Arbeitsmarkt im Wandel  Deutschland klebt am klassischen Bürostuhl 

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Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Brigitte Pothmer ist die Arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Die Sozialpädagogin ist als Mitbegründerin der Freien Frauenliste in Hildesheim seit vielen Jahren aktiv in der Frauenbewegung.

Flexibilität scheint für die deutsche Arbeitswelt noch ein Fremdwort zu sein. Dabei würden von einer neuen Arbeitszeitkultur Beschäftigte und Betriebe gleichermaßen profitieren.   

Nicht einmal jeder Zweite ist mit seinem Arbeitszeitumfang zufrieden; viele Teilzeitbeschäftigte wollen mehr, viele Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten. Das bestätigt auch die neue Umfrage der Körber-Stiftung. Immer deutlicher wird: Ein einziges Arbeitszeitmodell reicht nicht für ein ganzes Erwerbsleben aus. Ein Berufseinsteiger hat andere Bedürfnisse als der Vater von zwei kleinen Kindern. Eine Teilzeit arbeitende Mutter will ihre Stundenzahl erhöhen, wenn sie ihr Kind gut betreut weiß, usw.

Arbeitnehmer sollten mehr Mitbestimmung bei der Arbeitsplanung haben.

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Auch ich meine: Die 40-Stunden-Woche hat ausgedient. Das heißt aber nicht, dass nun der allzeit bereite Beschäftigte zum neuen Ideal erhoben werden soll. Flexibilität ist keine Einbahnstraße, sondern ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Die Zeit für Änderungen ist reif. Die demografische Entwicklung, die Veränderungen der Arbeit im Zuge der Digitalisierung und veränderte Lebensentwürfe erfordern mehr Arbeitszeitsouveränität von Beschäftigten. Im besten Fall kann eine neue Arbeitszeitkultur entstehen, von der Beschäftigte und Betriebe profitieren.

Bisher haben vor allem Arbeitgeber Ansprüche an die Flexibilität ihrer Beschäftigten gestellt. Heute verlangen viele erwerbstätige Frauen und Männer aber wieder selbst mehr Einfluss auf ihre Zeit. Sie wollen darüber hinaus auch die Lage ihrer Arbeitszeiten und den Arbeitsort mitbestimmen. Und sie wollen das, ohne sofort mit Karriereeinschnitten oder anderen Nachteilen rechnen zu müssen.

Die Teilzeit darf nicht länger ein Karrierekiller sein. 

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Berechtigte Wünsche, aber auch berechtigte Sorgen, das zeigt die Erfahrung mit der Teilzeit. Eigentlich ist sie ideal, um berufliche und familiäre Aufgaben miteinander zu vereinbaren. Problematisch ist aber, wenn zum Dauerzustand wird, was nur als vorübergehende Phase gedacht war. Viele Frauen sind nach der Geburt eines Kindes in der Teilzeitfalle stecken geblieben. Hinzu kommt, dass die Teilzeit trotz gesetzlichem Benachteiligungsverbot ein Karrierekiller ist. Auch deshalb ist sie vor allem Frauensache geblieben. Männer entscheiden sich nur selten dafür, denn sie sehen, was aus ihren teilzeitbeschäftigten Kolleginnen alles NICHT wird. 

Wegen dieser Nebenwirkungen ist die Teilzeit immer die minderbemittelte kleine Schwester der Vollzeit geblieben. Wenn sich das ändern soll, dann müssen wir mehr Möglichkeiten für flexible Arbeitszeitarrangements schaffen und das Normalarbeitsverhältnis und den Vollzeitbegriff neu denken.

Das Normalarbeitsverhältnis – unbefristet, sozialversicherungspflichtig, Vollzeit – war stets eine männliche Normalität, die sich nur dank einer Kinder und Haushalt versorgenden (Haus-) Frau etablieren konnte. Diese Konstellation hat aber immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun. Gut ausgebildete Frauen wollen sich nicht mit der Rolle als Zuverdienerin ohne Aufstiegschancen zufrieden geben. Und auch die Arbeitgeber wissen, dass sie die Frauen brauchen, wenn sie ihren Fachkräftebedarf decken wollen.

Gerade wenn Kinder zu versorgen sind, stoßen diese Wünsche aber an (Zeit-)Grenzen. Darum brauchen wir eine neue Vollzeit- und Verfügbarkeitskultur, die diese Grenzen berücksichtigen. Tatsächlich ist Vollzeit ja schon heute eine relative Größe. Je nach Branche und Bundesland variiert die wöchentliche Vollarbeitszeit in Deutschland zwischen 35 und 42 Stunden. Darauf kann man aufbauen, um sich von der starren Vollzeitvorstellung zu lösen.

