Start-Ups und der Mittelstand Berlin, lass dich auf den Mittelstand ein!

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Autor und Politik-Experte

Expertise:

Steven Hill ist ein US-amerikanischer Kolumnist, Autor und Politik-Experte. Vor kurzem erschien sein Buch "Die Startup Illusion: Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert" im Knaur Verlag. Er war Senior Fellow der New America Foundation und war 2016 Holtzbrinck Fellow der American Academy in Berlin.

Wenn die deutsche Start-Up-Szene ein Stützpfeiler der Wirtschaft sein will, muss sie mit den kleinen und mittelständigen Unternehmen zusammenarbeiten. Was die deutsche Wirtschaft braucht, ist eine Kombination aus Familienkapitalismus und Hipster-Ökonomie. 

Führende Experten der Unternehmens- und Technologiebranche fordern eine deutsche Kopie des Silicon Valleys – wo Innovation und technologische Entwicklung die erste Geige spielen. Aber ist diese Forderung realistisch? Und wenn nicht: Welche anderen Möglichkeiten gibt es, um frischen Wind und Innovation in die deutsche Wirtschaft zu bringen?

Sieben von zehn Start-Ups im Silicon Valley scheitern und neun von zehn werden niemals profitabel. Viele dieser Unternehmen spezialisieren sich auf scheinbar gute Ideen, für die es dennoch keinen Markt gibt. Risikoinvestoren lassen Geld fließen, als gäbe es kein Morgen und verschwenden dabei riesige Geldbeträge und Talent in die Hoffnung auf einen Erfolg nach dem Modell Facebook.

In der Start-Up-Branche wird aus Hoffnung auf den großen Erfolg zu viel Geld verschwendet.

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Statt solche unsicheren Unternehmensmodelle zu fördern, muss Deutschland seinen eigenen Weg finden. Der kann auch zu neuen, innovativen Start-Ups führen. Doch sollten die Deutschen nicht vergessen, wofür sie stehen: die präzise Umsetzung von Ideen – jene Qualität, der das Land viele Jahre seine Führungsrolle in der Technikbranche zu verdanken hatte.

Nirgendwo ist diese Expertise erfolgreicher als im deutschen Mittelstand– dem bemerkenswerten Sektor kleiner und mittelständischer Unternehmen, insgesamt etwa 3,6 Millionen, die zusammen 60 Prozent aller Jobs in Deutschland und 56 Prozent der Wirtschaftsleitung und Handelskraft ausmachen. Deutschlands Mittelstand ist ein einzigartiger wirtschaftlicher Motor, der „Innovation“ beeindruckender umsetzt, als Facebook, Google, Amazon, und Apple gemeinsam. Insgesamt beschäftigen diese Unternehmen aus dem Silicon Valley weniger als ein Prozent der Menschen, die im deutschen Mittelstand arbeiten. 

Der Deutsche Mittelstand setzt „Innovation“ beeindruckender um, als Facebook, Apple und Google zusammen. 

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Doch jetzt steckt er in einem Dilemma: Wie soll er auf die Digitalisierung reagieren? Außer Frage steht, dass die kleineren Unternehmen sich anpassen müssen. Das wirft einen gewagten Gedanken auf: Was wäre, wenn wir eine Mischform aus Mittelstand und Start-Up-Szene kreieren könnten?

Das scheint auf den ersten Blick unmöglich. Immerhin wirken beide Sektoren ganz verschieden. „Zwischen der Internetkultur und der Industriekultur, zwischen Handwerk und Digitalisierung herrscht eine Unvereinbarkeit“ sagt Dr. Martin Botteck, Professor an der Fachhochschule Südwestfalen.

Der Familienkapitalismus des Mittelstands ist der Gegenentwurf zur protzigen Start-Up-Kultur.

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Mittelständische Unternehmen basieren auf der typisch deutschen Art des „Familienkapitalismus“, bei dem der Manager gleichzeitig auch der Besitzer des Unternehmens ist und die gute Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geschätzt wird. Das ist das Gegenteil der dreisten und protzigen Start-Up-Kultur und ihrer Armee aus Freiberuflern und Unternehmern.

Aber mit ein bisschen Kreativität könnte man aus beiden Branchen nur die besten Eigenschaften gewinnen – und sie zu einem außergewöhnlichen Hybrid zusammenzuführen. Start-Ups brauchen Geld, das der Mittelstand hat; kleine und mittelständische Unternehmen brauchen talentierte, motivierte und digitalaffine Arbeitskräfte, die momentan in Scharen zu den Start-Ups in Berlin, Hamburg und München ziehen. Unternehmen aus dem Mittelstand haben Schwierigkeiten, gute Talente der Technikbranche zu gewinnen, weil sie oft in abgelegenen Gegenden beheimatet sind. 

Start-Ups und der Mittelstand komplementieren sich. 

