Flexibilisierung der Arbeitswelt Unternehmen müssen sich auf die Arbeitswelt 4.0 einstellen

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Arbeitsdirektorin TUI AG

Expertise:

Dr. Elke Eller ist eine deutsche Volkswirtin, Mitglied des Vorstandes für das Ressort Personal sowie Arbeitsdirektorin der TUI Group, Dozentin an der Technischen Universität Braunschweig und Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager. Vor ihrer Tätigkeit bei der TUI AG war Elke Eller unter anderem im Vorstand der Industriegewerkschaft Metall, bei der Otto-Brenner-Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung, sowie bei der Volkswagen AG tätig.

Die Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt 4.0 können Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit sich bringen. Voraussetzung ist allerdings, dass Unternehmen und Organisationen sich auf die neuen Anforderungen der Transformation einstellen. 

Die Digitalisierung bestimmt den Dialog über die Zukunft der Arbeit – und das völlig zu Recht. Künstliche Intelligenz, Robotik oder Maschine-zu-Maschine-Kommunikation werden wirtschaftliche Prozesse in Zukunft stark beeinflussen, mit weitreichenden Folgen für den Arbeitsmarkt. Die neue Arbeitswelt wird geprägt sein von neuen digitalen Werkzeugen, neuen digitalen Prozessen und neuen Berufsbildern, die viel grundlegender als bisher von digitalen Kompetenzen abhängen.

Grundlegende Transformationen in der Berufswelt verändern die Anforderungen an Quantität und Qualität der Arbeit.

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Bei aller Begeisterung für die Digitalisierung sollten wir nicht vergessen, dass sich Arbeit seit Jahrhunderten kontinuierlich weiterentwickelt. Vor welchen Herausforderungen standen die Menschen, als Dampfmaschinen in die Fabrikhallen einzogen und die Fließbandfertigung in die Produktion einzog. Sie führten zu enormen Produktivitätssteigerungen, gerade für relativ gering qualifizierte Arbeitskräfte. Und einige können sich vielleicht noch erinnern, mit welchen Weltuntergangsszenarien die Einführung von Personalcomputern in Unternehmen in den 1980er Jahren einhergingen, nach dem Motto (und Spiegel-Titel): Fortschritt macht arbeitslos. Und haben diese Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie, bei programmierbaren Maschinen und in der Automatisierungstechnik nicht auch Vorteile für hoch qualifizierte Arbeitskräfte mit sich gebracht?

Die Geschichte der Arbeit zeigt uns, dass eine grundlegende Transformation nicht das Ende der Arbeit bedeuten muss. Aber jede grundlegende Veränderung der Bedingungen von Arbeit wird die Anforderungen an ihre Quantität und Qualität verändern. Denken Sie nur an den Beruf des Schornsteinfegers. Über Jahrzehnte hinweg bestand seine Aufgabe vor allem darin, Schornsteine zu reinigen. Heute sind Schornsteinfeger eher Umwelt- oder Energietechniker, die Emissionen messen, die Sicherheit von Anlagen überprüfen oder Tipps zur verbesserten Energieeffizienz geben können. Wir sollten die Arbeit 4.0 nicht dämonisieren, aber auch nicht leichtfertig in diese unweigerlich neue Welt hineinstolpern.

Vielleicht sollten wir mit dieser Causa-Debatte deshalb die Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung vorerst zu den Akten legen? Und uns damit auseinandersetzen, was wir eigentlich heute tun müssen, um morgen nicht den digitalen Anschluss zu verlieren? Dazu ist es hilfreich zu verstehen, worin sich die Digitalisierung so grundlegend von allen Umwälzungen unterscheidet: Der Umbruch vollzieht sich in „Echtzeit“, vor unseren Augen.

Es ist uns wenig geholfen, Sonntagsreden zur Digitalisierung zu halten, während diese sich bereits durch die Werkshallen und Büros unserer Unternehmen walzt. Wir stehen unter massivem Zeitdruck. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fordern von uns Lösungen. Personalverantwortliche müssen sich deshalb fragen, ob sie unter den gegebenen Rahmenbedingungen genug tun, um „Arbeit 4.0-ready“ zu sein.

Zahlreiche Unternehmen und Organisationen haben Probleme mit der Realisierung digitaler Veränderungen. 

