Fracking in Deutschland Die Fracking-Debatte läuft ins Leere

Bild von Friedbert Pflüger
Direktor European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS), King’s College London

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Direktor

Auf absehbare Zeit braucht Deutschland kein zusätzliches Fracking-Gas, weil uns genügend Mengen Gas zur Verfügung stehen, der Verbrauch stagniert beziehungsweise zurückgeht und die Versorgungssicherheit stabil ist. Dazu tragen die verlässliche deutsch-russische Energiepartnerschaft, zusätzliches Gas aus Aserbaidschan, verlässliche Lieferungen aus Norwegen und die bevorstehenden Lieferungen von amerikanischem verflüssigtem Gas (LNG) bei. Die Aufregungen in Deutschland sind schwer nachzuvollziehen. Für den Industriestandort und den Klimaschutz ist es viel wichtiger, die Debatte über Carbon Capture and Storage (CCS) wieder aufzunehmen.

Umweltpolitische Risiken müssen bedacht werden, aber: Fracking ist kontrollierbar. 

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Selbstverständlich muss den Sorgen der Bevölkerung in Bezug auf Fracking Rechnung getragen werden. Dennoch gibt es inzwischen Grund zu der Annahme, dass die Bedenken gegen die Ausweitung des Einsatzes dieser jahrzehntealten und auch in Deutschland eingesetzten Technologie übertrieben sind. Eine jüngst veröffentlichte Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) kommt zu dem Schluss, dass die Fracking-Flüssigkeiten aus dem tieferen Untergrund nicht in das Grundwasser aufsteigen und dadurch keine Gefahr für unser Trinkwasser besteht. Eine frühere Studie der University of Texas zeigt zudem auf, dass Probleme beim Fracking in ähnlicher Form auch bei konventionellen Fördermethoden vorkommen und aufgetretene Umweltschäden zumeist an Schlamperei oder Missachtung von Vorschriften durch die ausführenden Firmen liegen. Also: Es scheint, als könne man mit verantwortungsbewussten Unternehmen und einem guten regulatorischen Rahmen Herr der Lage werden. 

Der Ruf nach Fracking in Deutschland ist überholt, weil es genügend Gas zu günstigen Preisen auf dem Markt gibt.

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Die folgende Frage ist viel entscheidender: Brauchen wir überhaupt Fracking in Deutschland? Die Antwort lautet: Eher nein. Aus mindestens drei Gründen trägt das Argument, die Förderung deutscher Gasvorkommen leiste einen wichtigen Beitrag zu unserer Energiesicherheit, heute nicht mehr im gleichen Maße wie früher. 

Erstens: Zwar wird auf absehbare Zeit ein großer Teil des in Europa konsumierten Gases aus Russland kommen. Russland war über Jahrzehnte ein verlässlicher Energie-Partner und hat in diesem Sinne gerade die Verdopplung der Kapazitäten der Ostsee-Pipeline Nord Stream verkündet. Dennoch werden sich Deutschlands und Europas Bezugsquellen in den kommenden Jahren stark diversifizieren. So wird ab 2018/19 kaspisches Gas durch die Trans Adriatic Pipeline (TAP) nach Europa kommen. Auch norwegisches Gas fließt verlässlich. Daneben wird die EU in zunehmendem Maße verflüssigtes Erdgas (LNG) importieren. Auch lagern große noch unerschlossene Vorkommen im östlichen Mittelmeer. Neue Produzenten wie Kurdistan oder auch – jetzt, nach dem Wegfall der Sanktionen – Iran drängen mit Wucht auf den Markt. Und schließlich wird die notwendige Gas-Infrastruktur (Pipelines, Interconnectors, reverse-flow-Kapazitäten) zügig ausgebaut. Das heißt: Ein großer Teil der weltweiten Gasvorkommen ist für Europa erreichbar. Das stärkt unsere Versorgungssicherheit und senkt die Preise. 

Zweitens: Der Erdgasverbrauch in Deutschland geht seit 2005 zurück, und die Internationale Energieagentur IEA erwartet, dass dieser Trend auf absehbare Zeit anhält. Dies liegt vor allem an Fortschritten in der Energieeffizienz. Das politische Design der Energiewende, insbesondere fehlende Kapazitätsmärkte, schwächt die Position der Gaswirtschaft (zumindest bis zum Abschluss des Kohleausstiegs) zusätzlich. 

Drittens: Fracking lohnt sich aufgrund der niedrigen Gaspreise momentan nicht einmal mehr in den USA, trotz der dort vergleichsweise einfachen geologischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich der Aufwand in Deutschland für die Firmen überhaupt rechnet. 

Für den Industriestandort und den Klimaschutz wäre eine Debatte über CCS und andere Technologien viel wichtiger.

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Das heißt: Deutschland sollte sich die Option auf Fracking in der Zukunft offenhalten. Dennoch werden wir aufgrund der sich diversifizierenden Gasmärkte, der sinkenden Nachfrage in Deutschland und der hohen Kosten von Fracking (bei momentan viel zu niedrigen Preisen) auf absehbare Zeit diese Technologie eher nicht benötigen. 

Viel wichtiger für den Industriestandort Deutschland, aber auch für das Weltklima, wäre eine ehrliche Debatte über und eine Akzeptanz-Offensive für Carbon-Capture-and-Storage (CCS) sowie andere Technologien, die potentiell einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Bisher haben wir uns diese Türen politisch selbst geschlossen – wie wichtig wäre es, diese in engem Dialog mit der Bevölkerung wieder zu öffnen! 

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