Digitalisierung am Arbeitsmarkt  "Es ist Zeit für einen neuen Pakt für Arbeit"

Bild von Bernhard Rohleder
Bitkom e.V.

Expertise:

Dr. Bernhard Rohleder ist Hauptgeschäftsführer von Bitkom, einem Zusammenschluss von mehr als 2.400 Unternehmen der digitalen Wirtschaft. Bitkom fördert die digitale Transformation der deutschen Wirtschaft insbesondere durch eine innovative Wirtschaftspolitik, eine Modernisierung des Bildungssystems und eine zukunftsorientierte Netzpolitik.

Die Digitalisierung des Arbeitsmarkts bietet die Chance, Jobs aus Niedriglohnländern nach Deutschland zurückzuholen. Dafür muss die Politik aber in die digitale Bildung investieren. 

Es gibt Arbeit im Überfluss. Zumindest in diesem Moment, in Deutschland, für Menschen mit guter Qualifikation. Von 615 Berufsgattungen sind 139 Engpassberufe. Dieser Mangel zieht sich quer durch alle Branchen. Erzieher oder Lehrer, Altenpfleger oder Lagerarbeiter, Elektroninstallateure oder Klempner, Maschinenbauer oder Nuklearphysiker – sie werden gesucht und nicht gefunden. Allein für Informatiker gibt es derzeit 51.000 freie Stellen, die kaum zu besetzen sind.

Bei vielen Ausschreibungen stellt sich gar nicht die Frage, für welchen Bewerber man sich entscheidet. Es gibt immer häufiger überhaupt keinen Bewerber. Keinen einzigen. Durch den Mangel an Informatikern entgeht Deutschland jährlich eine Wertschöpfung von mehr als fünf Milliarden Euro – unmittelbar, ohne nachgelagerte Effekte. Die volkswirtschaftlichen Verluste sind also weitaus größer. Es gibt derzeit und auf absehbare Zeit zumindest hier bei uns mehr Arbeit, als wir bewältigen können. Jede Arbeitsstunde wird gebraucht.

Die Digitalisierung kann dabei helfen, Jobs nach Deutschland zurückzuholen.

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Dieser Effekt wird durch die Digitalisierung nicht abgeschwächt, er wird verstärkt. Der Kollege Roboter kostet keine Jobs, im Gegenteil. Er macht die Drecksarbeit und – vor allem – er macht uns noch wettbewerbsfähiger, als wir es heute bereits sind. Digitalisierung erzeugt einen enormen Produktivitätsschub. Mit ihrer Hilfe kann es gelingen, Wertschöpfung aus den Niedriglohnstandorten nach Deutschland zurückzuholen. Wertschöpfung, die wir in den vergangenen 30 Jahren verloren haben. Was zeichnet den Wirtschaftsstandort Deutschland aus? Wenige Rohstoffe, hohe Löhne und Gehälter. Im globalen Wettbewerb galt das bislang eher als Standortnachteil. Aber in der digitalen Wirtschaft spielen Rohstoffe kaum noch eine Rolle und die Lohnkosten verlieren rapide an Bedeutung. Alles spricht dafür, dass wir künftig nicht weniger, sondern mehr zu tun haben. Digitalisierung ist die größte Chance, die Deutschland jemals hatte. Was jetzt zählt, sind Produktivität und Agilität.

Formale Aspekte sind längst nicht mehr maßgeblich für die Qualität der Arbeit.

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Für die Zukunft stellt sich also nicht die Frage, ob wir arbeiten, sondern wie: Digitalisierung führt zur Entgrenzung von Arbeit. Ort, Zeit und andere Formalaspekte des Arbeitsverhältnisses werden entgrenzt und spielen kaum noch eine Rolle. Wann ich arbeite, wo ich arbeite, wie ich arbeite, ob als festangestellter oder freier Mitarbeiter – es hat keine Bedeutung mehr. Es geht nur noch um eines: dass der Job gut gemacht wird. 

