Arbeitszeit der Zukunft  „Arbeiten, wie ich will!“

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Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V.

Expertise:

Sascha Stowasser ist Arbeitswissenschaftler und Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V.

Die Arbeit ins Leben integrieren, das geht nur mit modernen Arbeitszeitmodellen. Und fest steht: Wer flexibel arbeiten kann, ist auch leistungswilliger

Flexibel, individuell und mobil – so sieht die Arbeitszeit der Zukunft aus. Innovative und zukunftsfähige Arbeitszeitmodelle sind derart zu gestalten, dass sie die Anforderungen einer digitalisierten und vernetzten, agilen Arbeitswelt 4.0 erfüllen.

Flexible Arbeitszeiten sind nicht nur Arbeitgeberwunsch, auch Arbeitnehmer wollen das

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Die Flexibilisierung ist aus arbeitswissenschaftlicher Sicht das entscheidende Merkmal der Arbeitswelt 4.0: Arbeit am variablen Ort, zu variablen Zeiten in veränderlichen Strukturen prägen das Bild der „neuen Arbeit“. Heiß und kontrovers diskutiert in der aktuellen Tarifauseinandersetzung von IG Metall und den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie hat es häufig den Anschein, dass Flexibilisierung einseitig durch die Arbeitgeber gefordert wird. Selbstverständlich brauchen die deutschen Unternehmen die Flexibilität, um Auftragsspitzen abfangen zu können. Doch andererseits ist Flexibilisierung der Arbeitszeit starker Wunsch und vielmals gelebter Alltag der Beschäftigten.

Elf Stunden Pause - die Frist beruht auf nichts, sie ist überholt

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Und nicht wenige Beschäftigten erhoffen sich noch mehr: Denn wenn sie mittags nach Hause gehen, um ihre Kinder von der Schule abzuholen und bei den Hausaufgaben zu betreuen, um sich dann abends noch einmal in Ruhe an den Computer zu setzen, verletzen sie das geltende Arbeitszeitgesetz. Dieses verlangt eine mindestens elfstündige Ruhezeit bevor der Beschäftigte wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren darf. Übrigens: Die 11-Stunden-Ruhezeitregelung, die in unserer Arbeitszeitgesetzgebung eine wesentliche Tragkraft hat, basiert auf keiner arbeitswissenschaftlichen Belegung. Hier ist dringend eine Neujustierung erforderlich, wie beispielsweise eine von den Tarifpartnern vereinbarte wöchentliche statt tägliche Arbeitszeitbegrenzung. Enge rechtliche Korsette nutzen in einer flexibilisierten Arbeitswelt 4.0 wenig.

Die von der IG Metall geforderte 28-Stunden-Woche wäre für viele Betriebe eine Katastrophe

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Besonders kleine und mittlere Unternehmen benötigen aufgrund ihrer begrenzten Ressourcen ein hohes Maß an Flexibilität. So wären für viele die aktuelle Forderung der IG Metall nach einer wählbaren 28-Stunden-Woche eine Katastrophe. Denn wenn sich einige Mitarbeiter für diese Reduzierung der Arbeitszeit entscheiden, stellt sich arbeitsorganisatorisch umgehend die Frage: Wer soll die Arbeit erledigen? Werden die verbleibenden Mitarbeiter – verstärkt durch den Fachkräftemangel  –  dann mehr belastet? Das Ergebnis wäre weniger Flexibilität, nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Beschäftigten. Somit stellt die Forderung unüberwindbare Hürden auf dem Weg in die Arbeitswelt 4.0 auf.

Flexible Arbeitszeitmodelle sind längst üblich: in Büros und auch in der Produktion

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Unsere Arbeitszeitforschung zeigt: Die Lösungen für die Unternehmen sind so individuell wie die Unternehmen selbst. Jedes Unternehmen funktioniert anders und hat andere Voraussetzungen im Wettbewerb. Arbeitszeitsysteme für die Büroarbeit gestalten sich anders als für die Produktionsarbeit. In der Produktion helfen flexible Schichtsysteme, welche die Mitarbeiter unterstützen, gesund bis ins Rentenalter die Arbeit zu verrichten. Gleitzeitmodelle im Schichtbetrieb stellen heute keine Utopie mehr dar, sondern überzeugen in vielen Unternehmen durch Mitarbeiterakzeptanz und betrieblicher Praktikabilität.

Wer flexibel arbeitet, ist leistungsfähiger und -williger

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Flexibel bedeutet nicht nur arbeitszeit-flexibel, sondern auch arbeitsort-flexibel. Zeitliche und räumliche Dimensionen eröffnen Unternehmen und Beschäftigten neue Wege, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren, die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu erhöhen sowie qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und langfristig an das Unternehmen zu binden. Viele Menschen arbeiten zunehmend mobil oder von zu Hause. Unter mobiler Arbeit wird eine Arbeitsform bezeichnet, in der die Beschäftigten ihre Arbeit an beliebigen Orten erledigen können und dafür keinen festen Arbeitsplatz in ihrem Unternehmen brauchen.

Zwei Stunden Fahrt mit der Bahn - warum dabei nicht arbeiten? Das ist zeitgemäß

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Dies kann beim Kunden, auf Dienstreisen im Hotel oder in der Bahn sowie von Zuhause aus sein. Die Einführung von flexibler und mobiler Arbeit ist kein Selbstläufer und erfordert eine bedarfsgerechte und maßgeschneiderte Arbeitsorganisation sowie betriebsindividuelle Regelungen zur Gestaltung mobiler Arbeit. Dabei geht es in erster Linie nicht um die Wünsche von Personen, sondern vielmehr um die betrieblichen Rahmenbedingungen, die für den Erfolg wichtig sind.

Eien konkurrenzfähige Wirtschaft braucht Handlungsoptionen

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Soll die deutsche Wirtschaft die digitale Transformation vollziehen und den Weg in die Arbeitswelt 4.0 bewältigen? Wenn ja, dann müssen die Handlungsoptionen innerhalb der Dimension Arbeitszeit erweitert werden. Flexible Lösungen für Betriebe und deren Beschäftigten müssen im Vordergrund stehen. Betriebsindividuell und bedarfsgerecht für die Unternehmen und deren Beschäftigte – so muss die Arbeitszeit der Zukunft gestaltet werden.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Harald Mertes
    Es gibt viele Tätigkeiten, die lassen sich nicht flexibilisieren. Was sagt denn dieser Experte eines Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, wenn die Intensivschwester mal früher eine schöpfesiche Pause macht oder ihr Kind aus Einrichtung holt, sodass der kritisch Kranke unversorgt ist?

    In anderen Bereichen sind flexible Arbeitszeiten mit Zeitsouveränität für den Arbeitnehmer schon seit Jahren bis Jahrzehnten Realität.

    Flexible und mobile Arbeit zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ist Stress pur. Das ist arbeitsmedizinsch gesicherte Erkenntnis. Aber das interessiert ein Arbeitgeber-Institut nicht. Es geht um die Ausbeutung des Arbeitnehmers. Wenn er nicht mehr kann, dann gibt es gesetzliche Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung und Hartz IV. Je älter, desto höher die Wahrscheinlichkeit.