Cebit 2016: Wie schafft Deutschland mehr Start-ups? Wir müssen ein gutes Klima für Wagniskapital schaffen

Bild von Hubertus Heil
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender SPD

Expertise:

Hubertus Heil ist seit 1998 Mitglied des Bundestages. Seit November 2009 ist er stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Wirtschaft und Energie, Bildung und Forschung und Tourismus. Im Dezember 2011 wurde er Mitglied des SPD-Parteivorstandes.

Junge innovative Unternehmen brauchen vor allem mehr Unterstützung in der Wachstumsphase. Das Silicon Valley werden wir dabei nicht eins zu eins kopieren können, den dahinter stehenden Gedanken von vernetztem Wissen und Kapital hingegen schon.

Für die Antwort auf die Frage, was wir in Deutschland für Startups tun können, kann die Geschichte von Naren Shaam ein Fingerzeig sein. Sie war vor anderthalb Jahren im Tagesspiegel zu lesen. Die von ihr ausgehende Botschaft ist auch heute noch aktuell.

Naren Shaam ist indisch stämmiger Absolvent der amerikanischen Elite-Uni Harvard. Nach dem Studium stellte sich ihm die Frage, wo in Europa er am besten eine erfolgreiche Firma aufbauen kann. In London wäre es sprachlich am einfachsten gewesen, und auch der Zugang zu Kapitalgebern ist dort unkomplizierter als anderswo. Dennoch hat er sich für Berlin entschieden: Die Stadt zieht Talente an und das Leben ist vergleichsweise günstig. Trotz mancher Startschwierigkeiten – wie der Beantragung eines Arbeitsvisums, obwohl es keinen Arbeitgeber gab und des Versuchs, eine Wohnung zu bekommen, obwohl er keinen Job angeben konnte – hat Shaam mit seinem Startup fußfassen können. Das lag vor allem an der Unterstützung einer befreundeten Familie und später auch an der Wachstumsfinanzierung eines deutschen Venture-Capital-Fonds. Diese Geschichte ist wegen ihrer positiven Entwicklung ermutigend. Gleichzeitig weist sie auf einige Hürden für Startups in Deutschland hin.

Wenn wir von Startups reden, meinen wir in der Regel die Gründung von Unternehmen in der Spitzen- und Informationstechnologie. Sie sind es, die überproportional zum Strukturwandel, zu Innovationen und zur Schaffung attraktiver Arbeitsplätze beitragen. In ihnen steckt das Potenzial, die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten. Das digitale Zeitalter wird durch drei Trends maßgeblich bestimmt: durch das mobile Internet, durch „Social Media“ sowie durch die internetbasierte autonome Kommunikation von Maschinen und Produkten miteinander – letzteres firmiert auch unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“.

Wir werden das Silicon Valley nicht kopieren können - seinen Gedanken von vernetztem Wissen und Kapital aber schon.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Weltmarktführer der Informations- und Kommunikationsindustrie (IKT) sitzen allerdings nicht in Europa. Unter den weltweit größten Unternehmen bei Onlinediensten, Hardware, Software, Smartphones und sehr stark besuchten Seiten im Internet sind hauptsächlich amerikanische, aber auch einzelne koreanische, japanische oder chinesische Konzerne zu finden – deutsche Firmen sind hingegen rar. SAP bleibt eine die Regel bestätigende Ausnahme. Wie kann Deutschland im Bereich Digitales aufholen? Brauchen wir ein deutsches Google oder sollten wir gar versuchen, ein eigenes „Silicon Valley“ aufzubauen? Wie können wir nun die starke industrielle Basis Deutschlands in das digitale Zeitalter überführen? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Startups. Dabei ist die Unterstützung in der Gründungsphase in Deutschland nicht schlecht, Förderprogramme und Gründerzentren sind vielerorts vorhanden. Junge innovative Unternehmen brauchen jedoch vor allem mehr Unterstützung in der Wachstumsphase. Das Silicon Valley werden wir dabei nicht eins zu eins kopieren können, den dahinter stehenden Gedanken von vernetztem Wissen und Kapital hingegen schon.

Auch in Deutschland sollte das Scheitern einer Unternehmensgründung nicht als Stigma, sondern als Chance gesehen werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Zunächst aber brauchen wir in Deutschland mehr Offenheit für Gründungen. Gerade in Zeiten einer guten Situation am Arbeitsmarkt bevorzugen viele Menschen eine Beschäftigung im Angestelltenverhältnis gegenüber dem Wagnis Selbständigkeit. Zu einem neuen Gründergeist gehören Mut und auch eine Kultur der zweiten Chance, wie sie in den USA gelebt wird. Dort ist das Scheitern einer Unternehmensgründung kein Stigma, sondern wird auch als Chance begriffen, für einen neuen Anlauf besser gerüstet zu sein. Der Staat kann über seine Bildungspolitik den Gründergeist fördern, indem mehr ökonomisches Wissen und Positivbeispiele über Unternehmertum und Startups vermittelt werden. Zudem brauchen wir in Deutschland eine größere Offenheit für Gründer aus anderen Ländern – wie wir ohnehin unsere offene Gesellschaft erhalten und ausbauen müssen.

Mit den Initiativen der Bundesregierung wie dem "Exist"-Gründerstipendium, das Studierende bei der Vorbereitung innovativer Unternehmensgründungen unterstützt, oder auch dem erfolgreichen öffentlich-privaten High-tech-Gründerfonds, der in junge Technologieunternehmen investiert, sind wir auf dem richtigen Weg. Bei der Bereitstellung von Wagniskapital jedoch hinkt Deutschland im internationalen Vergleich immer noch hinterher. Daher ist es gut, dass die Bundesregierung ein Eckpunktepapier vorgelegt hat, um die Rahmenbedingungen für Wagniskapital zu verbessern.

Erfreulich, dass Finanzminister Schäuble seine Pläne zur Besteuerung von Veräußerungsgewinnen fallen gelassen hat.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Neben der Aufstockung des Förderprogramms "Invest" vom Bundeswirtschaftsministerium ist es erfreulich, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble seine kruden Pläne zur Besteuerung von Veräußerungsgewinnen offensichtlich fallen gelassen hat.

Verlustvorträge junger, innovativer Unternehmen sollten auch nach einem Anteilseignerwechsel erhalten bleiben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wir wollen aber nicht nur die Verschlechterung von Wagniskapital-Bedingungen verhindern, sondern wir wollen die Rahmenbedingungen verbessern. Daher hat die SPD-Bundestagsfraktion einige Vorschläge auf den Tisch gelegt. Dazu gehören eine europarechtskonforme Regelung, wonach die Verlustvorträge junger, innovativer Unternehmen nach einem Anteilseignerwechsel erhalten bleiben können sowie die Förderung von Börsengängen.

Ohne Wagniskapital wären Erfolgsgeschichten, wie die von Naren Shaam noch seltener. In seinem Unternehmen arbeiten mittlerweile 90 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern. In einem Interview hat Shaam gesagt: „Eine Idee, die nicht umgesetzt wird, bleibt immer nur eine Idee.“ Damit aus mehr guten Ideen Wirklichkeit wird, gibt es in Deutschland noch viel zu tun.

--- Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu der Frage, wie die Bedingungen für Start-ups in Deutschland verbessert werden können. Hier finden Sie eine Infografik, die einen Überblick über die wichtigsten Argumente gibt und zeigt, wer wem in argumentativ nahe steht.

--- Weitere Leseempfehlungen der Redaktion zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debattenthemen finden Sie hier.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.