Debatte um ein Dieselverbot Ein Dieselverbot ist drastisch und unnötig

Bild von Ulrich Eichhorn
Ehemaliger Geschäftsführer Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA)

Expertise:

Dr. Ulrich Eichhorn, ehemaliger Geschäftsführer des VDA, ist seit Dezember 2015 Leiter der Forschung und Entwicklung bei VW. Nach seinem Maschinenbaustudium arbeitete Eichhorn erst bei Ford, von 2000 bis 2003 war er als leitender Ingenieur der Konzernforschung schon einmal für VW tätig. Ab 2003 war er Entwicklungsvorstand bei Bentley. 2012 wechselte er zum VDA.

Die Politik hat viele wirksame Instrumente zur Luftreinhaltung jenseits eines Dieselverbots, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Autoindustrie.

Könnten Diesel-Pkw in Deutschland demnächst mancherorts verboten werden – angesichts des Vertragsverletzungsverfahrens der EU-Kommission gegen die Bundesregierung in Sachen Luftreinhaltung in Innenstädten?

Deutschland unterschreitet an 74 Prozent der 112 Messstationen im Land die EU-Grenzwerte zur Luftreinhaltung. Das heißt aber auch: an 26 Prozent werden diese EU-Grenzwerte noch überschritten – vor allem an verkehrsnahen Stationen. Die entscheidende Frage also lautet: was sind die effektivsten Maßnahmen, die Grenzwerte künftig einzuhalten?

Dazu muss geklärt werden, woher die Emissionen eigentlich kommen. Diesel-Pkw sind nach Angaben des Umweltbundesamtes für rund ein Zehntel der Stickoxidemissionen in Deutschland verantwortlich, der gesamte Straßenverkehr für ein Drittel – an Verkehrsknotenpunkten auch für mehr. Der Diesel-Pkw spielt also eine Rolle – wenn auch nicht die alleinige.

Die Diesel-Pkw sind für nur rund ein Zehntel der Stickoxidemissionen in Deutschland verantwortlich

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Im Zeitraum von 1990 bis 2013 konnte Deutschland die Stickoxidemissionen (NOx) nach Angaben des Umweltbundesamtes um 56 Prozent senken. Mit mehr als minus 70 Prozent war die Reduktion im Straßenverkehr sogar noch stärker; trotz einer von 1990 bis heute um etwa die Hälfte gesteigerten Verkehrsleistung.

Der moderne Diesel der Norm "Euro 6" reduziert den Stickoxid-Ausstoß gegenüber seinen Vorgängern sowohl im Grenzwert als auch auf der Straße um etwa zwei Drittel. Aus Umweltschutzgründen wäre also eine möglichst schnelle Marktdurchdringung mit Euro-6-Fahrzeugen wünschenswert.

Der Manipulationsskandal bei VW sollte nun keineswegs die gesamte Dieseltechnologie in Frage stellen

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Der Manipulationsskandal stellt keineswegs die gesamte Dieseltechnologie in Frage. Wie Messungen von ICCT oder dem ADAC zeigen, sind viele moderne Euro 6 Diesel sauber und können selbst die extrem strengen Laborwerte im Rahmen der physikalischen Möglichkeiten auch auf der Straße erreichen. Der Diesel verbraucht im Schnitt 20 Prozent weniger Kraftstoff als der Benzinmotor und ist beim CO2-Ausstoß und damit beim Klimaschutz vorbildlich. Er ist zum Erreichen der deutschen und europäischen Klimaziele unverzichtbar. Ein Verbot des Diesels wäre aus ökologischer Sicht kontraproduktiv.

Wichtige Ursachen für erhöhte Werte in den Städten sind Stop-and-Go-Verkehr und Staus. Untersuchungen von ADAC und der TU München zeigen, dass besonders wirksame Maßnahmen einfach umzusetzen wären: Die Grüne Welle und ein gleichmäßiger Verkehrsfluss bringen eine Reduktion um fast ein Drittel. Exemplarisch konnte das in Stuttgart belegt werden. Nach den Messungen des Landesumweltamtes wurde dort an einem „Hotspot“ die Stickoxid-Belastung drastisch reduziert.

Ein Verbot des Diesels wäre aus ökologischer Sicht kontraproduktiv

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Die am stärksten belastenden Pkws sind durch Umweltzonen in den meisten Großstädten ohnehin bereits „ausgesperrt“. Die größte Sticoxid-Einsparung ist nun durch den Ersatz älterer Fahrzeuge durch moderne Euro-6-Diesel zu erreichen – durch die normale Bestandserneuerung oder durch die gezielte Beschaffung – zum Beispiel von Euro-6-Bussen und -Taxen.

Wenn die Politik also nach besonders wirksamen Instrumenten sucht, um die Luftreinhaltung in den Innenstädten zu gewährleisten, muss kein drastisches Dieselverbot verhängt werden: die schnelle Umsetzung von Euro 6, Grüne Welle und gleichmäßiger Verkehrsfluss bringen die Lösung.

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Dieser Text ist Teil der Debatte zum Dieselverbot auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels: Weitere Beiträge und eine Debattenübersicht als Grafik finden Sie hier.

Außerdem auf Tagesspiegel Causa: Brauchen wir TTIP?

TTIP macht Sinn, schreibt Peter Sparding vom German Marshall Fund und seziert eine überfrachtete Debatte. Hier finden Sie eine Gegenposition der amerikanischen Verbraucherschutzanwältin Lori Wallach. Sie argumentiert: Die Risiken überwiegen den Nutzen.

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