Nahles Weißbuch Arbeiten 4.0 Die flexible, digitale Arbeitswelt ist ein Traum für wenige

Bild von Karl Brenke
DIW - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Expertise:

Der Volkswirt Karl Brenke ist Referent im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er forscht insbesondere zur deutschen Konjunktur, zu Arbeitsmarktthemen und zur wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland.

Beim "Arbeiten 4.0" darf Andrea Nahles eines nicht vergessen: Die meisten Tätigkeiten bleiben trotz Digitalisierung an die Präsenz am Arbeitsplatz und an Schichtarbeit gebunden. 

Phrasen haben derzeit Konjunktur. Anders als bei Begriffen, die auf das Begreifen von Sachverhalten zielen, dienen Hohlwörter allein der Wichtigtuerei. So wird seit geraumer Zeit wird mit „Industrie 4.0“ hausieren gegangen. Und weil dieses „4.0“ so herrlich bedeutungsschwer klingt, hat man sich auch noch „Arbeit 4.0“ ausgedacht. Gemeint sein kann nur ein qualitativer Sprung – und zwar von einer Arbeit 3.X. Offen bleibt, was diese war und was denn der qualitative Sprung weg von ihr sein soll.

Das Arbeitsleben unterliegt permanent Veränderungen. Das zeigt sich in vielerlei Hinsicht: etwa bei der Art der Beschäftigungsverhältnisse oder bei der Dauer und der Lage der Arbeitszeiten. Die Dauer ist kürzer geworden. Wurden im Jahr 1991 je Beschäftigter im Schnitt üblicherweise noch 37,3 Stunden je Woche gearbeitet, waren es 2015 nur noch 34,4 Stunden. Das hängt aber nicht mit tarifvertraglichen Arbeitszeitverkürzungen zusammen, denn die tatsächliche Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten blieb weitgehend unverändert. Im letzten Jahr belief sie sich auf 40,5 Stunden pro Woche; das sind gerade einmal 20 Minuten weniger als 1991.

Die Teilzeit hat den Arbeitsmarkt flexibler und weiblicher gemacht.  

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Entscheidend war der Trend zur Teilzeitbeschäftigung. Ging gleich nach dem Mauerfall nicht einmal ein Siebtel aller Erwerbstätigen einer Teilzeittätigkeit nach, ist es inzwischen mehr als ein Viertel. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdoppelt und beträgt knapp 12 Millionen. Die Vollzeitjobs sind dagegen lange Zeit weniger geworden, erst ab Mitte der letzten Dekade ist ihre Zahl wieder gestiegen.

Teilzeitbeschäftigung ist vor allem weiblich: 80% der Teilzeitkräfte sind Frauen. Von allen beschäftigten Frauen geht knapp die Hälfte einer Teilzeittätigkeit nach, unter den Männern ist das lediglich bei jedem zehnten der Fall. Der Trend zur Teilzeitbeschäftigung vollzog sich in einer stetigen Entwicklung. Ausschlaggebend war ein verändertes Erwerbsverhalten der Frauen, die nicht den ganzen Tag im Heim und am Herd zubringen wollten. Förderlich wirkte sich der sektorale Wandel hin zu den Dienstleistungen aus: Viele Jobs hier kamen den Präferenzen der Frauen entgegen, zumal sie als Teilzeittätigkeiten angeboten wurden. Aber auch unabhängig vom Geschlecht ist der Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung größer geworden. Das zeigt sich vor allem bei der kräftig gestiegenen Zahl derjenigen, die noch im Rentenalter erwerbstätig sein wollen oder müssen.

Die Digitalisierung stoppt nicht den Trend der Wochenend- und Schichtarbeit.  

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Gleichzeitig hat der Anteil der Beschäftigten mit Schichtarbeit kontinuierlich zugenommen. Mehr als jeder sechste leistet regelmäßig oder hin und wieder Schichtdienst, vor einem Vierteljahrhundert traf das lediglich auf jeden neunten abhängig Beschäftigten zu. Neben der Industrie ist Schichtarbeit im Gesundheitswesen sowie im Handel und im Gastgewerbe häufig zu finden. Hier hat die Beschäftigung zugelegt und damit die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Schichtdienst. Auffallend ist, dass vor allem unter den Teilzeitkräften Schichtarbeit zugenommen hat. Mit der Ausbreitung der Schichtarbeit ist im Grunde das Arbeitszeitregime rigider geworden.

Damit ging allerdings keine entsprechende Veränderung bei der Arbeitszeit innerhalb des Tages oder innerhalb der Woche einher. Wie vor 25 Jahren muss auch heute etwas mehr als jeder achte Beschäftigte mitunter nachts arbeiten. Zwischenzeitlich war der Anteil höher, seit 2007 ist er geschrumpft. Ähnlich verhält es sich mit der Berufstätigkeit am Wochenende: Bis 2007/2008 breitete sich Arbeit am Samstag und am Sonntag immer mehr aus; seitdem ist der Trend gebrochen. Allerdings ist nicht die regelmäßige Wochenendarbeit etwas weniger geworden, sondern nur die gelegentliche.

Viele Arbeitgeber sperren sich noch immer gegen das Homeoffice-Modell.

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Schon in den Achtziger Jahren wurde angesichts damaliger moderner Kommunikationstechniken erwartet, dass Heimarbeit sich stark ausbreiten würde. Dem war nicht so. Der Anteil derjenigen Beschäftigten, die überwiegend oder hin und wieder von zu Hause aus arbeiten, hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert. An den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern liegt es nicht, denn viel mehr würden Home Office nutzen, wenn die Arbeitgeber es zuließen. Das gilt nicht zuletzt für gut ausgebildete Arbeitskräfte, insbesondere für hochqualifizierte.

Aufs Ganze gesehen wird weniger lang gearbeitet – allein durch vermehrte Teilzeitarbeit. Die Übereinstimmung von Arbeitszeitwünschen und Jobs stellt sich quasi automatisch über den Markt her. Trotzdem werden nun neue Gesetze ins Spiel gebracht, nach denen den Beschäftigten mehr Rechte bei Entscheidungen über ihre Arbeitszeit und über ihren Arbeitsort eingeräumt werden soll.

Arbeiten 4.0 wird nur einem Teil der Arbeitnehmer zu Gute kommen. 

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Das hier zu Tage tretende Misstrauen gegenüber dem Markt ist unberechtigt. Denn wenn Arbeitgeber an starren Arbeitszeitregelungen festhalten, obwohl die Arbeitsbedingungen mehr zeitliche Flexibilität zulassen, dürften sie es in Zukunft immer schwerer haben, die benötigten Fachkräfte zu finden. Diese gehen dahin, wo Lohn und Arbeitszeitgestaltung ihren Vorstellungen entsprechen. Dabei handelt es sich aber nur um eine Minderheit. Trotz des Wortgeklingels von Arbeit 4.0 darf man nicht den Blick für die Realität verlieren und ausblenden, dass die meisten Tätigkeiten an die Präsenz in der Fabrik, im Altenheim, im Laden oder auf der Baustelle gebunden sind. Daran wird auch die schon ein halbes Jahrhundert wirksame Digitalisierung wenig ändern. Und der Trend geht keineswegs allein hin zu solchen Tätigkeiten, die mehr zeitliche und räumliche Souveränität erlauben.

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