Die Nullzinspolitik der EZB Notwendig, aber nicht hinreichend

Bild von Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Expertise:

Prof. Dr. Gustav A. Horn wurde 2005 als Wissenschaftlicher Direktor an das neu gegründete Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans Böckler Stiftung berufen, das er seither leitet. Im Jahr 2007 wurde er apl. Professor an der Universität Flensburg und im Jahre 2012 an der Universität Duisburg–Essen. Seit 2011 ist er Vorsitzender der Kammer für Soziale Ordnung der EKD.

Die expansive Geldpolitik der EZB ist eine notwendige Reaktion auf die durch die Finanzmarktkrise erzeugte Unsicherheit. Doch sie allein kann keine gesamtwirtschaftliche Erholung herbeiführen. Vor allem die Fiskalpolitik wirtschaftsstarker Länder wie Deutschland muss für eine höhere Investitionsbereitschaft sorgen.

Die überaus expansive Geldpolitik ist die notwendige Reaktion auf die durch Krisen erzeugte Unsicherheit

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Seit Beginn der Finanzmarktkrise und der ihr nachfolgende Krise des Euroraums ist die EZB auf einen zunehmend expansiven Kurs eingeschwenkt. Beide Krisen haben in all ihrer Verschiedenheit eines gemein: Sie erzeugten Unsicherheit. Unsicherheit schlägt sich vor allem in mangelnder Investitionsbereitschaft, oder genereller formuliert: Ausgabenbereitschaft, nieder. Stattdessen halten die Markteilnehmer ihr Geld beisammen; sie sparen. Unter hoher Unsicherheit nimmt aber auch dieses Sparen besondere Formen an. Die verunsicherten Sparer meiden in ihrem Sparverhalten gleichfalls Risiken und halten ihr Geld möglichst liquide. Es entsteht eine Flucht in die Liquidität, die einen allgemeinen Kurs- und Zinsverfall nach sich zieht.

Die Ausgabenzurückhaltung belastet die Realwirtschaft; es kommt zu keinem durchgreifenden Aufschwung. Dies drückt die Inflationsrate bis in die Nähe von Deflation und darüber hinaus. Schon aufgrund ihres Mandats für Preisstabilität ist die EZB daher gezwungen zu reagieren. Die Politik der Niedrigzinsen bestraft nun die Flucht in die Liquidität durch Renditeentzug und schafft zugleich den Anreiz, die Liquidität entweder durch vermehrte Ausgaben oder risikoreichere Finanzanlagen aufzulösen, die die Bedingungen für die Unternehmensfinanzierung verbessern. Die niedrigen Zinsen sollen also die erhöhte Unsicherheit kompensieren. Damit dient die Politik der EZB der gesamtwirtschaftlichen Stabilität.  

Die Politik der EZB stabilisiert die Wirtschaft des Euroraums  

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Was wäre, wenn die EZB die Zinsen nicht in dem Maße gesenkt hätte? Dann würde die durch Unsicherheit  erzeugte Ausgabenzurückhaltung durch im Vergleich zum Status Quo höhere Zinsen belohnt. Mit anderen Worten: Die Flucht in die Liquidität wäre noch stärker. Wesentlicher dürfte die mit den Niedrigzinsen verbundene Abwertung des Euro gegenüber den wichtigsten Währungen sein. Sie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit aller Volkswirtschaften des Euroraums und steigert damit die Nachfrage nach Exportgütern. Auch die Kurse an den Börsen sind gestiegen, jedoch sehr volatil und dürften daher nur einen begrenzten Beitrag zur Stabilisierung geleistet haben. Alles in allem stünde die Realwirtschaft jedoch ohne die niedrigen Zinsen schlechter da, und mancher Sparer, der sich heute über die niedrigen Zinsen beklagt, wäre kein Sparer mehr, da er seinen Arbeitsplatz verloren hätte.

Der Geldpolitik alleine ist nicht ausreichend, sie muss durch die Fiskalpolitik unterstützt werden

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Zwar ist die Geldpolitik wirksam, jedoch kann von einer durchgreifenden Erholung keine Rede sein. Dies liegt schlicht daran, dass die von ihr ausgelösten Nachfragewirkungen zu langsam und zu schwach eintreten. Die Geldpolitik bedarf der Unterstützung. Diese kann im Moment nur durch die Nachfrage der Staaten entstehen. Gefragt sind die öffentlichen Haushalte jener Länder wie Deutschland, die über genügend Spielraum verfügen, insbesondere ihre Investitionen zu erhöhen. Angesichts der günstigen Finanzierungsbedingungen auf der einen Seite und der hohen Konjunktur- und Wachstumsimpulse öffentlicher Investitionen auf der anderen Seite, ist dies sowohl für den Staat als auch für die Volkswirtschaft insgesamt ein sehr lohnendes Unterfangen. Mit dieser flankierenden Maßnahme könnte sich dann erst die volle Wirkung der durch die Geldpolitik erzeugten günstigeren Finanzierungsbedingungen entfalten, und mit der dynamischeren Konjunktur im Rücken würde sich der Preisauftrieb in Richtung Zielinflation bewegen.

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