozent, wie Zahlen der Landwirtschaftszählung 2010, des Statistisches Bundesamts von 2015 und des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik von 2015 zeigen.

Die Konzentration der Haltung führt u.a. zu weniger artgerechter Weidehaltung und so zu Beeinträchtigungen des Tierwohls

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Unter dieser Entwicklung leiden nicht nur die Tiere, sondern auch der ländliche Raum und die Umwelt. In den Tierhaltungskonzentrationsgebieten wird die Entsorgung der Gülle zum Problem und zur Belastung der Menschen. In anderen Gebieten fehlen die Tiere und die Nährstoffe. Die Kuh gehört aber auf die Weide. Sie ist ein wesentlicher Kulturträger und prägt unsere Landschaften. Mit der Züchtung und Nutzung von Hochleistungstieren ist auch eine gestiegene Anfälligkeit der Tiere verbunden. Wenn heutzutage die Nutzung von Milchkühen nach zwei oder drei Jahren beendet wird und das Tier ersetzt wird, dann läuft das Gesamtsystem falsch. Die reine Orientierung auf eine Produktionsmaximierung geht am Tier aber auch am Menschen vorbei. Sie entspricht nicht mehr unseren heutigen gesellschaftlichen Ansprüchen und Wünschen von einer nachhaltigen und tiergerechten Landwirtschaft.

Für die Zukunft brauchen wir deshalb eine klare Orientierung und ein Leitbild, damit die Landwirtschaft weiß, wohin die Reise geht. Diese Klarheit herzustellen ist Aufgabe einer zukunftsweisenden Agrarpolitik. Gerade die Tierhaltung ist auf Langfristigkeit ausgerichtet und angewiesen. Betriebe, die heute investieren, müssen auch in zehn Jahren noch den gesellschaftlichen Ansprüchen genügen. Diese Verlässlichkeit müssen wir herstellen.

Die Branchen-Initiative Tierwohl ist zwar ein guter und dringend notwendiger erster Schritt um Verbesserung in der Tierhaltung zu erreichen, aber mehr Tierwohl muss letztendlich flächendeckend umgesetzt werden. Das Bedürfnis unter den Tierhaltern danach ist groß, das zeigt das übergroße Interesse von Landwirten an der Initiative. Das letztendlich nur gut die Hälfte aller interessierten Betriebe teilnehmen konnte, darf sich eine Politik, die verspricht im Interesse der Landwirte zu stehen eigentlich nicht leisten. Das bestraft die Betriebe, die in bessere Haltungsbedingungen investiert haben und die mit gutem Beispiel vorangehen. So wird unternehmerische Initiative blockiert, statt sie zu fördern

Die Umsetzung der Brancheninitiative Tierwohl muss dringend verbessert werden, um die Landwirte besser zu unterstützen.

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Der Umbau der Tierhaltung ist natürlich nicht ohne den Verbraucher und den Lebensmittelhandel zu machen. In der aktuellen Preiskrise tragen der Lebensmittelhandel und zum Beispiel die Molkereien, eine zentrale Verantwortung. Das Problem liegt in der asymmetrischen Machtverteilung auf dem Markt. Die Erzeuger stehen in der Regel Marktgiganten gegenüber. Notwendig sind deshalb eine Stärkung der Erzeuger und eine viel deutlichere Durchsetzung von kartellrechtlichen Grenzen. Die Politik muss Akteure, wie etwa den Lebensmittelhandel, zu freiwilligen Zugeständnissen zu bewegen und wo das nicht möglich ist, ggf. ordnungspolitisch in den Markt einzugreifen. Aktuell werden etwa 70 Prozent der Fleischmenge in den Discountern als Aktionsware verramscht. An dieser Praxis kann ich nichts Positives erkennen. Das fördert weder die Landwirtschaft noch die Wertschätzung der guten landwirtschaftlichen Produkte und ist im Endeffekt auch nicht im Interesse der Verbraucher.

Die Politik muss die Erzeuger gegenüber den Handelsgiganten stärken, etwa durch die Durchsetzung des Kartellrechts.

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Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in einer artgerechten und viel stärker nachhaltigen Tierhaltung. Dafür ist der ökologische Landbau natürlich die beste Praxis. Das heißt aber nicht, das nicht auch andere Formen der Praxis ihre Daseinsberechtigung haben. Auch in Zukunft müssen sich einkommensschwache Familien ein gutes Stück Fleisch leisten können. Wir brauchen auch eine Vielfalt der Betriebsmodelle und eine Freiheit der Betriebsführung. Aber wir brauchen eindeutig die Entwicklung hin zu mehr Tierwohl, und dafür ist Bio natürlich ein wichtiger Orientierungspunkt.

Ein Blick über den nationalen Tellerrand oder eine Reise durch Europa kann manchmal eine Perspektive eröffnen, wohin es gehen kann. Die Vielfalt der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Produkte ist z.B. in Österreich und Frankreich wesentlich größer, bei sehr unterschiedlicher Agrarstruktur. Damit verbunden ist eine hohe Wertschätzung der erzeugten Nahrungsmittel und der regionalen Kultur. Dies ist eine viel sinnvollere Orientierung für die Entwicklung der Landwirtschaft und der Tierhaltung in Deutschland als die Produktion von Massenware für einen anonymen Weltmarkt. Das erfordert allerdings einen Paradigmenwechsel und ein neues Leitbild: weg von immer mehr Wachstum - hin zu Erhaltung, Diversifizierung und Gestaltung.

Ein Paradigmenwechsel hin zu einer Vielfalt an Betrieben, mehr Qualität und Erhaltung von Betrieben ist notwendig

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Unser Ziel muss eine neue Vielfalt an Betrieben und landwirtschaftlichen Strukturen sein, eine Orientierung an der Qualität und an der materiellen und kulturellen Substanz, die uns die Landwirtschaft bieten kann. Dies erfordert natürlich gemeinsamen Anstrengungen und die Bereitschaft zu Änderungen, bietet uns aber auch die Chance zu mehr Tierwohl, neuen Einkommensmöglichkeiten und einer lebendigen und vielfältigen Landwirtschaft.

 

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