Die Wahlarbeitszeit ist der Schlüssel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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Mein Vorschlag ist es, einen privilegierten Vollzeit-Korridor im Bereich zwischen 30 bis 40 Stunden zu schaffen. Innerhalb dieses Korridors sollen Beschäftigte – unter Einhaltung von Ankündigungsfristen - leichter bedarfsgerecht ihre Arbeitszeit bestimmen können. Nur dringende betriebliche Gründe können die Beschäftigtenwünsche verhindern. Dann kann zum Beispiel der junge Vater 30 statt 40 Stunden arbeiten. Oder eine Kollegin reduziert ihre Arbeitszeit drei Monate lang auf 35 Stunden, um regelmäßig an einer Fortbildung teilzunehmen.

Dieser dem Prinzip der  - bereits in der betrieblichen Praxis etablierten - Wahlarbeitszeit entlehnte Korridor hat viele Vorteile: er ist auf praktisch allen Arbeitsplätzen anwendbar und funktioniert auch im Schichtbetrieb. Die Grenze zwischen Teilzeit- und Vollzeitarbeit wird fließender, die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatem erleichtert. Eine vorübergehende Arbeitszeitreduzierung bedeutet nicht das Karriereaus. Ein Arbeitsumfang von 30 Stunden plus wird attraktiver, dagegen verlieren Mini- und Halbtagsjobs; im Ergebnis wird das Arbeitszeitvolumen ausgeweitet. Die individuelle Ausgestaltungsmöglichkeit erlaubt partnerschaftliche Lösungen für Paare. Motivation und Engagement der Beschäftigten wachsen zugunsten des wirtschaftlichen Ergebnisses.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt herrscht ein altmodischer Anwesenheitswahn.

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Dazu kann auch mehr Mitsprache der Beschäftigten auf die Gestaltung ihres Arbeitsalltags beitragen. Denn manchmal ist nicht eine verkürzte Arbeitszeit das entscheidende Flexibilisierungsmoment, sondern die Frage, wann und wo gearbeitet werden kann. In dieser Beziehung ist Deutschland im Gegensatz zum Vorreiter Niederlande aber noch Entwicklungsland. Das DIW hat im Zusammenhang mit der hierzulande sinkenden Nutzung des Home Office sogar vom „Anwesenheitswahn“ in deutschen Firmen gesprochen. An diese Misstrauenskultur müssen wir ran. Das Home Office ist kein bezahltes Biotop für Drückeberger, sondern eine Ergänzung des Büroarbeitsplatzes. Es spart Wege und Zeit und ist hilfreich bei der Erledigung komplexer Aufgaben. Die Niederländer wissen das und haben entsprechende Rahmenbedingungen gesetzt.

Ein flexibler Arbeitszeitkorridor und mehr Mitspracherechte für Arbeitnehmer über das Wieviel, Wann und Wo ihrer Erwerbstätigkeit sind überfällig. Sie sind die Eckpfeiler einer zeitgemäßen Arbeitszeitsouveränität. Gleichzeitig sind sie eine Beitrag für gute Arbeit, mehr Geschlechtergerechtigkeit, zur Bewältigung des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftebedarfs. Für diesen Pfad haben wir nicht nur konkrete Vorschläge in den Bundestag eingebracht, sondern auch flankierende Modelle, mit denen Arbeitszeitreduzierungen wegen Erziehung, Pflege und Weiterbildung finanziell unterstützt werden. 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Max Mustermann1
    Das Problem in der Beziehung zweier Vertragspartner (Arbeitnehmer und Arbeitgeber) ist doch, dass die Flexiblität des einen fast immer zum Nachteil des anderen ist.

    Hat der Arbeitnehmer mehr Freiheit bei der Wahl der Arbeitszeiten, kann dies den Arbeitgeber in Planungsschwierigkeiten bringen - und umgekehrt.

    Die "feste Zeit" ist da im Grunde ein Kompromiss, der beide Seiten gleichermaßen bindet. Der AG muss zahlen, auch wenn mal weniger Arbeit anfällt und der AN muss kommen, auch wenn es ihm privat gerade nicht so gut passt.

    Flexibilität ist natürlich super, aber nur wenn es für beide Seiten akzeptabel ist. Dies ist aber ohnehin schon Gang und Gebe, z.B. bei Gleitzeitmodellen in Betrieben, wo es nicht auf den genauen Zeitpunkt der Anwesenheit ankommt.