Digitale Arbeit - Fluch oder Segen? Wir brauchen eine neue Arbeiterbewegung

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Strategieberater Third Wave

Expertise:

Johannes Kleske ist Mitgründer von Third Wave, einer Beratung für digitale Strategien. Er hat für Unternehmen wie Postbank, Deutsche Telekom, 3A Composites, Viacom (MTV/Viva), Nike, MDT-tex, Adidas, Seat, Melitta, Maggi, Wolters Kluwer, GIZ, Elisabeth Ruge Agentur, Wirecard, Transparency International und weitere gearbeitet.

Das Problem von Arbeit 4.0 ist nicht die Automatisierung von Jobs, sondern einmal mehr die Ausbeutung von Menschen. Denn Geschichte wiederholt sich doch - und wie bei der industriellen Revolution bevorteilt auch die digitale Revolution erstmal das Kapital und die „Fabrikbesitzer“. Und damals wie heute geht es nun darum, die Balance wiederherzustellen. Wir brauchen eine neue Arbeiterbewegung!

Die Automatisierung von Jobs wird das definierende Problem der nächsten zwei bis drei Dekaden sein.“ So schätzte Googles Eric Schmidt 2014 beim Weltwirtschaftsforum in Davos die größte Herausforderung für die Zukunft der Arbeit ein. Und er muss es wissen. Arbeitet Google doch selbst an zahlreichen Technologien, die einen großen Einfluss auf die Automatisierung haben werden.

Nehmen wir das selbstfahrende Auto, eines der typischen Beispiele für die Automatisierung. Man kann sich leicht vorstellen, wie durch diese Technologie in Zukunft Jobs wie LKW- oder Taxifahren ersetzt werden. Was diese Technologie aber ebenfalls mit sich bringt, ist eine neue Kategorie von Jobs, wie die Arbeitswissenschaftlerin Lilly Irani beschrieben hat. Denn damit ein Algorithmus ein Auto steuern kann, braucht er nicht nur Sensordaten, sondern auch Kartendaten, um navigieren zu können. Diese Kartendaten werden bei Google von tausenden Menschen täglich neu generiert, indem sie mit Autos, die mit Sensoren ausgestattet sind, durch die Gegend fahren. Die erfassten Sensordaten müssen erst bereinigt und aufbereitet werden, bevor sie für den Algorithmus des selbstfahrenden Autos als Kartenmaterial nutzbar sind. Auch das wird von Menschen erledigt. Das gleiche gilt auch für Googles Suchmaschine. Die sogenannten Quality Raters trainieren konstant Google Algorithmus, um Spam und falsche Ergebnisse zu minimieren.

Viele Google-Arbeiter stehen nicht in der Angestelltenstatistik, sie sind frei - und Google weiß das auszunutzen.

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Das ungewöhnliche daran ist, dass all diese Menschen, die dafür sorgen, dass ein Google Auto selbstständig fahren kann und wir auf Google das finden, was wir suchen, in keiner Angestelltenstatistik von Google auftauchen. Es gibt für sie keinen Urlaubsanspruch oder eine Krankenversicherung. Sie haben auch keinen Zugang zu Googles berühmten Kantinen oder Massagen. Sie sind schlicht keine Google Mitarbeiter. Sie werden über Drittplattformen für einzelne Jobs angeworben und bezahlt. Für manche ist das ein willkommener Nebenverdienst. Aber für viele ist es in der aktuellen Weltwirtschaftssituation häufig die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen und Google weiß das zu auszunutzen.

Google ist nicht das einzige Technologieunternehmen, dass diese freien Arbeitskräfte einsetzt. Facebook lässt über Billiglohnkräfte in den Philippinen Tag und Nacht all das aussortieren, was es seine Nutzer nicht sehen lassen will (Spam, Pornografie, Gewalt und jede Menge Nippel). Dass das häufig zu psychologischen Langzeitschäden bei den Moderatoren führt, wird dabei in Kauf genommen.