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In einer Umfrage des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) unter seinen Mitgliedern sehen seine Mitarbeiter erheblichen Nachholbedarf hinsichtlich der Einbindung ihres eigenen Bereiches in den digitalen Veränderungsprozess ihrer Unternehmen und Organisationen. Nur in gut der Hälfte der Unternehmen ist die Personalabteilung überhaupt involviert! Aber selbst wenn der Personalbereich eingebunden ist, geschieht das in den meisten Fällen ohne ein umfassendes Konzept. Gerade einmal sechs Prozent aller Befragten stimmen zu, dass es innerhalb ihres Personalbereichs einen klaren Umsetzungsplan zur Realisierung der Veränderungen gibt. Dies zeigt einen deutlichen Nachholbedarf – und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb des Personalbereichs.

Alle reden von mehr Flexibilität und Agilität in der schönen neuen Arbeitswelt. Aber welche Unternehmen können heute bereits von sich behaupten, die Präsenzkultur hinter sich gelassen zu haben? Niemandem nutzt ein Wahlarbeitsgesetz mit einem Rechtsanspruch auf mehr Freiheit bei Arbeitszeit und Arbeitsort, wenn diejenigen in Unternehmen nicht ernst genommen werden, die an wichtigen Besprechungen „nur“ per Videokonferenz teilnehmen.

Und wem gewähren wir Flexibilität und Agilität? Jedes Unternehmen und jede Organisation muss sich fragen, ob sie nicht schon heute mehr tun kann, um eine Kultur der Flexibilität und Agilität zu etablieren. Insbesondere die Debatten rund um die Teilzeit zeigen, dass noch zu sehr an einer Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität festgehalten wird, wo mehr Flexibilität auf Unternehmensseite notwendig wäre. Gewinner wird sein, wer die Flexibilisierung seiner Prozesse mit der Flexibilität seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vereinen kann. Beide Seiten können davon profitieren.

Von einem Mehr an Flexibilität profitieren beide Seiten: Arbeitnehmer und Arbeitgeber. 

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Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse einer Umfrage von BPM und Bundesfamilienministerium unter 1500 Personalmanagern in Deutschland zeigen, dass 40 Prozent der Unternehmen Arbeitsmodelle anbietet, bei denen die Arbeitszeit bei 50 bis 75 Prozent der vertraglichen Arbeitszeit liegt. Nur elf Prozent der befragten Unternehmen nutzen Teilzeitmodelle, bei denen die Arbeitszeit zwischen 75 und 90 Prozent liegt. Gerade Teilzeit-Modelle mit nur geringen Auswirkungen auf Arbeitszeit und Gehalt sind jedoch besonders attraktiv. Denn sie geben den Mitarbeitern mehr Zeit, um sich um Kinder, pflegebedürftige Angehörige oder einfach um sich selbst zu kümmern. Und ihre Auswirkungen auf das Einkommen sind für die Mitarbeiter oft besser verkraftbar als Modelle, bei denen sich das Einkommen um die Hälfte oder mehr reduziert.

In Zukunft dürfte insbesondere dieser Anteil weiter steigen: Denn 55 Prozent der befragten Personalmanager gaben an, dass ihre Unternehmen und Organisationen zukünftig genau solche Teilzeit-Modelle verstärkt anbieten wollen. Die Wochenarbeitszeit liegt hier zwischen 28 bis 36 Stunden. Unternehmen haben also bereits heute Möglichkeiten, Arbeit zu flexibilisieren.

Und ohne Zweifel gibt es in Deutschland Vorreiter unter den Unternehmen, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht. Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ ist derzeit zu beobachten, wie Fernwartungskonzepte, individualisierte Massenfertigung oder eine vernetzte Logistik und Produktion riesiges Potential für diese Branchen bieten und ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern. Jedes Unternehmen jedoch, das kein Vorreiter bei der Digitalisierung ist, ist eines zu wenig für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Unternehmen müssen die Chancen der Arbeitswelt 4.0 nutzen, indem sie sich auf die neuen Anforderungen einstellen. 

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Derzeit scheint insbesondere das produzierende Gewerbe im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands wird aber davon abhängen, die Zukunft der Arbeit in allen Bereichen der Wirtschaft zu gestalten. Vom Kleinunternehmen bis zum Großkonzern, in der produzierenden Industrie genauso wie im Dienstleistungssektor.

Dabei sollte der Hype um die Digitalisierung nicht blenden. Jeder Personalverantwortliche muss sich fragen, wie sein Unternehmen sich heute auf die Arbeitswelt 4.0 vorbereiten kann. Schluss mit den Sonntagsreden. An die Arbeit!

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