Trumps Protektionismus "Trump könnte eine neue Finanzkrise auslösen"

Bild von Jared  Bernstein
Wirtschaftsberater von Obama und Biden

Expertise:

Jared Bernstein ist ein US-amerikanischer Ökonom und war von 2008-2016 Chief Economist and Economic Policy Advisor bei US-Vizepräsident Joe Biden sowie Leiter der Middle Class Task Force.

Der Ex-US-Regierungsberater Jared Bernstein erklärt im Interview die Abschottungs- und Deregulierungspolitik von US-Präsident Donald Trump und warnt vor einer erneuten Krise.

Herr Bernstein, schon jetzt hat Donald Trump viele Drohungen wahr gemacht – sei es die Aufkündigung von Handelsabkommen oder eine stärkere Deregulierung des Finanzmarkts. Sie waren Wirtschaftsberater im Team von Barack Obama. Machen Sie sich Sorgen um die US-Wirtschaft? 
Ja, ich bin sehr besorgt. Jeder, dem etwas an der US-Wirtschaft liegt, sollte sich Sorgen machen. Zwar stehen die USA verglichen mit anderen Industrienationen im Moment gut da: Die Lage am Arbeitsmarkt ist solide, es entstehen mit robustem Tempo neue Jobs, wovon zunehmend auch Menschen mit mittlerem oder kleinem Einkommen profitieren. Doch nun ist da die Idee, die Gesundheitsreform aufzuheben, die Regulierung des Finanzmarkts wieder zurückzufahren und auf Steuervergünstigungen zu setzen, von denen vor allem sehr Reiche profitieren: All das sind Ideen, die unsere Wirtschaft in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gebracht haben. 


Trump hat das Transpazifische Freihandelsabkommen TPP mit den Worten aufgekündigt, das sei eine gute Sache für die amerikanischen Arbeiter. Liegt er falsch?
Man muss zwischen Handel und Handelsabkommen unterscheiden. Auch ich war nie ein großer Freund des Freihandelsabkommens TPP. Wenn es nun aufgekündigt wird, wird sich dadurch wirtschaftlich wenig ändern. Was mir aber sehr viel mehr Sorgen macht, ist die Idee, hohe Strafzölle einzuführen. Denn das würde der US-Wirtschaft schaden: allein schon weil die Preise für die Verbraucher steigen. Die USA sind ein Teil der der weltweiten Wertschöpfungskette. Wenn Sie diese Handelsströme unterbrechen, profitiert davon keiner. Darüber scheinen sich Trumps Leute überraschend wenig Gedanken zu machen.


Trump will durch seine Politik mehr Jobs zurückholen, die ins Ausland verlagert worden sind. Kann er das erreichen? 
Nein, wohl kaum. Wenn Sie Strafzölle erheben, wird das den Dollar stärken. Das macht Produkte, die die USA exportieren, in der Welt teurer. Dazu kommt, dass man mit Vergeltungsmaßnahmen von Handelspartnern rechnen muss: Erhebt ein Land Strafzölle, ist es wahrscheinlich, dass andere ebenfalls welche einführen. Sie importieren dann zwar weniger, können aber auch weniger exportieren. Dadurch entstehen kaum neue Jobs im Land. 

Strafzölle werden der amerikanischen Wirtschaft enormen Schaden zufügen.

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Woher aber kommt dann dieser Wunsch nach Abschottung?
Trumps Team sorgt sich um das hohe Handelsdefizit der USA. Während Deutschland durch seine enormen Exporte einen hohen Handelsüberschuss hat, haben die USA durch die vielen Importe ein hohes Handelsdefizit. Trumps Team verdient durchaus Anerkennung dafür, dass sie auf dieses Problem hingewiesen haben. Daran sollte man tatsächlich etwas ändern.


Wie kann das gelingen wenn nicht über pauschale Strafzölle?
Man muss mehr darauf achten, dass andere Staaten ihre Währungen nicht bewusst beeinflussen. Subventionieren Staaten ihre Exporte, muss man Strafzölle erheben – allerdings eben für genau die betroffenen Produkte und nicht pauschal. Dazu kommt: Wenn Staaten Dollar kaufen, um ihre eigene Währung verhältnismäßig niedrig zu halten, sollten wir ebenfalls in der Lage sein, diese Währung zu kaufen. Alles andere wäre unfair.

Subventionieren Staaten ihre Exporte, muss man Strafzölle erheben. 

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Trump will mit seiner Politik vor allem die Industrieproduktion im Land wieder stärken. Sie sagen, mit Zöllen erreicht man das nicht. Gibt es denn andere Wege, Industriejobs zu retten?
Ja, die gibt es – allerdings nicht in allen Sektoren. In der Kohleindustrie oder in der Produktion von Unterhaltungselektronik wird es kaum gelingen, Jobs zurückzuholen. Dafür dominieren andere Staaten diese Bereiche bereits zu stark. Die USA könnten aber neue Wirtschaftszweige erobern. Dafür müssten wir mehr in Forschung und Entwicklung investieren – und zwar vor allem in Bereichen, in denen es darum geht, Technologie erst noch aus dem Laborstatus in die Massenfertigung zu überführen. Chancen sehe ich dafür zum Beispiel bei der Batteriefertigung und der Solarenergie. Bislang dominiert kein Land diesen Bereich in einem solchen Umfang, wie es etwa China auf dem Markt für Unterhaltungselektronik gelungen ist. Gleichzeitig könnte aber die Fähigkeit, Solarenergie in Batterien zu speichern, über unsere Zukunft entscheiden. Einige wenige Länder werden die Hauptproduzenten für diese so wichtige Technologie sein. Wenn wir diesen Bereich heute fördern, könnten die USA eines von ihnen sein. 

Die Gründe für Trumps Deregulierung muss man in der Politik suchen.

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Trump knüpft sich auch die Bankenregeln vor, die nach der Finanzkrise eingeführt worden sind. Warum setzt er auf Deregulierung? 
Mit Blick auf die Wirtschaftsgeschichte kann man sich das eigentlich nicht erklären. Schließlich war es die Deregulierung der Finanzindustrie, die uns überhaupt erst in die Wirtschaftskrise gestürzt hat. Die Gründe für diese neue Welle der Deregulierung muss man in der Politik suchen. Es hat vor allem etwas damit zu tun, dass sich die Vermögen bei denjenigen mit den höchsten Einkommen konzentrieren. Im US-Politikbetrieb kaufen sich die besonders Vermögenden die Politik, die sie sich wünschen. Deshalb sehen wir nun Steuererleichterungen für die Reichsten der Reichen, die Aufhebung der Gesundheitsreform oder eben die Deregulierung des Finanzmarktes. Es geht diesen Leuten darum, wieder in die gleichen Finanzprodukte investieren zu können wie früher. Sie denken dabei vor allem an ihre eigenen kurzfristigen Gewinne und nicht an die Finanzkrise, die durch diese Produkte schon einmal ausgelöst worden ist.


Fürchten Sie, dass gerade eine neue Finanzkrise entstehen könnte?
Ja. Es ist ein Muster, das sich Jahrzehnt um Jahrzehnt wiederholt. Sobald sich die Wirtschaft erholt hat und die Erinnerungen an die letzte Krise verblassen, fangen Märkte wieder an, Risiken unterzubewerten und es entstehen wieder komplexe Finanzprodukte, die selbst die Experten nicht mehr verstehen. So entsteht eine neue Blase.

Das Interview führte Carla Neuhaus

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