Digitalisierung am Arbeitsplatz Die Politik kann von den Nerds etwas lernen

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Bertelsmann Stiftung

Expertise:

Dr. Ole Wintermann ist bei der Bertelsmann Stiftung tätig und verantwortet dort das Thema „Zukunft der Arbeit“. Er schreibt auf seinem Blog über die Chancen und Folgen des Globalen Wandels (globaler-wandel.blogspot.com).

Die deutsche Politik sollte sich endlich von der Arbeitslogik des Industriezeitalters verabschieden. Das “Wahlarbeitszeitgesetz” ist ein Schritt in die richtige Richtung.

24% der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten bereits mobil von unterwegs oder aber im HomeOffice von zuhause aus, so die Zahlen aus dem neuesten D21 Digital Index. Nur 20% sagen, dass ihnen in ihrem Beruf mobiles Arbeiten grundsätzlich nicht möglich sei. Damit widerlegen die Zahlen eine beliebte Argumentation von Arbeitgebern und Gewerkschaften, die darauf abzielt, dass die Debatte um mobile Formen der Arbeit allein eine Eliten-Debatte der Berliner Nerd-Bubble sei. Ganz im Gegenteil deutet sich in diesen Zahlen ein Trend an, der in den USA schon seit längerem auf der Tagesordnung der öffentlichen Debatte steht: In welchen Arbeitsverhältnissen und mit welchen Arten von Arbeit wollen wir in Zukunft tätig sein und ein entsprechendes Einkommen erzielen?

Das gerade veröffentlichte Weißbuch des Bundesministeriums für Arbeit stellt hierzu sehr dezidiert fest: „Vollbeschäftigung bei Guter Arbeit für alle bleibt unser Ziel.“ Dazu gehört nach Meinung der Autorinnen ein „sicheres und unbefristetes Arbeitsverhältnis sowie ein existenzsicherndes auskömmliches Einkommen“. Dies könne, so die Autorinnen, gewährleistet werden durch eine „beschäftigungsorientierte Wirtschaftspolitik“ und den Ausbau des „öffentlich geförderten Beschäftigungssektors“. Finanziert werden solle das Ganze aus „digitalen Gewinnen“ (Gibt es analoge Gewinne?).

Die Politik hat die Vorteile der Digitalisierung für die Arbeitswelt noch nicht verstanden.

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Sieht so die Antwort der deutschen Politik auf die digitale Herausforderung für die Art, wie wir zukünftig arbeiten werden, aus? Wer insbesondere das Kapitel „Gestaltungsaufgaben“ mit der Darstellung der Handlungsoptionen der zukünftigen Politik liest, wird den Eindruck nicht los, bei der Digitalisierung handele es sich um eine gefährliche Pandemie, von der wir unser Land auf jeden Fall zu schützen hätten. So geht es um den „Schutz vor Entgrenzung und Überforderung“, um das „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit“. Mit Blick auf den Dienstleistungssektor wird vor allem „schlecht bezahlte und kaum abgesicherte Beschäftigung“ kritisiert (als wenn dies erst mit der Digitalisierung ein Problem geworden sei).

Diese sehr einseitige Sicht der Dinge wurde nicht zuletzt bei der Diskussion in den Online-Medien während der Konferenz zur Vorstellung des Weißbuchs (bei der die Tagesordnung und das Setting keine große Möglichkeit des Mitmachens und Einmischens bot) kritisiert. So fragten sich viele unbescholtene Nicht-vor-Ort-Teilnehmer, wieso denn das Gefahrennarrativ so konsequent auf jedem Panel vorzufinden war.

Eine neue Arbeitswelt sollte nicht nur von den alten Akteuren, den Gewerkschaften und Großunternehmen, gestaltet werden.

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Über die Antwort auf diese Frage kann nur spekuliert werden. Wer einen Blick in die Teilnehmerliste der das Weißbuch begleitenden Workshops und Expertenpanels wirft und sich die Initiatorinnen der eingebrachten Stellungnahmen anschaut, findet vielleicht eine erste Antwort auf diese Frage. Außer Thomas Sattelberger und dem Internet und Gesellschaft Collaboratory sowie dem Verband der Gründer und Selbständigen findet sich keinerlei Teilnehmerin aus dem zivilgesellschaftlichen oder auch StartUp-Bereich (man verzeihe mir, wenn ich doch eine Person oder Institutionen übersehen habe!). Es findet sich auch kein Expertin aus dem Bereich der Zukunftsforschung. Aus dem Unternehmensbereich sind stattdessen unter anderem BMW, Daimler, die Deutsche Bahn, TUI, Allianz (jeweils AGs) vertreten gewesen. Es sind des Weiteren etliche Universitäten und Forschungseinrichtungen einbezogen worden. Verschiedene Gewerkschaften und Betriebsräte runden das Bild ab.

