Cebit 2016: Wie schafft Deutschland mehr Start-ups? Die Politik gefährdet den Start-up-Aufschwung

Bild von Uwe Horstmann
Mitgründer Project A Ventures

Expertise:

Uwe Horstmann ist Mitgründer beim Frühphaseninvestor Project A Ventures. Zuvor war er Geschäftsführer bei Rocket Internet International und Rocket Internet Germany und tätig im Gründungsteam und internen Management vieler Start-ups wie eDarling, CityDeal/Groupon und Wimdu.

Wachstum erzeugt mehr Wachstum - das zeigt sich auch in der Startup-Szene. Aber Fusionskontrolle und die aufgeweichte Netzneutralität schaden dieser Entwicklung. Deutschland riskiert einen Ruf als startup-feindlicher Standort.

Wenn man dieser Tage in die Presse schaut, kann man schnell den Eindruck gewinnen, das Start-up ist die vollkommene Antwort auf viele Fragen, die wir an unsere Zukunft in Sachen Arbeit und Wirtschaft haben. So agil, zukunftsfähig und modern wie es eben daherkommt in der Berichterstattung. Und auch aus der Ecke der Politik heißt es wohl nun wohlan, Deutschland! Wenn es schon nicht das nächste Silicon Valley werden kann, dann vielleicht ja immerhin ein „Startup-Mekka“. Und so erfährt eine Industrie, die erst in den letzten Jahren diesen Status erhalten hatte und vormals eher als Hobby von Computernerds verstanden wurde, auf einmal ungekannte Aufmerksamkeit. Und auch die Politik entdeckt das Thema für sich, man umgibt sich nun gerne mit den meist jungen Unternehmern.

Berlin und Deutschland haben sich gemacht. Viel Kapital ist geflossen, denn typischerweise finanzieren sich Startups nicht über Bankkredite und anderes Fremdkapital, sondern durch Investoren, die sich direkt an den Firmen beteiligen - eine Finanzierungsform, die wir im englischen Venture Capital nennen. Auf deutsch hieß das erst "Risikokapital", mittlerweile ist man auch hierzulande bei dem etwas netteren "Wagniskapital" angekommen. Wendet man die Messgröße der geflossenen Millionensummen an, macht sich Berlin und boxt in der gleichen Klasse wie der bisherige Champion London.

Politische Initiativen wie das Anti-Angel-Gesetz, verhinderte Netzneutralität oder Fusionskontrolle schaden Startups.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Unternehmer sind Unternehmer, weil sie in Problemen Chancen sehen und diese überwinden. Und uns geht es gut in Deutschland. Die besten Unternehmer können sich darauf konzentrieren, wirklich erfolgreiche Unternehmen aufzubauen. Sicher, hier und da können wir besser werden, aber wen beispielsweise die Bürokratie bei einer GmbH-Gründung abschreckt, dem sei vermutlich ohnehin eine andere Karriere nahegelegt.

Bei der Entwicklung von Start-up-Ökosystemen  können wir einen selbstverstärkenden Effekt beobachten, der aus Wachstum mehr Wachstum erzeugt. So entstanden in den vergangenen Jahren sicherlich zehntausende an gut bezahlten Arbeitsplätzen und es besteht kein Grund anzunehmen, dass sich das nicht fortsetzen sollte: Immerhin sind die Geschäftsmodelle, die hier bearbeitet werden von weiterreichender regionaler Bedeutung, nicht selten global, und nicht nur beschränkt auf die Stadt oder das Land, in dem sie gestartet werden.

Erfolg erzeugt mehr Erfolg, denn so wird beispielsweise viel Geld, was von Unternehmern und Investoren verdient wird, wieder direkt in neue Start-ups gesteckt. Start-ups sind hervorragende Ausbildungsorte für den Quartären Sektor und hochausgebildete Arbeitskräfte steigern die Erfolgswahrscheinlichkeit von neuen Unternehmungen. Auch die Zuversicht und die Risikobereitschaft von Investoren steigt, wenn sich Erfolg abzeichnet. Mehr Kapital fließt, und wieder mehr Unternehmen können entstehen. So erfüllt sich die Prophezeiung selbst und ein Start-up-Ökosystem kann wachsen. 

