Start-ups in Deutschland Start-ups brauchen eine Politik der großen Schritte

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All things Europe @ AngelList

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Bei AngelList unterstützt Philipp Moehring Start-ups dabei, Finanzierung und Venture Capital zu erhalten und vernetzt sie mit Investoren. Zuvor war er unter anderem bei Seedcamp tätig, wo er einen Accelerator mit aufbaute.

Ohne grundsätzliche Veränderungen in der Gesetzgebung, ohne ein besseres Verständnis durch die Politik, und ohne Anpassung der Finanzierung und der Besteuerung werden andere Länder Deutschland in Sachen Start-ups immer weiter abhängen. Es geht nicht um kleine Schritte, sondern um eine signifikante Änderung des Status Quo.  

Hierzulande werden Startups sowie deren Entstehung und Wachstum weder grundlegend verstanden, noch akzeptiert. 

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Um in Deutschland eine erfolgreiche Startup-Industrie aufzubauen, brauchen wir keine politischen Feldversuche, sondern pragmatische und weitreichende Lösungen. Die Gründung eines Unternehmens ist immer schwierig, der Aufbau eines schnell wachsenden Technologieunternehmens in wenigen Jahren ist eine noch größere Herausforderung. Dass die Politik heute wenig erfolgreich ist, liegt vor allem am mangelnden Verständnis der Sache. 

Das Unverständnis lässt sich leicht erklären: Erstens gibt es kaum erfolgreiche Unternehmen in dieser Art, die die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren grundlegend beeinflusst haben. Es sei geraten, sich einmal den TecDax anzuschauen. Dann fällt der Unterschied zur amerikanischen oder gar der Londoner Börse auf - kaum Unternehmen, die jünger sind als 10 Jahre. Zweitens sind Unternehmer in der hiesigen Gesellschaft oft belächelt oder gar verachtet, während in anderen Ländern die Erfolge junger Gründer groß gefeiert werden. Damit geht eine eine direkte Ablehnung einher, welche alle Bereiche von Ausbildung, Investition, und politischer Relevanz beeinflusst. Drittens sind große Firmen, die seit jeher den Wirtschaftsstandort definieren, mit weitreichendem Zugang zu Politik bevorzugt, was sich in Förderung, Gesetzgebung, und Akzeptanz niederschlägt. Hierzu ist zum Beispiel die Meinungsbildung deutscher Medienkonzerne gegen amerikanische Internetunternehmen ein interessantes Beispiel.

Startups werden von Politikern gerne zur Profilbildung genutzt, aber selten ehrlich unterstützt.

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Politiker finden unter Startups immer wieder interessante Beispiele, um das eigene Profil zu stärken. Leider wurde dieses Interesse und die Versprechen, die sogar im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurden (z.B. das Venture Capital Gesetz), bisher nicht in Taten umgesetzt. Die wichtigen Gesetzesänderungen, die Startups in den letzten Jahren beeinflusst haben, waren negativ. Die Behandlung der Netzneutralität (hier geht es zu unserer Debatte über den Breitbandausbau) ist für Experten unverständlich, für existierende Netzbetreiber beinahe ein neues Oligopol. Die Umsetzung des Kleinanlegerschutzgesetzes (welches Online Investments und Crowdfunding reguliert) ist im internationalen Vergleich geradezu lachhaft, obwohl es um die ausgabenneutrale Förderung von Startup-Investments durch die Bevölkerung geht. Die immer wiederkehrende Argumentation zur Besteuerung von Streubesitz (Resultat von privaten Investments, die hiermit stark eingeschränkt würden) und die Steuer- und Regulierungssituation von Venture-Capital-Fonds (wiederum international kaum wettbewerbsfähig) sind glänzend dazu geeignet, den hiesigen Markt zu drosseln, wenn nicht gar abzuwürgen. 

Trotz großer Erwartungen werden Erfolge weiter Zeit brauchen. Rahmenbedingungen sind Kapital, Ausbildung und Freiheit.

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Erfolgreiche Startup-Ökosysteme wie im Silicon Valley, Boston, oder London sind nicht durch sorgfältige Planung, sondern aus unerwartetem Überschuss an Geld, Technologie, oder Talent hervorgegangen. Das Silicon Valley ist als Rüstungsschmiede entstanden, und viele Gründer sind in den 60er und 70er Jahren in die San Francisco Bay gezogen, weil sie unbeschwert neue Unternehmen aufbauen konnten. Der resultierende fruchtbare Boden von Ausbildung, Erfahrung, und Finanzierung durch Teilnehmer des Systems hat sich so weit entwickelt, dass sie heute unmöglich woanders zu replizieren ist. Boston ist mit der starken Ausbildung an MIT und Harvard, in Verbindung mit einer Jahrzehnte alten Biotechnologie-Industrie ein weiterer Hotspot in den Staaten. In beiden Fällen ist die pragmatische, praktische, und unternehmensnahe Ausbildung ein unendlich wichtiger Faktor für eine gesunde Basis von Talent. London erlebt einen Boom an Startups, weil die Bankbranche weniger interessant geworden ist. In China werden, oft unkommentiert von hiesigen Medien, riesige Software- und Elektronikfirmen aufgebaut, die bereits hunderte Millionen von Kunden haben. Dort ist vor allem der fast endlose Markt und die rapide im Wandel befindliche Gesellschaft der Treiber von Erfolg. 

