Wie geht es Nutztieren in Deutschland (wirklich)? Siebenmeilenstiefel sind das falsche Schuhwerk. Besseres Tierwohl geht nur gemeinsam

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Lebensmittelunternehmer und Präsident Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V.

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Friedhelm Dornseifer ist Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels. Seine Supermärkte im Sauerland gehören zur Rewe-Group.

Nachhaltige Verbesserungen des Tierwohls können nur gemeinsam erreicht werden. Mit der Brancheninitiative Tierwohl setzen sich in Deutschland Unternehmen aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Handel für eine tiergerechtere Fleischerzeugung ein.

Wie soll man Tiere halten, deren Hauptzweck es ist, Eier, Milch und Fleisch zu liefern? „Gar nicht“, würden Vertreter der Tierrechtsbewegung antworten. „Das ist mir eigentlich egal“, bekäme man wohl von jenen zu hören, die von der Marktforschung als „sorglose Fleischesser“, „Leidenschaftslose“ oder als „Tierschutz-Genervte“ bezeichnet werden. Beide Gruppen markieren nicht nur die Pole, sondern bilden auch die deutliche Minderheit einer gesellschaftlichen Debatte, bei der die überwiegende Mehrheit auf die eingangs gestellte Frage wohl erwidern würde: „anständig“, „sorgsam“ oder „respektvoll“.

Ein anständiger oder respektvoller Umgang kann im Detail jedoch vieles bedeuten. Wie viel Platz und wie viel Licht im Stall, wie viel Auslauf oder welches Beschäftigungsmaterial brauchen Huhn oder Schwein, um sich artgemäß verhalten zu können? Die Antwort wird der tierwohlinteressierte Bürger in den meisten Fällen schuldig bleiben. Sie ist jedoch erheblich, denn sie geht mit höheren Anforderungen an die Haltungsbedingungen einher, die mit höheren Kosten und letztlich mit der Frage verbunden sind, wer diese trägt.

Die Tierwohl-Debatte muss als konsensorientierter Diskurs und nicht als emotionale Wertediskussion geführt werden.

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Erschwerend kommt hinzu, dass die Debatte in erster Linie nicht als ein konsensorientierter Diskurs, sondern als emotional aufgeladene Wertediskussion geführt wird. Gegner und Befürworter der Intensivtierhaltung werden sich auch jetzt zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche in Berlin wieder ziemlich unversöhnlich gegenüber stehen. Kompromisse sind in solch einem Umfeld schwer zu erzielen.

Wir müssen Tierhalter, Fleischverarbeiter, Lebensmittelhändler und Verbraucher in die Debatte mit einbeziehen.

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Dabei kommen wir auf dem Weg zur Verbesserung des Tierwohls nur voran, wenn wir Tierhalter, Fleisch- und Wurstverarbeiter, Lebensmittelhändler und Verbraucher mitnehmen und dabei auch die Herausforderungen beachten, vor denen jedes Glied dieser Kette steht.

Für den deutschen Lebensmittelhandel ist das Tierwohl einer der wichtigsten Aspekte bei der Frage, wie die Nachhaltigkeit in der Lebensmittelkette verbessert werden kann. Dementsprechend haben die Handelsunternehmen ihr Tierwohlengagement systematisch ausgebaut. Sie haben Leitbilder und Vorgaben für die Einkaufspolitik verabschiedet und in Zusammenarbeit mit Tierschutzorganisationen eigene Tierwohl-Projekte auf den Weg gebracht. Darüber hinaus engagiert sich der Lebensmittelhandel auch branchenübergreifend, um die Haltungsbedingungen in der Nutztierhaltung zu verbessern.

Die "Initiative Tierwohl" von Handel und Produzenten ist der erste Ansatz, der auf die Breite der Verbraucher zielt.

Mit der Brancheninitiative Tierwohl setzen sich erstmalig in Deutschland Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Handel gemeinsam für eine tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung ein. Konkretes Ziel ist es, das Tierwohl auf breiter Basis in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Fleischwirtschaft und im Lebensmittelhandel zu verankern.

Das Tierwohl-Konzept ist daher darauf ausgelegt, dass möglichst viele Schweine, Hähnchen und Puten von den Tierwohlmaßnahmen profitieren und damit eine marktweite und branchenübergreifende Wirkung erzielt wird. Lückenlose und unabhängige Kontrollen sorgen für die notwendige Transparenz. In Zusammenarbeit mit der Wissenschaft wurden messbare Tierwohlkriterien entwickelt, die je nach Betriebsart und Betriebsgröße aufeinander abgestimmt werden können.

Bereits rund 85 Prozent der Unternehmen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels haben ihre Teilnahme an der Initiative Tierwohl erklärt. Sie führen in den kommenden drei Jahren einen Gesamtbetrag von rund 255 Millionen Euro ab. Mit diesem Budget wird der Mehraufwand der zugelassenen Tierhalter für die Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen finanziert. 12 Millionen Schweine sowie 255 Millionen Hähnchen und Puten profitieren mittlerweile von den Maßnahmen.

Gastronomie, Fleischer und Auslandsmärkte sollten die "Initiative Tierwohl" von Handel und Produzenten mitfinanzieren.

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Dieser Einsatz hat in jüngster Zeit jedoch kaum noch Würdigung erfahren. Stattdessen soll der Lebensmittelhandel seinen Beitrag aufstocken. Statt Unternehmen jedoch an den Pranger zu stellen, weil sich dieses vermeintliche David-Goliath-Duell medial gut vermarkten lässt, sollten die Absender dieser Forderungen ihre Energie vielmehr auf die Erweiterung des Einzahlerkreises richten. Denn der Lebensmittelhandel ist nicht der einzige Kanal, über den Geflügel- und Schweinefleisch vermarktet werden. Auch Großverbraucher, die Gastronomie, das Fleischerhandwerk und die Annehmer auf den Auslandsmärkten erhalten Fleisch von Schweinen, von Hähnchen und Puten, die von der "Initiative Tierwohl" profitieren. Die gesamte Finanzierungslast trägt jedoch der Handel. Mit welchem Recht verweigern sich diese Abnehmer?

Die "Initiative Tierwohl" von Handel und Produzenten kann ein wichtiger Schritt  zur Verbesserung des Tierwohls sein.

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Gelingt es, die Brancheninitiative auf ein breiteres Fundament zu stellen, wäre damit ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verbesserung des Tierwohls in der Nutztierhaltung gemacht. Dass man bei diesem Marsch nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts stürmen kann, sollte jedem klar sein, der es ernst mit diesem Thema meint.

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