In den vergangenen Jahren, als die Politik die Start-ups komplett ignorierte, konnte man gut sehen, wie sich dies entwickelt. Nun, auf der öffentlichen Bühne angekommen, droht aber Gefahr durch politische Initiative. Gibt es ab und an nette Unterstützung bei Nebenthemen, beobachten wir auch immer wieder Vorstöße, die richtig weh tun würden: So hätte das Anti-Angel-Gesetz mit einem Male dafür gesorgt, dass ein wichtiger Rückflussmechanismus nicht mehr funktionieren würde - Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte geplant, Gewinne, die Investoren beim Verkauf verstreuter Firmenanteile machen, zu besteuern. Doch gerade der Verkauf von Streubesitz macht es für etablierte Unternehmen attraktiv, sich an Start-ups zu beteiligen.

Ähnlich wie Frankreich riskiert Deutschland einen Ruf als startup-feindlicher Standort.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Erhöhte Fusionskontrolle benachteiligt uns stärker und ähnlich wie Frankreich riskieren wir einen Ruf als start-up-feindlicher Standort, der dafür führt, dass sich Unternehmer einfach nicht mehr in Deutschland ansiedeln wollen. Nur wenige Tage dauerte es, bis die Entscheidung des EU-Parlamentes zur Netzneutralität von der Telekom in Internetmaut-Pläne für Start-ups umgewandelt wird. Schon lange strebt die Deutsche Telekom an, nicht allen Internetverkehr gleich behandeln zu müssen, sondern bestimmten, datenintensiven Diensten gegen Extra-Entgelt eine "Überholspur" auf seinen Leitungen reservieren zu dürfen. Nachdem das EU-Parlament für diese Praxis in einem Beschluss Schlupflöcher gelassen hatte, verkündete Telekom-Chef Höttges, Start-ups gegen eine "Umsatzbeteiligung" gesicherte Leitungsqualität bieten zu wollen. Talent und Kapital sind in dieser ohnehin globalen Industrie sehr mobil, und wenn solche Initiativen gleichzeitig mit dem Gegenpol einer Start-up-Visa-Initiative in Ländern wie Israel zusammenfallen, wird der Unterschied zwischen Lippenbekenntnis in Wahlkampfzeiten und wirklicher Überzeugung schnell sichtbar. So gefährdet Politik den Startup-Aufschwung

Die deutsche Wirtschaft muss beim Thema Startups umdenken, um wettbewerbsfähig zu sein.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die vielen positiven Attribute, die Start-ups zugeschrieben werden, sind natürlich auch für die deutsche Wirtschaft relevant. Immer wieder sehen wir Versuche von Großunternehmen, sich in diese Welt vorzutasten. Auf der Cebit in Hannover, die am Montag eröffnet, stellen sich Start-ups den Großunternehmen in einer eigenen Halle vor, auch erfolgreiche Kooperationen werden dort präsentiert. Aber oft genug scheitern Unternehmen mit dem Versuch, sich in der Welt der Start-ups zurechtzufinden. Zu unterschiedlich sind die beiden Kulturen, zu halbherzig die Versuche. Die deutsche Wirtschaft muss grundlegend umdenken, um nicht von neuen Spielern auf den Weltmärkten abgehängt werden. Dabei ist das vielzitierte Beispiel vom Elektromobilitätspionier Tesla sicherlich ein sehr plakatives. Aber auch dass Zalando, eben noch belächelt, nun ebenso wie die großen amerikanischen Technologiefirmen beginnt, sich auch durch Start-up-Zukäufe weiter zu entwickeln, spricht Bände.

Dabei steckt in den Start-ups doch so viel Potenzial und es bleibt eine Traumvorstellung, was passieren kann, wenn sich ein starker Mittelstand und Großunternehmen mit den jungen Unternehmern zusammentun, um gemeinsam die Zukunftsfähigkeit sicherzustellen. In der Realität wartet dann aber doch nur die Frage nach Umsatz und Profit des Jungunternehmens. So manch einer verkauft die eigene Firma dann lieber in die USA, wo zum einen die Bewertung eben auch durch das Zukunftspotenzial getrieben wird, wo man besser versteht, Unternehmerköpfe auch längerfristig einzubinden und wo sich schlichtweg das eigene Unternehmen noch besser weiterentwickeln können wird.

--- Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu der Frage, wie die Bedingungen für Start-ups in Deutschland verbessert werden können. Hier finden Sie eine Infografik, die einen Überblick über die wichtigsten Argumente gibt und zeigt, wer wem in argumentativ nahe steht.

--- Weitere Leseempfehlungen der Redaktion zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debattenthemen finden Sie hier.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.