Tierwohl und Grüne Woche Die Erzeugung von Fleisch bedingt immer Gewalt gegen Tiere

Bild von Melanie Joy
Sozialpsychologin und Aktivistin

Expertise:

Dr. Melanie Joy ist eine US-amerikanische Sozialpsychologin und tritt für Veganismus ein. Sie beschäftigt sich mit der Frage, warum Menschen Fleisch essen. Zu ihren Büchern zählt "Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus" (Compassion Media, Münster 2013).

Egal, ob Fleisch bio ist oder nicht, egal ob sich ihre Halter Tierwohlinitiativen anschließen oder nicht: Fleischessen bedeutet immer Gewalt gegen Tiere und ist moralisch nicht zu rechtfertigen.

Vielen Tieren in Deutschland geht es schlecht. Besonders die sogenannten „Nutztiere“ fristen ihr kurzes Dasein unter miserablen Bedingungen. Sie leben in oftmals fensterlosen, riesigen und überfüllten Hallen. Ohne Betäubung werden ihnen Schwänze und Schnäbel kupiert, werden sie kastriert, enthornt oder mit Brandzeichen versehen. Ihre wesentlichen Grundbedürfnisse werden ignoriert. Millionen weiblicher Tiere werden ihr Leben lang zwangsbefruchtet, um immer wieder und in kürzester Folge Nachwuchs zu gebären, der kurz nach der Geburt von ihnen getrennt wird. Um die Tiere unter diesen Bedingungen leistungsfähig zu halten, ist die Abgabe von Antibiotika und Psychopharmaka zur Regel geworden. Getötet werden sie – nach einem sehr kurzen und qualvollen Leben – im Akkord, was oft dazu führt, dass sie vor der Tötung nicht vorschriftsgemäß betäubt sind.

Durch Aufklärungskampagnen und den besseren Zugang zu Informationen sind diese Umstände heute vielen Menschen bekannt. Wir sind heute kaum noch dazu in der Lage, zumindest die grauenvollsten Praktiken der Nutztierindustrie zu leugnen. Dennoch konsumieren die meisten von uns weiterhin Tiere und ihre Produkte in großer Menge. Woran liegt das?

Die Beziehungen von Menschen zu Tieren sind vielfältig und widersprüchlich. Hunde lieben und umsorgen wir wie Familienmitglieder, Schweine hingegen lassen wir ein trauriges Dasein als Fleischlieferanten fristen. Dabei sind sie mindestens so intelligent, schmerzempfindlich und sozial wie Hunde. Die Ungleichbehandlung dieser beiden Tierarten, lässt sich moralisch nicht rechtfertigen. Aber sie lässt sich erklären: Wir haben es nicht anders gelernt

Fleischessen lässt sich moralisch nicht rechtfertigen, sondern ist eine Ideologie, die uns von klein auf anerzogen wird.

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Unser Verhalten Tieren gegenüber wird durch ein unsichtbares Glaubenssystem beeinflusst, welches ich „Karnismus“ nenne. Von klein auf werden wir darauf konditioniert Fleisch und andere tierische Produkte zu essen und zwar nur von bestimmten Tierarten. Von den Tieren, die wir als „essbar“ einstufen, grenzen wir uns emotional ab. Wir schalten unser Mitgefühl ihnen gegenüber aus. Die meisten Menschen auf der Welt essen Fleisch heute nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie sich dafür entscheiden. Jede Entscheidung geht aber auf Überzeugungen zurück. Nicht nur vegetarisch oder vegan lebende Menschen bringen also ihre Überzeugungen mit an den Esstisch.

Fleischerzeugung baut auf flächendeckender Gewalt gegen Tiere auf.

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Karnismus baut auf flächendeckender Gewalt auf, die von den meisten Menschen aufgrund ihres Mitgefühls mit anderen Lebewesen eigentlich abgelehnt wird. Fleisch lässt sich nur erzeugen, wenn Tiere getötet werden. Gleiches gilt heute für andere tierische Produkte. Um dies zu verschleiern, bedient sich der Karnismus verschiedener Abwehrmechanismen. Sein wichtigster ist die Unsichtbarkeit. Als vorherrschende und fest etablierte Ideologie in unserem Umgang mit Tieren bleibt Karnismus schon an sich unsichtbar. Aber auch seine Opfer versucht er unsichtbar zu machen. So kommt kaum jemand mit den Millionen Tieren in Berührung, die jedes Jahr aufgezogen, getötet und verarbeitet werden.

Biofleisch "von glücklichen Tieren" und Tierwohlinitiativen sind Teil neuer Rechtfertigsstrategien für Gewalt an Tieren.

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Durch die bessere Aufklärung über die Bedingungen in der Nutztierindustrie gerät dieser Abwehrmechanismus aber zusehends ins Wanken und der Abwehrmechanismus „Rechtfertigung“ gewinnt an Bedeutung. Der Konsum von Fleisch wird etwa dadurch gerechtfertigt, dass er „normal, natürlich und notwendig“ sei – Annahmen, die sich leicht widerlegen lassen – aber zunehmend auch dadurch, dass Fleisch und tierische Produkte schließlich „von glücklichen Tieren“ stammen würden. Dieser Strategie gehören etwa die verschiedenen Initiativen an, die das Tierwohl fördern wollen, aber auch tierische Bioprodukte. Hierbei handelt es sich um neue Mythen, die von der Nutztierindustrie geschaffen werden, um die Gewalt zu rechtfertigen, die ihr inhärent ist.

Die Verbesserungen durch verschiedene Tierwohl-Initiativen sind kaum nennenswert.

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Auch in der Biohaltung leben Tiere nur ein kurzes und häufig qualvolles Leben.

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Die Verbesserungen, die durch die verschiedenen Tierwohl-Initiativen erreicht werden, sind kaum nennenswert und auch in der Biohaltung leben Tiere nur ein kurzes und häufig qualvolles Leben. Ein paar Punkte seien hier genannt: 

- Einem 100 Kilo schweren Mastschwein stehen in der Biohaltung 2,3 qm zu. Zwar mehr als doppelt so viel wie in konventioneller Haltung, aber immer noch sehr wenig. Die saubere – und artgemäße – Trennung von Liege-, Futter- und Ausscheideplätzen ist so nicht möglich.

- Oft sehen auch Tiere in Biohaltung nie oder nur selten eine Wiese oder den freien Himmel. „Freilauf“ steht eher für Auslauf, als für wirkliche Aufenthalte im Freien.

- Auch bei der Produktion von Bio-Eiern werden männliche Küken nach der Geburt noch geschreddert oder vergast. Auch für Bio-Milch werden Kälber kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt.

- Wenige Tiere zu halten ist nicht wirtschaftlich, deshalb haben auch Bio-Betriebe hohe Bestandszahlen von Hunderten, Tausenden oder gar Zehntausenden Tieren.

Spätestens bei der Schlachtung sind dann wieder alle Tiere gleich. Hier gibt es keine gesonderten Vorschriften. Stress und Verletzungen im Vorfeld, eine unzureichende Betäubung und ihre Folgen treten also ebenso häufig ein.

Aber auch wenn die Unterschiede zwischen den Haltungsformen größer wären, so müssen wir uns doch Folgendes fragen: Würden wir auch das Leben eines noch jungen Hundes gewalttätig beenden, nur um seinen Körper oder dessen Produkte zu essen? Gerade dann, wenn er ein glückliches Leben führt?

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