8-Stunden-Tag Eine Gesetzeslockerung würde sich negativ auf Arbeitnehmer auswirken

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Soziologin Hans-Böckler-Stiftung

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Dr. Yvonne Lott ist Soziologin und Leiterin des Referats „Erwerbsarbeit im Wandel“ in der Hans-Böckler-Stiftung. Dort forscht sie zu flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice, Arbeitsbelastung, Arbeitsorganisation und sozialen Ungleichheiten. Ihre Forschung hat sie publiziert in der European Sociological Review, dem European Journal of Industrial Relations, in Social Policy & Society und der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

Die Arbeitszeit soll flexibler und die Arbeitsgesetze deshalb gelockert werden. Das würde aber nur zu Überstunden und noch mehr Druck auf die Arbeitnehmer führen.

Die Arbeitszeit soll flexibler werden, so der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt und die Arbeitgeberverbände. Das Arbeitszeitgesetz sei veraltet, der 8-Stunden-Tag müsse einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit weichen. Aber brauchen wir eine Reform des Arbeitszeitgesetzes wirklich?

Instrumente für eine flexible Arbeitszeitgestaltung gibt es wie Sand am Meer

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Mit Blick auf bestehende Regelungen: Nein. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt schon jetzt die Ausweitung der täglichen Arbeitszeit von acht auf zehn Stunden. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit kann in manchen Branchen von elf auf zehn Stunden verkürzt werden. Zusätzlich liefern Tarifverträge einen großen Spielraum für Flexibilität. Instrumente für eine flexible Arbeitszeitgestaltung gibt es „bereits wie Sand am Meer“, räumte selbst der Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger im Jahr 2014 ein. Seither ist die Flexibilität durch mobiles Arbeiten wohl eher noch gewachsen. Arbeiten von neun bis fünf? Das ist längst nicht mehr die Arbeitsrealität aller Beschäftigten.

Auch sollten wir uns die Frage stellen: Wollen wir eine Gesellschaft, in der Rund um die Uhr gearbeitet wird?

Eine Gesetzeslockerung könnte sich negativ auf die Arbeitnehmer auswirken.

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Schon jetzt arbeiten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer häufig länger als vertraglich vereinbart. Ruhezeiten werden oft nicht eingehalten, Pausenregelungen werden verletzt. Christoph Schmidt rechtfertigt die Gesetzeslockerung damit, dass überlange Arbeitszeiten ja zeitnah ausgeglichen werden könnten. Dies ist mit Blick auf die wachsende Arbeitsmenge und die hohe Arbeitsbelastung in vielen Arbeitsbereichen – teilweise hervorgerufen durch erhebliche Personalkürzungen – mehr als fragwürdig. Bereits bei den bestehenden Regelungen gelingt es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oft nicht, Überstunden abzubauen. Insbesondere bei fehlenden Arbeitszeitgrenzen verlängern Beschäftigte häufig ihren Arbeitstag.

Sie schalten von der Arbeit schwer ab, da die Grenze zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben so leicht verschwimmt. Die Folgen sind Schlafstörungen, Stress und psychische Erkrankungen wie Burnout. Dabei leidet nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Privat- und Familienleben. Dies ist fatal, da eine schlechte Work-Life Balance wiederum die Gesundheit belastet. Eine Abwärtsspierale wird damit in Gang gesetzt, die in eine (längerfristige) Arbeitsunfähigkeit münden kann. Auswertung der Techniker Krankenkasse zeigen: Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen sind in den letzten Jahre drastisch gestiegen. Erfasst sind dabei nicht diejenigen Beschäftigten, die trotz Überlastung und psychischen Erkrankungen weiterhin zur Arbeit gehen, aufgrund der Belastung aber wahrscheinlich nicht den vollen Arbeitseinsatz und Output liefern können.

Erwerbsarbeit und Arbeitszeiten sind also bereits im hohen Maße entgrenzt. Dies ist nicht nur mit Kosten für das Individuum verbunden, sondern auch für den Arbeitgeber und die gesamte Gesellschaft. Was also tun?

Die vertragliche Arbeitszeit ist die Wunscharbeitszeit für viele Beschäftigte

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Anstatt sich für eine weitere Flexibilisierung von Arbeitszeiten stark zu machen, muss die Forderung lauten: Zurück zur vereinbarten Wochenarbeitszeit! Die vertragliche Arbeitszeit ist die Wunscharbeitszeit für viele Beschäftigte, so die Ergebnisse der IG Metall-Beschäftigtenbefragung. Arbeitszeiten müssen planbar und verlässlich sein. Auch ein nicht unerheblicher Teil der erwerbstätigen Bevölkerung arbeitet kürzer als der Vollzeitstandard oder hat den Wunsch kürzer zu arbeiten. Beschäftigte brauchen Zeit für die Gesunderhaltung und andere Lebensbereiche wie die Familie, Weiterbildungen oder Pflege. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen ihre Arbeitszeiten – sowohl die Dauer als auch die Lage – an ihr Leben und ihre sich wandelnden Bedürfnisse im Laufe des Lebens selbstbestimmt anpassen können.

Anstelle einer Aufweichung der täglichen Arbeitszeitgrenze brauchen wir daher Wahlarbeitszeiten, das Rückkehrrecht auf Vollzeit und gute Regelungen von mobiler Arbeit und Homeoffice. Flexible Arbeitszeiten müssen zudem durch eine unterstützende Personalpolitik und Arbeitsorganisation begleitet werden. Denn Personalknappheit und fehlende Vertretungsmöglichkeiten konterkarieren die zeitliche Flexibilität im Interesse der Beschäftigten. Darum gilt: Flexible Arbeitszeiten müssen zum Leben passen und brauchen eine angemessene Personalbemessung und verbindliche Vertretungsregelungen

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