Armut in Deutschland  Untergangsrhetorik ist beim Thema Armut fehl am Platz

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Generalsekretär, Caritas

Expertise:

Prof. Dr. Georg Cremer ist Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und dort im Vorstand für Sozialpolitik zuständig. 2016 erschien sein Buch "Armut in Deutschland. Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln." bei C.H. Beck.

Auch ein reiches Land wie Deutschland ist vor Armut nicht gefeit. Wir haben aber die Mittel, das Problem anzugehen. Eine Armutsdebatte, die den Armen nutzt, muss wegkommen von folgenloser Empörung und stattdessen unterschiedliche Lebenslagen in den Blick nehmen.

Ja, es gibt Armut in Deutschland, es gibt dringenden Handlungsbedarf. Und dennoch ist es erforderlich, einen Schritt zurückzutreten und zu reflektieren, wie wir über Armut sprechen. Denn die Armutsdebatte erschöpft sich zu oft in folgenloser Empörung. So nützt sie den Armen nicht.

Die Armutsdebatte erschöpft sich zu oft in folgenloser Empörung. 

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Wir sprechen über Armut in einem reichen Land. Armutsbekämpfung muss gemessen werden an den Möglichkeiten eines reichen Landes. Armut in Deutschland ist im Verhältnis zu den Lebensbedingungen der Mitte zu erfassen, es geht somit um relative, nicht um absolute Armut. Der Vergleich mit der Dritten Welt führt in die Irre. Eine gute Richtschnur ist die bereits vor mehr als 30 Jahren formulierte Definition des Rats der Europäischen Gemeinschaften: „Verarmte Personen sind Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.“

Armut in Deutschland ist Armut in einem reichen Land. 

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Dies wird nach einer Konvention der EU versucht, mit der Armutsrisikoquote zu erfassen. Sie misst den Anteil der Bürgerinnen und Bürger, deren verfügbares Einkommen unterhalb von 60 % des mittleren Einkommens (Median) liegt. Es gibt unterschiedliche Erhebungen und daher auch unterschiedliche Armutsrisikoschwellen: zwischen 942 und 1.050 Euro für einen Alleinstehenden. Eine undifferenzierte Interpretation der Risikoquote schlägt auch Studierende und Auszubildende den Armen zu, die sich überwiegend gar nicht als arm empfinden und später auch nur selten von Armut betroffen sind. Wer als Studierender über 800 Euro im Monat verfügt, ist ganz gewiss nicht in einer Lage, die unannehmbar ist. Wer aber dauerhaft von einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle lebt, kann an vielem nicht teilhaben, was in unserer Gesellschaft eigentlich dazu gehört.

„Armut kann man gar nicht skandalisieren, Armut ist der Skandal!“, heißt es. Das Beispiel der Studierenden und Auszubildenden zeigt aber: Ein wenig mehr Differenzierung ist doch notwendig. Wenn allein schon das Faktum ein Skandal ist, dass es Menschen gibt, die ein Einkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren Einkommens haben, dann sind auch die Zustände in den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten „skandalös“. Die Armutsrisikoquote in Schweden ist gerade mal zwei Prozentpunkte niedriger als in Deutschland. Das soll keineswegs die Politik entlasten. Aber es zeigt doch: Wir schlagen uns mit Problemen herum, die auch andere Sozialstaaten haben. Untergangsrhetorik trägt bei zu einer Gesellschaft der Angst, in der die Mitte sich abschottet.

Untergangsrhetorik ist beim Thema Armut fehl am Platz. 

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Eine Armutsdebatte, die den Armen nutzt, muss wegkommen von folgenloser Empörung und unterschiedliche Lebenslagen in den Blick nehmen. Wer im Versandhandel hart arbeitet und dennoch auf keinen grünen Zweig kommt, braucht gewerkschaftliche Vertretung. Wer seit vielen Jahren zu dem kleiner gewordenen, aber verhärteten Kern der Langzeitarbeitslosen gehört, braucht eine Beschäftigungspolitik mit mehr Mut. Mut zum Aufbau eines sozialen Arbeitsmarktes, der Teilhabe sichern kann. Bildungsbenachteiligung, Arbeitslosigkeit und materielle Armut sind eng verwoben. Warum scheitert in manchen Kreisen jedes 10. Kind in der Schule, in anderen aber nur jedes 50. Kind? Das kann viele Gründe haben. Aber es wird zum Skandal, wenn die Verantwortlichen vor Ort nicht das ihnen Mögliche tun, die Situation zu verbessern.

Auch in Deutschland sterben Arme im Durchschnitt früher als Menschen mit mittleren oder hohen Einkommen, obwohl nahezu alle Zugang zu einem guten Gesundheitssystem haben. Auch hier lassen sich nicht einfach irgendwelche Schuldigen ausmachen, die man anprangern könnte. Aber die Diskrepanz der Lebenserwartung muss ein Stachel in unserem Gerechtigkeitsempfinden bleiben. Wie kann mehr Gesundheitsprävention gelingen? Wir brauchen eine Armutsdebatte, die auslotet, wie wir konkret handeln können und damit den Boden bereitet für hartnäckig verfolgte reformerische Schritte. Dann kann es gelingen, Armut wirksam zu bekämpfen. 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Markus Müller
    Martin Schulz ist wieder mit dem Thema Gerechtigkeit in den Wahlkampf gestartet.Sigmar Gabriels letzte Amtshandlung als Wirtschaftsminister war es 2 Kriegsschiffe an Saudi-Arabien zu verkaufen.In eine Diktatur schlimmster Art,wo es noch dieTodesstrafe gibt und die Rechte von Frauen nicht existieren.
    Unsere Politiker müssen so oft ihre Aufmerksam den vielen,vielen Lobbyisten widmen,dass sie fast für nichts anderes mehr Zeit haben.