Grüne Woche Mehr Tierwohl nicht zum Nulltarif

Bild von Theodor Mantel
Präsident Bundestierärztekammer

Expertise:

Prof. Dr. Theo Mantel war von 2008 bis Ende 2015 Präsident der Bundestierärztekammer.

Bilder von Hühnern oder Schweinen, die unter Bedingungen leben müssen, die den meisten Menschen als grausam erscheinen, prägen die Wahrnehmung der intensiven landwirtschaftlichen Tierhaltung. Doch große Tierhaltungen sind nicht per se schlecht. Das Tierwohl hängt von viele Faktoren ab.

Große Tierhaltungen sind nicht pauschal schlecht. Entscheidend ist das Management des einzelnen Tierhalters.

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Das Tierschutzgesetz und die Nutztierhaltungsverordnung schreiben nur verbesserungsfähige Mindestanforderungen fest.

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Die Frage, wie es den Nutztieren in Deutschland wirklich geht, ist sehr differenziert zu beantworten. Ich muss davor warnen zu sagen: „Große Tierhaltungen sind schlecht, kleine Haltungen sind gut“– oder umgekehrt. Entscheidend ist die Beurteilung der einzelnen Haltung und hier kommt es vor allem auf das Management des Tierhalters an. Die rechtlichen Vorgaben nach dem Tierschutzgesetz und der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung schreiben lediglich Mindestanforderungen fest, die im Sinne einer Optimierung der Tierhaltung für jede Tierart und Haltungsform noch verbesserungs- und ausbaufähig sind.

Die Anbindehaltung von über sechs Monate alten Rindern ist in Deutschland nicht verboten, aber abzulehnen.

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Am Beispiel der Anbindehaltung von Milchkühen soll das erläutert werden: Die Anbindehaltung von über sechs Monate alten Rindern ist in Deutschland derzeit gesetzlich nicht verboten. Trotzdem ist sie als ganzjährige Haltungsform im Sinne des Tierschutzes abzulehnen und durch andere Haltungsformen (Laufställe) zu ersetzen, wie das zunehmend auch geschieht. Eine nachhaltige Verbesserung des Wohlergehens der Nutztiere erfordert eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt im Sinn einer systematischen tierärztlichen Bestandsbetreuung, denn nur gesunde Tiere zeigen Wohlbefinden und erbringen darüber hinaus die gewünschten Leistungen.

Mit seiner Tierschutzinitiative leitet der Bundeslandwirtschaftsminister im Rahmen des Möglichen richtige Schritte ein.

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Mit der im September 2014 von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt gestarteten Tierschutzinitiative „Eine Frage der Haltung – neue Wege für mehr Tierwohl“ will die Große Koalition den Tierschutz stärker in die Mitte der Gesellschaft rücken und – so Schmidt – dafür sorgen, dass es den landwirtschaftlichen Nutztieren am Ende der Legislaturperiode besser gehen soll. Etwas, das wir seitens der Tierärzteschaft nur begrüßen können. Dem zur Aufgabenerfüllung berufenen „Kompetenzkreis Tierwohl“ unter Leitung des ehemaligen niedersächsischen Landwirtschaftsministers Gert Lindemann gehören 16 persönlich berufene Mitglieder an, die alle sechs Wochen tagen und die Ergebnisse ihrer Beratungen der Öffentlichkeit präsentieren. Bereits zum ersten Jahrestag konnte eine beachtliche Erfolgsbilanz in Form des 10-Eckpunkte-Papiers vorgelegt werden. Im Rahmen des Möglichen Schritte in die richtige Richtung.

Die Verantwortung für den Tierschutz liegt auf vielen Schultern: bei Politik, Tierhaltern und beim Lebensmittelhandel.

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Im Rahmen des Möglichen heißt dabei auch, dass Verantwortung für ein Mehr an Tierwohl auf mehreren Schultern ruhen muss: Die Verantwortung der Politik besteht darin, ausreichende finanzielle Mittel für die Forschung bereit zu stellen und dann auf der Grundlage der aktuellen Forschungsergebnisse die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Optimierung des Tierschutzes zu schaffen. Außerdem ist durch Schaffung ausreichender Planstellen für wissenschaftlich ausgebildetes Personal, also Tierärzte, die Überwachung der Einhaltung tierschutzrechtlicher Vorschriften sicherzustellen.

Die Verantwortung der Tierhalter liegt zum einen darin, die Tierschutznormen einzuhalten, dafür zu sorgen, dass es den Tieren im Rahmen der Möglichkeiten gut geht, dass sie gesund bleiben. Zum anderen hat der tierhaltende Landwirt als Lebensmittelunternehmer dem Verbraucher sichere Lebensmittel anzudienen.

Eine Optimierung der Tierhaltung durch Maßnahmen wie zum Beispiel durch Neu- bzw. Umbauten von Stallungen, weniger Tiere pro Flächeneinheit oder eine höhere Betreuungsintensität ist jedoch nicht zum Nulltarif zu haben. Und so ist es unumgänglich, den Lebensmitteleinzelhandel an den erhöhten Kosten angemessen zu beteiligen; darüber hinaus und im Umkehrschluss kommt ihm die Verpflichtung zu, höhere Erlöse an die Tierhalter weiter zu geben und so kontinuierlich Anreize für eine bessere Tierhaltung zu schaffen. Ich denke da an die am 1. Januar 2015 gestartete Brancheninitiative „Tierwohl“, an der neben dem Lebensmitteleinzelhandel und der Fleischwirtschaft  auch Landwirte beteiligt sind und die zunächst im Schweine- und Geflügelbereich den Mehraufwand für die Tierhalter finanzieren soll.

Doch letztendlich muss auch der  Verbraucher bereit sein, das Bemühen um eine Verbesserung der Tierhaltungen im Sinne des Tierwohls zu honorieren. Das bedeutet, für Produkte tierischer Herkunft tiefer in die Tasche zu greifen, den Wert des Lebensmittels Fleisch oder Wurst wertzuschätzen und bezüglich des Konsumverhaltens umzudenken. Hier gilt es aber noch vermehrt Aufklärungsarbeit zu leisten, denn die derzeitige Situation sieht so aus, dass der Durchschnittsverbraucher zwar vehement mehr Tierschutz bei landwirtschaftlichen Nutztieren fordert, in der Regel aber nicht bereit ist, für Produkte wie Fleisch, Milch oder Eier höhere Preise zu zahlen.

Vielleicht ist der Grund dafür aber auch die große Verunsicherung darüber, in welchen Endprodukten wirklich "mehr Tierwohl" steckt:  "Bio" beispielsweise ist in erster Linie gut für den Verbraucher, weil er darauf vertrauen kann, unter anderem vom Tier stammende Lebensmittel zu erhalten, die streng kontrolliert und mit Futtermitteln gefüttert werden, die frei von Rückständen und Pestiziden sind. Auch hat die Tierhaltung artgerecht zu erfolgen und muss in ihren Anforderungen über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Besser – bezogen auf die Herkunft der Tiere – wäre hier jedoch ein einheitliches Kennzeichnungssystem, das ähnlich wie bei Eiern erkennen lässt, ob Milch und Milcherzeugnisse und Fleisch und Fleischprodukte aus Intensivhaltung oder anderen Haltungsformen stammen.

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