Wandel der Arbeitswelt Die Digitalisierung befreit uns vom Anwesenheitszwang

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Kai Whittaker ist seit 2013 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Rastatt. Er ist Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales. Dort ist er Experte für die Themen Hartz IV und Arbeiten 4.0.

Die alte Stechuhr hat ihre Berechtigung zum Schutz der Arbeitnehmer. Dort wo sie längst überflüssig ist, muss sich die Arbeitswelt endlich von ihr verabschieden.    

Es passiert jeden Tag. Millionenfach. Einstempeln, arbeiten, ausstempeln. Wer in einem Betrieb arbeitet, kennt sicherlich diese kleinen grauen Kästen, an denen man seinen Betriebsausweis, seine Karte oder seinen Chip dranhält. Fein säuberlich, auf die Minute genau, wird erfasst, wie lange man gearbeitet hat. Oder besser: wie lange man im Betrieb war. Unsere Arbeitswelt ist bis heute sehr statisch auf die Arbeitszeit fixiert. Die meisten haben einen 40-Stunden-Vertrag. Die maximale Höchstarbeitszeit, die Ruhezeit, der Mindestlohn, die Vergütung: Um all das zu gewährleisten, werden Arbeitszeiten durch diese grauen Kästen erfasst. 

Aber Präsenzzeit heißt nicht unbedingt Arbeitszeit. Wenn wir ehrlich sind, stellen wir fest, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer wertvolle Arbeitszeit vergeuden, zum Beispiel durch sinnlose Meetings. Außerdem arbeiten viele Menschen nicht, wenn sie am produktivsten sind oder gerade einen „Lauf haben“. Denn zündende Ideen kommen vielleicht auch in der Mittagspause, unter der Dusche oder auf der Fahrt zur Arbeit.

Die Digitalisierung ermöglicht die individuelle Gestaltung der Arbeitsrealität. 

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Die Digitalisierung der Arbeitswelt scheint die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit nur noch weiter aufzuweichen und einen scheinbar gelösten Konflikt zwischen Arbeitgebern und -nehmern neu heraufzubeschwören. Mit dem Handy ist man ständig erreichbar, mit dem Laptop zu Hause kann man sich schnell noch einmal hinsetzen und arbeiten. Die Dauerverfügbarkeit für den Arbeitgeber macht den Menschen Angst. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt, durch die neue Technik dauernd Leistung zu erbringen.

Dieser Konflikt verstärkt sich vor dem Hintergrund, dass Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politik sehr unterschiedliche Vorstellungen von der zukünftigen Arbeitswelt haben. Arbeitgeberverbände diskutieren seit einiger Zeit, dass die maximalen Arbeits- und Ruhezeitbestimmungen gelockert oder aufgeweicht werden sollten. Dadurch ließe sich mehr Flexibilität, zum Beispiel beim Home-Office, gewähren. Arbeitnehmer hingegen haben in einer Studie der Koerber-Stiftung zum Ausdruck gebracht, dass sie lieber weniger arbeiten wollen, bei vermutlich gleichem Gehalt, was die Studie leider nicht abgefragt hat. Statt durchschnittlich 38 Stunden wollen die meisten nur 31 Stunden arbeiten. Und die Politik in Form von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wünscht sich ein Wahlarbeitszeitgesetz, wonach der Arbeitnehmer seine Arbeitszeit und seinen Arbeitsort frei festlegen kann. Die Debatte um die Arbeitszeit feiert also fröhliche Urständ.

Die Arbeitszeit ist nicht der richtige Messfaktor für die Güte der Arbeit. 

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Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist für mich hingegen nicht die Ursache dieses alten Konflikts, sondern die Lösung. Sie kann den Wunsch der Arbeitnehmer, weniger Zeit im Betrieb zu verbringen – so interpretiere ich die Studie –, erfüllen. Sie kann aber eben auch dem Wunsch der Arbeitgeber Rechnung tragen, sich von der lästigen Starrheit des Arbeitszeitgesetzes zu lösen. Wir müssen dafür allerdings einen mutigen Schritt gehen: Die Arbeitszeit als Messfaktor in der Arbeitswelt muss verschwinden. Das bedeutet für den Arbeitgeber, dass er Kontrolle über den Arbeitnehmer aufgibt. Für den Arbeitnehmer bedeutet es, dass er eigenverantwortlicher handeln muss. Wenn beide Seiten dazu bereit sind, kann es klappen.

Flexibilität steigert die Zufriedenheit und damit die Produktivität der Arbeitnehmer.  

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Denn die Digitalisierung der Arbeitswelt ermöglicht uns, zu einer selbstbestimmten Uhrzeit an einem selbstbestimmten Ort effizienter zu arbeiten. Arbeitszeit und Arbeitsort selbst festzulegen, versetzt den Arbeitnehmer in die Lage, dann zu Hause zu sein, wann er es wünscht. Dann kann er sich um seine Kinder kümmern, auf den Handwerker warten oder lange Pendelwege vermeiden. Er kann dann arbeiten, wenn er sich am besten konzentrieren kann, wenn ihm gerade eine Idee kommt – so wie ich gerade mit diesem Artikel an einem Sonntagabend um 23 Uhr. Das bedeutet aber auch, dass er sich bewusster entscheiden muss, wann er etwas tut – also wann er arbeitet und wann eben nicht.

Für die Arbeitgeber bedeutet das, dass sie ihren Mitarbeitern mehr Freiheiten gewähren müssen. Sie können eben nicht mehr kontrollieren, wann ihre Mitarbeiter physisch anwesend sind. Stattdessen sind sie gezwungen, ihre Erwartungen genauer an die Mitarbeiter zu kommunizieren, welche Arbeit bis wann erledigt sein muss. Und sie müssen ihre Angst ablegen, dass ein Mitarbeiter zu Hause weniger arbeitet als im Büro. Ich bin mir sicher: Wenn Menschen selbstbestimmt flexibel sein dürfen, arbeiten sie besser und zufriedener.  

Die Politik muss trotz Wandel den umfassenden Arbeitnehmerschutz garantieren. 

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Die Aufgabe der Politik wird es sein, diese Freiheiten zu ermöglichen. Sicherlich kann dieses Szenario nicht für alle Arbeitnehmer gleichermaßen eintreten. Ein Koch wird nie von zu Hause aus ein Restaurant bekochen können. Aber es wird immer mehr Berufe geben, in denen die Digitalisierung mehr Flexibilität ermöglicht. Dass für diese Berufe die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr gelten können, erscheint mir einleuchtend. Die Aufgabe ist also, die Gesetze so anzupassen, dass die bisherigen Regelungen für die Berufe weiterhin gelten, bei denen die Digitalisierung kaum Veränderungen mit sich bringt.

Die bisherigen Regelungen sind gerechtfertigt, weil sie den gesundheitlichen Schutz des Arbeitnehmers im Blick haben und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Die Regelungen müssen jedoch dort geöffnet werden, wo sich die Berufe deutlich verändern. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer brauchen in jedem Betrieb die Freiheit, sich auf die Arbeitsleistung anstatt auf die Präsenzzeit zu konzentrieren. Dann gehört der 9-to-5-Job bald der Vergangenheit an.

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