Cebit 2016: Wie schafft Deutschland mehr Start-ups? Finanzierung, Partnering und Gründergeist: So klappt's mit dem „Start-up-Mekka“

Bild von Stephan-Nicolas Kirschner
Start-up Koordinator IHK Berlin

Expertise:

Stephan-Nicolas Kirschner gehört zum Start-up-Team der IHK Berlin. Hier steht er in ständigem Dialog mit den Berliner Start-ups. Für sie bereitet er mit seinen Kollegen Informationen zielgruppenspezifisch auf und vermitteln Ansprechpartner.

Berlin hat das Potenzial, führende Start-up Metropole in Europa zu werden. Doch junge Gründer brauchen noch mehr Kapital in der Wachstumsphase, Unterstützung durch erfahrene Manager - und unternehmerisches Denken.

Starten. Wachsen. Exit. In Berlin können Sie täglich zu einer Start-up-Veranstaltung gehen. Irgendwo ist immer ein Hackathon, ein Pitch, eine Netzwerkveranstaltung oder ein Demoday für Investoren. Die Möglichkeiten sind so zahlreich wie in keiner anderen deutschen Stadt. Die Kernherausforderungen bleiben aber in ganz Deutschland gleich: Bei einer Unternehmensgründung muss sich ein kleines Team um alles kümmern. Sie müssen an ihrem Produkt arbeiten, eine Finanzierung beschaffen, sich bekannt machen, Netzwerke bilden und sich mit Gründungsformalitäten auseinandersetzten. Wenn das Start-up bewiesen hat, dass das Geschäftsmodell aufgeht, muss es rasant wachsen. Das heißt, hochkarätige Mitarbeiter müssen rekrutiert, internationale Märkte erschlossen, Folgefinanzierungen eingesammelt und neue Büroräume gefunden werden. Sollte ein Exit angestrebt sein, muss ein passender Käufer gefunden werden.

Für das Wachstum eines Start-ups entscheidend sind vor allem die Rahmenbedingungen – das gilt in Berlin wie anderswo. Laut der Ende 2013 veröffentlichten McKinsey-Studie „Berlin gründet“ hat Berlin das Potenzial führende Start-up Metropole in Europa zu werden. Der Berliner Senat hat 2014 ausgehend von den Ergebnissen der McKinsey-Studie die strategischen und operativen Weichen für die Zukunft gestellt. Die IHK Berlin ist davon überzeugt, dass es drei Kernaspekte gibt, in denen mehr passieren muss: Finanzierung, Partnering und bei der Vermittlung unternehmerischen Denkens. Dann klappt es auch mit dem „Gründer-Mekka Deutschland“.

Die Finanzierungslücke in der Wachstumsphase muss dringend durch mehr Venture Capital geschlossen werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Silicon Valley können Start-ups auf 25 mal soviel Venture Capital - Wagniskapital - zurückgreifen wie in Berlin. Mehr Wagniskapital, vor allem in der essentiellen Wachstumsphase, ist dringend nötig. In der Seed-Phase kommen Start-ups in Deutschland respektive Berlin nach Einschätzung der IHK Berlin noch relativ gut an Geld. Allerdings klafft eine Finanzierungslücke in der Wachstumsphase (ab drei Millionen Euro). Diese Phase ist entscheidend, da sie grundlegend für die Skalierbarkeit und den Fortbestand eines jungen Start-ups ist. In der Reifephase (ab etwa 15 Millionen Euro) ist der Kapitalbedarf – dank Venture-Capital-Gesellschaften aus dem Ausland – wieder ausreichend gedeckt.

Durch Steuererleichterungen für Risikoinvestitionen könnte mehr privates Kapital mobilisiert werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In Deutschland und vor allem in Berlin mangelt es an echtem Wagniskapital. Um mehr privates Kapital zu mobilisieren, müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert werden. Das betrifft zum einen die steuerliche Behandlung von Wagniskapitalfonds, zum anderen die belastenden Regelungen zur steuerlichen Behandlung von Verlustvorträgen junger Unternehmen. Es sollten Vereinfachungen für die Investoren und stärkere Anreize geschaffen werden. Denkbar sind dabei Steuererleichterungen für Risikoinvestitionen, wie beispielsweise bei der Veräußerung von Streubesitzanteilen. Alles in allem muss der Standort im europäischen und weltweiten Vergleich an Attraktivität und Alleinstellungsmerkmalen für internationale Investoren gewinnen.