Auch wenn die Autorinnen nicht müde wurden und werden zu betonen, dass es etliche Eingabemöglichkeiten für Menschen, die nicht zu diesen Kreisen gehören, gegeben habe, kann man sich bei der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur die wenigsten Anmerkungen in das Buch geschafft haben und damit die Filter der korporatistischen Institutionen durchdrungen haben.

Es hat keinen Sinn, die Arbeitsweise des Industriezeitalters künstlich am Leben zu halten.  

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Es gibt jedoch auch viele lobenswerte Punkte, die aus der Arbeitslogik des Industriezeitalters ein wenig auszubrechen versuchen. Dazu gehört beispielsweise der Ansatz, im Rahmen einer “nationalen Weiterbildungskonferenz” Konzepte für eine Weiterbildungs- und Qualifizierungsstrategie zu entwickeln. Dadurch könnte die häufig künstliche Trennung zwischen Arbeitsleben und Bildungssystem endlich aufgehoben werden.

Ein "Wahlarbeitszeitgesetz", bei dem Arbeitnehmer Arbeitsort und Dauer der Arbeit wählen können, macht Sinn.

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Die Weiterentwicklung der Arbeitslosen- zu einer Arbeitsversicherung gehört ebenfalls zu den Plänen, die einen gewissen Systemwechsel einläuten könnten. Um zu einer Arbeitszeitgestaltung zu gelangen, die „besser den spezifischen Zeitbedarfen im Lebensverlauf Rechnung trägt“, wird schließlich die Erprobung eines “Wahlarbeitszeitgesetzes” vorgeschlagen, innerhalb dessen der Arbeitnehmer einen gewissen Anspruch auf die “freie Wahl der Lage, der Dauer und des Arbeitsortes” haben soll. Dieser Punkt ist sicherlich derjenige, der den aktuellen neuen Erfordernissen der digitalen Welt am ehesten entgegenkommt.

Eine gewisse Einschränkung erfahren diese Reformansätze allerdings auch gleich wieder durch die Einschränkung der Diskussion zu dem “Flexibilitätskompromisse” anscheinend nur zwischen “Arbeitgebern und Gewerkschaften”. Begründung: Hierfür “scheinen tarifliche und betriebliche Vereinbarungen am besten geeignet, die gesetzlichen Regelungen in der betrieblichen Praxis passgenau umzusetzen”.

Die Neuerungen dürfen nicht den Tarifbeschäftigten vorbehalten bleiben.

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Mit dieser Einschränkung aber entsteht der Eindruck, dass am Ende alle anderen Formen von Arbeit außerhalb der Norm-Arbeitsverhältnisse von den Überlegungen ausgeschlossen sind. Ist das Weißbuch damit der Versuch, die Logiken des Industriezeitalters in das digitale Zeitalter hinüber zu retten? An anderer Stelle stellen die Autorinnen ja zu Recht fest: „Die allermeisten der am Dialogprozess Beteiligten sehen die Einbeziehung und Teilhabe der Beschäftigten als Schlüsselfaktor für die erfolgreiche Gestaltung der Arbeitswelt von morgen an". Warum basieren dann aber die meisten Inhalte des Weißbuchs auf den Positionen der bekannten Stakeholderinnen?

Nach Lektüre des Textes kann man sich deshalb des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Initiatorinnen schon bewusst waren, dass sie angesichts des Themas auch neue Wege des Dialogs gehen müssen. Das Ergebnis des Prozesses lässt aber die Vermutung aufkommen, dass der offene Dialog nicht konsequent bis zum Ende aufrecht erhalten wurde. Das ist sowohl mit Blick auf die Inhalte als auch die Methode der offenen Regierungsweise (Open Government) schade. Der eingeschlagene methodische Weg ins Neuland ist aber richtig und kann schon bei den nächsten Vorhaben weiter ausgebaut werden.

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