Alle diese Ökosysteme haben sich durch mehr oder weniger zufällige Rahmenbedingungen entwickelt. Hinzu kam ein gesunder Zeitrahmen, in welchem sich die Firmen unbehelligt (und, ja, belächelt und nicht ernst genommen) zu Giganten entwickelt haben. 

Der Erfolg von Unternehmen wie Zalando und Soundcloud leitet sich fast ausschließlich aus der Energie der Gründer ab.

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In Deutschland haben wir bereits einige sehr erfolgreiche Internet- und Software-Unternehmen, und gerade in Berlin entwickelt sich eine extrem dynamische Branche. Die Hauptstadt ist ein tolles Beispiel dafür wie ein Überschuss an kreativen und arbeitswilligen jungen Menschen Erstaunliches leisten kann - wenn man sie lässt. Der heutige (internationale!) Erfolg von Unternehmen wie Zalando, Soundcloud, 6Wunderkinder, Getyourguide und vielen Anderen leitet sich so gut wie ausschließlich von der Energie der Gründer ab. Keines dieser Unternehmen funktioniert, weil die Politik sie unterstützt hat - sondern weil sie die Rahmenbedingungen hingenommen haben und von der Dynamik der Stadt und Ihren jungen Bewohnern (jetzt ihren Mitarbeitern) profitieren.

Andere Deutsche Städte hatten einen klaren Vorsprung an Förderung, Industrie, und Talent, haben aber an Berlin verloren. Heute sind mehr als 50% aller Startups in Berlin aktiv, und auch der Löwenanteil der Deutschen und Internationalen Finanzierungen fließen in Berliner Firmen. Warum? Weil in Berlin ein unbeschwertes Machen einfacher ist als in München, Hamburg, oder Köln. 

Lasst die Gründer machen - denn sie wissen, was zu tun ist. Wir müssen mehr regulatorische Freiheit wagen. 

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In den nächsten Jahren werden wir viele weitere erfolgreiche Unternehmen aus Deutschland sehen. Als Gesellschaft haben wir heute genügend große Probleme, aber nicht zuletzt die Erfahrung mit anderen großen gesellschaftlichen Veränderungen zeigt, dass kleine Schritte nicht zum Erfolg verhelfen. Wir sollen also diese Unternehmen und Unternehmer, diese Startups und Gründer, sowie Ihre Angestellten, Finanziers, und Unterstützer mit weitreichenden Freiheiten ausstatten, um im internationalen Vergleich mitspielen zu können. 

Diese Freiheiten brauchen wir für die Regulierung von Finanzierung, der Behandlung von Startups als eine andere Firmenkategorie, und der generell positiveren Wahrnehmung in der Gesellschaft. Die Politik sollte hierbei Geschwindigkeit und weitreichende Veränderungen gegenüber langwierigen und intensiv geplanten Aktionen bevorzugen. Aktive Teilnehmer der Branche sollten hierbei zu Rate gezogen werden, und hohe Ebenen der Politik sollten sich dem Thema annehmen, so dass es nicht von Gremien und Prozessen verschlissen wird. 

Die drei wichtigsten Punkte um Deutschland weiter nach vorne zu bringen: Ausbildung, Finanzierung, Startup-Definition.

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Ausbildung und Förderung von individuellem Talent ist eine wichtige Basis für eine Nation von Gründern. Das fängt beim Stoff in der Grundschule an (Programmieren, Mathematik, Naturwissenschaften sollten noch wichtiger sein), setzt sich bei der Förderung und Unterstützung von starken Schülern fort (Leistung, nicht Talent), und findet in der korrekten Universitären Ausbildung (nah an praktischen Problemen, weniger an akademischer Recherche, und mit Unterstützung von (Aus)Gründungen) ein Finale. 

Einfachere Finanzierung nach Marktmechanismen und auf einem international führenden Level ist wichtig. Hierzu gehört sowohl eine einfachere Beteiligungsmöglichkeit von Angestellten, Steuervorteile für private Investoren (beides siehe England), als auch verbesserte Bedingungen für professionelles Kapital, sowohl in- als auch ausländisch (Besteuerung von Investoren, Regulierung von Kapitalsuche, und die aberwitzige Notarpflicht). 

Klare Definition von Startups als schnell wachsende Technologieunternehmen und damit verbunden, eine einfachere Verwaltungssituation. Regelungen wie andere Behandlung von Verlusten in der Forschung und Entwicklung, Angestelltenverhältnissen von Praktikanten, Elternzeit und Sozialversicherungskosten in frühen Jahren, und die Beseitigung von unendlichen Regulierungsversuchen, die bestehende Branchen vermeintlich schützen.

Wir haben hierzulande wunderbare Voraussetzungen in Sachen Personal, Ausbildung, und Kapital, um eine starke Startup-Szene aufzubauen und zu unterstützen. Wir sollten hiermit alles daran legen, zusätzlich unerwartet gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Es hat sich in den letzten Jahren und Monaten gezeigt, dass alte und bisher für unumwerflich gedachte Branchen wie die Automobilindustrie, das Bankenwesen, und die Infrastruktur-Entwicklung unsere Erwartungen nicht mehr erfüllen. Wenn wir dem als Gesellschaft etwas entgegensetzen wollen, sollten wir auf die Zukunft setzen, und das Wachstum von jungen Technologieunternehmen so gut wie möglich nach vorne treiben. 

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