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Philipp Semmer von Motu Ventures, einem privaten Investment-Fonds, der Finanzierungen für Start-Ups anbietet, sagt, diese Unternehmen „haben den kleinen und mittleren Unternehmen etwas zu bieten, da theoretisch alles das Potenzial hat, digitalisiert zu werden. Start-Ups können dem Mittelstand helfen.“

Und umgekehrt. Viele mittelständische Unternehmen sind Weltklasse-Exporteure, die skalieren können. „Finde die guten, kleinen Start-Ups, dann setzt auf deutsche Ingenieurarbeit, um sie wachsen zu lassen“, empfiehlt Lars Zimmerman, Vize-Präsident von Hy!, einer führenden Beratungsfirma im digitalen Bereich, die zu Axel Springer gehört.

Es gibt Beispiele für diese Form der Zusammenarbeit. Die Deutsche Bahn hat Start-Ups engagiert, um mit Fahrkarten-Technologien und anderen Service-Optimierungen zu experimentieren. Axel Springer hat sich von einem klassischen Zeitungshaus zu einem digitalen Medienimperium entwickelt, das einen eigenen Brutkasten für Start-Ups, namens Plug and Play besitzt.

Die Politik muss Start-Ups und Mittelständige Unternehmen zusammenführen. 

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Das innovativste Beispiel: Die Firma Trumpf hat ein Netzwerk für eine Industrieanlage entworfen, zusammengesetzt aus Tausenden Sensoren, das sich mit zahlreichen Maschinen verbindet und es erlaubt, Daten zu sammeln und die Effizienz der Arbeitsprozesse zu verbessern. Beispielsweise kann dieses Netzwerk den Produktionsprozess präzise überwachen und Alarm geben, wenn etwa Ersatzteile knapp werden, und diese sogar eigenständig nachbestellen. Solches „Smart Facturing“ und ähnliche Innovationen bestellen den Nährboden für die Zusammenarbeit zwischen den Talenten der digitalen Start-Ups und dem Mittelstand.

Entscheidend ist, dass die Politik die Zusammenarbeit zwischen den so unterschiedlichen Arbeitswelten erleichtert. Zwar gab es schon ein paar Versuche, doch ein wirkliches Momentum ist daraus noch nicht entstanden. „Es gibt keine wirkliche Strategie für kleine und mittelständische Unternehmen“, sagt Zimmer. „Besonders, wenn es darum geht, sie an die digitale, technische Welt heranzuführen.“

Manchmal kann man das Gefühl bekommen, deutsche Politiker verstehen nicht wirklich, was bei der Entwicklung zu einer digitalen Wirtschaft auf dem Spiel steht. Und die Star-Up-Hipster, die sich am Komfort ihres urbanen Lebensstils und der Arbeit vom Café aus festklammern, scheinen die traditionellen Unternehmen im Hinterland zu verachten. Wie viele von ihnen haben jemals eine Autofabrik oder ein mittelständisches Unternehmen besucht?

Deutschlands Stärke war stets seine Industrie, nicht die Dienstleistungen.

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Deutschland braucht eine gezielte Start-Up-Strategie, die sich auf die Zusammenarbeit dieser Sektoren fokussiert. Führende Köpfe aus Wirtschaft und Politik müssen beide zusammenbringen und ihnen klar machen: „Berlin, lass dich auf den Mittelstand ein.“

Das mag bedeuten, nicht das neueste, größte Produkt zu entwickeln, wie es Facebook oder Apple gelungen ist. Aber die Stärke Deutschlands war immer seine Industrie, nicht der Dienst am Kunden. Deutschland wird nie die finanziellen Ressourcen haben wie die Vereinigten Staaten, um nach dem Vorbild des Silicon Valleys wahllos nach dem Gießkannenprinzip Investments zu verteilen. Deutschland muss klüger sein, strategischer und fokussierter auf die Ressourcen, die zur Verfügung stehen.

In Deutschland wird es nie die finanziellen Ressourcen wie im Silicon Valley geben.

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Der Mittelstand ist Deutschlands Wunder, sein Ass im Ärmel. Er ist sein Alleinstellungsmerkmal, und er hebt das Land von seinen globalen Wettbewerbern ab. Auch die Coffeshop-Hipster stehen für einen lebendigen Teil der deutschen Zukunft. Sie bündeln den jugendlichen Enthusiasmus, seinen Optimismus, die Fähigkeiten, mit Computern und Software umzugehen, und die futuristische Vision einer neuen Generation.

Sie sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Wir brauchen den "Rocket Mittelstand" -- ein Hybrid, der das Ingenieur Know-How und die Innovation der Industriebranche mit den schnell-skalierbaren Geschäftsmodellen des Berliner Inkubators Rocket Internet verbindet. Philipp Semmer von Motu Ventures sieht in dieser Beziehung eine große Chance. Er sagt, die Start-Ups und der Mittelstand werden „entweder gemeinsam Erfolg haben oder gemeinsam untergehen“. Seine Worte sind Warnung und Schlachtruf zugleich.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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