Inkubatoren und Acceleratoren bringen Start-ups mit der etablierten Industrie zusammen. Mit Vorteilen für beide Seiten.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Auf der Cebit in Hannover, die am Montag eröffnet, stellen sich Start-ups den Großunternehmen in einer eigenen Halle vor, auch erfolgreiche Kooperationen werden dort präsentiert. Eine große Chance sieht auch die IHK Berlin darin, junge Unternehmer und Start-ups stärker mit der „klassischen“, etablierten Industrie zu vernetzten. Stichwort: „old meets new economy“ oder Partnering. In diesem Kontext stehen auch viele Inkubatoren- oder Acceleratoren-Programme wie zum Beispiel Hub:raum von der Deutschen Telekom. Die Start-ups lernen von der Organisation und Professionalität großer Unternehmen, die Alteingesessenen profitieren von frischen Ideen und neuer Inspiration.

Die Anzahl der Inkubatoren in Deutschland ist nicht so entscheidend wie die Ausrichtung und Tiefe der Programme.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In frühen Phasen helfen Inkubatoren und Acceleratoren (Links führen zum Gründerszene-Lexikon) vor allem jungen Erstgründern mit Startkapital und Know-how bei den ersten Schritten im Start-up-Unternehmertum. Die Anzahl der Inkubatoren und Acceleratoren in Deutschland ist dabei nicht so entscheidend wie die Ausrichtung und Tiefe der einzelnen Programme. Bei Erstgründern fehlt es oft an Erfahrung, was durchaus zu Problemen durch Fehlmanagement führen kann. In Inkubatoren und Acceleratoren stehen Gründern daher erfahrene Manager zur Seite, die aufgrund ihrer Seniorität und Expertise den Unternehmenserfolg nachhaltig unterstützen können. So können Gründer lernen, Kompetenzen zu teilen und abzugeben sowie Märkte realistischer einzuschätzen.

Die Gründungsförderung an Universitäten ist für die Zukunft der deutschen Start-up-Szene von hoher Bedeutung.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deutschland ist ein international attraktiver Wissenschaftsstandort mit einer langen Geschichte und einer Vielzahl an erstklassigen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Unsere Hochschullandschaft trägt auf zwei Arten zum Start-up-Boom bei: Durch gut ausgebildete Informatiker und Betriebswirte sowie durch Studenten und  Absolventen, die direkt ihr eigenes Unternehmen gründen möchten. Und das obwohl die Gründungsförderung, wie es sie heute im universitären Umfeld gibt, erst einige Jahre alt ist.

Ausgründungszahlen können durch Vermittlung unternehmerischen Denkens und besserer Finanzierung gesteigert werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im nationalen Vergleich sind die Berliner Hochschulen zum Thema Gründung bereits im Spitzenfeld vertreten. Laut einer Gründungsumfrage des TU Berlin Centre for Entrepreneurship aus dem Jahr 2014 hat das Ausgründungsgeschehen der Berliner Hochschulen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was sich auch an der Anzahl der Exist-Förderungen zeigt. Doch es ist noch Luft nach oben. Diese Entwicklung lässt sich bundesweit zum einen durch die Vermittlung unternehmerischen Denkens und zum anderen durch eine bessere Finanzierung von Gründungsvorhaben weiter positiv beeinflussen.

Die Gründungsmentalität der Studierenden kann durch Aufklärung, Motivation und Anreizschaffung erhöht werden. Dazu sollte die Entrepreneurship-Ausbildung an Deutschen Universitäten ausgeweitet und studiengangsübergreifend angeboten werden. So kann die interdisziplinäre Gründer-Teambildung vorangetrieben und mehr unternehmerisches Denken vermittelt werden. Spezielle Trainings und Kurse bringen Studierenden die Unternehmensgründung näher und bereiten darauf vor, erfolgreich ein eigenes Unternehmen zu starten.

Die finanzielle Förderung von universitären Ausgründungsvorhaben sollte durch die Politik weiter ausgebaut werden. Ebenso wichtig ist aber auch die Finanzierung eines Gründungsvorhabens. Absolventen sind als Gründer auf Hilfen zur Lebensfinanzierung und Finanzierung des Gründungsprojektes angewiesen. Ohne festes Einkommen, unter Umständen verschuldet durch einen Studienkredit und der vollen Konzentration auf die Geschäftsentwicklung sind die Gründer von staatlichen Zuschüssen und Stipendien abhängig. Die finanzielle Förderung sollte durch die Politik weiter ausgebaut werden. Ein geeignetes und entscheidendes Instrument ist das Exist-Programm, das sich an sich an innovative, technologieorientierte Gründungsvorhaben richtet und weiter ausgebaut werden sollte.

--- Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu der Frage, wie die Bedingungen für Start-ups in Deutschland verbessert werden können. Hier finden Sie eine Infografik, die einen Überblick über die wichtigsten Argumente gibt und zeigt, wer wem in argumentativ nahe steht.

--- Weitere Leseempfehlungen der Redaktion zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debattenthemen finden Sie hier.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.