Warnung vor nationalen Alleingängen Renationalisierung ist der falsche Weg

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Generalsekretär der Internationalen Handelskammer

Expertise:

Oliver Wieck ist Generalsekretär der Internationalen Handelskammer (ICC) in Deutschland.

Dass sich ein Virus weltweit verbreitet, ist nichts Neues. Neu hingegen sind die Auswirkungen auf die weltweite Arbeitsteilung im Rahmen der Globalisierung und der Offenheit von Gesellschaften. Renationalisierung und Abschottung in Politik und Wirtschaft wären die falschen Antworten.

Pest, Spanische Grippe und SARS waren Pandemien und auch das Corona Virus steht an der Schwelle zu einer Pandemie bzw. hat sie bereits überschritten. Anders als früher liegen die Herausforderungen heute weniger im medizinischen oder hygienischen Bereich. Die gewünschte und gewollte  Vernetzung - allein durch rund vier Milliarden Flugreisen pro Jahr - macht unsere Welt deutlich anfälliger für eine Verbreitung von Viruserkrankungen. Und es ist nicht nur der Tourismus, der darunter leidet. Vielmehr wirken sich solche Krisen auch unmittelbar auf die weltweite Arbeitsteilung der Unternehmen aus, auf ihre globale Lieferketten, ihre weltweiten Investitionen oder ihre Produktion „Just-in-time“.

Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Nationale Maßnahmen sind wichtig und richtig, sie machen aber nur dann Sinn, wenn sie auf regionaler oder multilateraler Ebene abgestimmt werden. Welche Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus erforderlich sind, wird auf der Ebene der Weltgesundheitsorganisation und innerhalb der EU abgestimmt. Da auch der globale Handel betroffen ist, ist auch die Welthandelsorganisation (WTO) gefordert, ihren Beitrag zu leisten.

Nationale Maßnahmen müssen auf regionaler oder multilateraler Ebene abgestimmt werden.

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Verhindert werden muss insbesondere, dass einzelne Länder oder Regionen die Pandemie zum Anlass nehmen, neue und dauerhafte Maßnahmen zur Renationalisierung der Wirtschaft und zur Abschottung der eigenen Märkte einzuführen. Auch wenn die WTO ganz unabhängig von der aktuellen Krise vor großen Herausforderungen steht, bleibt es dabei, dass die Auswirkungen auf den globalen Handel nur im Konsens und nicht im nationalen Alleingang gemeistert werden können.

Es muss verhindert werden, dass nun einzelne Länder oder Regionen ihre Wirtschaft renationalisieren und abschotten.

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Die zu erwartende Pandemie ist auch eine enorme Herausforderung für die Bundesregierung. Sie muss auch in kritischen Zeiten die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen, zum Beispiel durch die Schaffung strategischer Reserven bei Medikamenten, Nahrungsmitteln oder im Energiebereich. Sie muss gleichzeitig das richtige Verhältnis finden zwischen einer extremen Verharmlosung einerseits und Panikmache andererseits. Die Abschottung ganzer Dörfer oder sogar von Städten kann für die Bekämpfung des Virus erforderlich sein, sie muss aber verhältnismäßig sein.

Bevor ganze Dörfer oder Städte abgeschottet werden, muss erst die Verhältnismäßigkeit reflektiert werden.

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Auch die Wirtschaft ist gefordert. Sie muss im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung sicherstellen, dass strategische Kernkompetenzen beziehungsweise die Produktion von Komponenten nicht komplett ins Ausland verlagert werden, sondern flexible Lösungen gerade in Notfallsituationen gefunden werden. Ein gutes Risikomanagement der Unternehmen, das auch die globalen Lieferketten im Blick hat, wird weiter an Bedeutung zunehmen. Denn eines ist auch klar: Covid-19 ist nicht die erste und wird auch nicht die letzte Pandemie sein, die Politik, Gesellschaften und Unternehmen vor neue Herausforderungen stellt. Und auch hier gilt: ein kompletter Rückzug von den Weltmärkten und eine Renationalisierung der Produktion sind keine Lösung.  Dafür fehlen uns schlicht die Arbeitskräfte, eine nationale Produktion wäre auch viel zu teuer.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Rolf-Jürgen Czerny
    "Die gewünschte und gewollte Vernetzung - allein durch rund vier Milliarden Flugreisen pro Jahr - macht unsere Welt deutlich anfälliger... "

    Ist diese Vernetzung in dieser Größenordnung gewünscht und gewollt?
    Aus der Sicht der Klimakonsolidierung sicher nicht, da ein Großteil auf wenig sinnvolle touristische Aktivitäten zurück zu führen ist.

    " auch unmittelbar auf die weltweite Arbeitsteilung der Unternehmen aus, auf ihre globale Lieferketten, ihre weltweiten Investitionen.."
    Diese so genannte Arbeitsteilung besteht oftmals nur darin, billige Produzenten aus Gründen der Gewinnmaximierung zu generieren. Auf nur verlängerte Werkbänke können wir gut verzichten.

    "Ein gutes Risikomanagement der Unternehmen, das auch die globalen Lieferketten im Blick hat, wird weiter an Bedeutung zunehmen."
    Im engeren europäischen Maßstab ist das sicherlich möglich. So haben z.B. die großen Autofirmen ihre Zulieferer gezwungen einen Puffer zwischen "LKW-Lager" dem auf der Autobahn und dem Empfängerwerk durch große Zwischenlager vor dem jeweiligen Autowerk zu installieren. Das wird mit Fernost kaum funktionieren.

    Als Fazit aus der Coronakrise und der dadurch entstandenen weltwirtschaftlichen Lage wären einige Konsequenzen sinnvoll:
    Eine Rückbesinnung auf mögliche und bezahlbare wirtschaftliche Standorte innerhalb der EU.
    Ein sinnvolle Lenkung, nicht zuletzt aus Umweltgründen des in den letzten Jahrzehnten ausufernden Tourismusaktivitäten in aller Welt - die auch bisher schon dort nicht immer gewollt waren, Beispiel Venedig.
    Eine engere Zusammenarbeit innerhalb der EU mit weniger Bürokratie aus Brüssel und kürzerer Genehmigungszeiten für notwendige und sinnvoll Großprojekte in den einzelnen EU-Lände