In der digitalen Ökonomie verkehrt sich das Verhältnis des Menschen zur Arbeit zumindest in einer wesentlichen Hinsicht in sein Gegenteil. In der Vergangenheit mussten die Menschen dorthin gehen, wo die Jobs waren. Die Jobs der Zukunft kommen zu den Menschen. Weltweite Volatilität ist ein entscheidendes Merkmal der Arbeit 4.0. Dies wird einigen gefallen, anderen nicht.

Der niedergelassene HNO-Arzt wird den digitalen Service des einschlägigen Diagnosezentrums in Riga als unliebsame Konkurrenz begreifen. Kranke Menschen aber werden es zu schätzen wissen, wenn sie jederzeit ärztlichen Rat einholen können. Die Online-Sprechstunde hat auch am Wochenende und nachts geöffnet. Wartezeiten sind kein Thema mehr. Der Tele-Mediziner kommt zu uns nach Hause, und dies auch dann, wenn er seine Praxis in Singapur hat. Der Englischlehrer schaltet sich aus den USA auf, der Mathematiklehrer aus Indien, der Musiklehrer aus Russland. Ingenieurleistungen werden wir aus Frankreich beziehen, Grafik- und Kreativangebote aus Italien – in Echtzeit und so, als sei das Büro gleich nebenan. Dies schafft Entlastung dort, wo wir die in Deutschland anfallende Arbeit aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen können. Gleichzeitig erzeugt es Wettbewerbsdruck für abhängig Beschäftigte und Selbständige bei uns.

Nur mit umfassender Bildung kann eine Gesellschaft alle Vorteile der Digitalisierung nutzen.

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Vor allem aber ist es die Grundlage für neue Leistungen, die wir von Deutschland aus weltweit anbieten können: click services delivered from Germany. Durch Digitalisierung werden weltweit Millionen neuer Jobs entstehen. Zumindest in diesem Punkt sind sich alle Studien einig. Diese neuen Digital-Jobs gehen dorthin, wo die Menschen sind. Jene Menschen, die den Willen und die Fähigkeit besitzen, die digitalen Aufgaben gut zu bewältigen. Dazu braucht es Dreierlei: Bildung, Bildung, und Bildung. Wenn wir es schaffen, den Nachwuchs auf die Qualifikationsanforderungen der digitalen Wirtschaft vorzubereiten, müssen wir uns um die Zukunft keine Sorgen machen. Die Unternehmen stehen ihrerseits vor der Aufgabe, digital kompetente Mitarbeiter – feste oder freie – für sich zu begeistern und zu binden.

Von flexiblen Arbeitszeiten profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.

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Die Begeisterung steigt definitiv mit der Selbstbestimmtheit, gerade auch in Fragen der Arbeitszeit. Der klassische Acht-Stunden-Tag, wie er für frühere Generationen als selbstverständlich galt, hat in der digitalen Ökonomie ausgedient. An die Stelle muss eine Wochenarbeitszeit treten, die flexibel gestaltet werden kann. Wahlarbeitszeit darf aber keine Einbahnstraße sein. Wenn die Auftragsbücher voll sind, Kunden zusätzlichen Bedarf anmelden und es in allen Ecken brennt, dann muss ein Unternehmen auch die Möglichkeit haben, bei seinen Mitarbeitern zusätzlichen Einsatz einzufordern. Die Zeiten, in denen Arbeitssuchende in Schlangen vor der Tür standen, sind – zum Glück – vorbei. Und so kommt es auf die Stammspieler an. Sie muss man auch zusammentrommeln dürfen.

Arbeit 4.0 braucht Agilität und damit ein ganz neues Verständnis des Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es ist Zeit für einen neuen Pakt für Arbeit. Einen Pakt, der die Realitäten der digitalen Welt abbildet. Weg von einem einseitigen Fordern, hin zu einem Geben und Nehmen. Anything goes.

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