Die rechtlosen Mitarbeiter sind das dunkle Geheimnis der Big-Data-Welt.

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Das dunkle Geheimnis von Silicon Valley ist, dass praktisch kein Big-Data-Unternehmen ohne diese Datenhausmeister, wie sie die New York Times getauft hat, auskommt. Hinter all den tollen Diensten, die uns scheinbar wie magisch die perfekten Suchergebnisse, die passendsten Empfehlungen und die puritanischen Streams liefern, stehen Menschen, die die Algorithmen trainieren, Inhalte moderieren und die Maschinen am laufen halten.

Die On-Demand-Economy macht Apps zu Chefs.

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Die Datenhausmeister sind dabei nur ein Teil einer neuen, digitalen Arbeiterklasse, zu der unter anderem auch die Uber-Fahrer, Deliveroo-Radler und Helpling-Reinigungskräfte gehören.Die Gefahren für die Arbeiter in dieser „On-Demand-Economy“ erkennt man recht einfach, wenn man schaut, warum z. B. Uber-Fahrer streiken.

Fangen wir damit an, was passiert, wenn der Chef plötzlich kein Mensch, sondern eine App bzw. ein Algorithmus ist. Keine Diskussionen oder Erklärungen mehr. Der Algorithmus beauftragt, prüft, belohnt oder bestraft. Das kann schnell kritisch werden, wenn von der Qualität des Algorithmus das Einkommen abhängt.

Eine zweite Gefahr hat der Autor Simon Head als „Corporate Panopticon“ bezeichnet: das konstante Überwachen des Arbeiters durch die App oder andere Sensoren. Dabei liegt das Problem insbesondere in der Einseitigkeit dieser Beziehung. Der Arbeiter wird konstant überwacht, während er keinerlei Einsicht in die Funktionsweise des Algorithmus und des Verhaltens der Plattformbetreiber hat.

All diese Punkte sind auch nicht verhandelbar, weil in der „On-Demand-Economy“ Nutzungsbedingungen bisherige Arbeitsverträge ersetzen. Es gibt keine Verhandlungen, man kann nur zustimmen oder nicht mitmachen. Es gibt für die Arbeiter keine Absicherung, keine Weiterentwicklung und auch keine Versicherung. Sie fungieren wie Angestellte, haben aber Verpflichtungen wie Selbstständige. Alle Verantwortung wird auf sie abgewälzt.

Es braucht eine neue, digitale Arbeiterbewegung.

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Im Grunde wiederholt sich hier gerade die Geschichte. Wie in der ersten industriellen Revolution bevorteilt der Einsatz neuer Technologien erstmal das Kapital und die „Fabrikbesitzer“. Und damals wie heute geht es nun darum, die Balance wiederherzustellen. Das Problem ist nicht, wie von Eric Schmidt prognostiziert, die Automatisierung von Jobs, sondern einmal mehr die Ausbeutung von Menschen. Es geht zunächst nicht darum, wie wir morgen arbeiten, sondern wer bestimmt wie wir morgen arbeiten. Wir brauchen eine neue, digitale Arbeiterbewegung, die sich neue Rechte für das 21. Jahrhundert erkämpft.

Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen und Plattform-Kooperativen, bei denen die Arbeiter Teilhaber der Plattform sind, bieten sich dabei als erste Diskussionsgrundlagen an, um den Fokus weg von der Technologie und hin zu der Frage zu bewegen, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.

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Arbeit 4.0 - Fluch oder Segen?

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu den Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt. Lesen Sie dazu auch die Meinung des Wirtschaftssoziologen Hartmut Hirsch-Kreinsen: "Es bleiben Experten und Hilfsarbeiter - die Mittelqualifizierten werden überflüssig".

Außerdem auf Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels: "Frauen können Männern mehr zutrauen". Die Soziologin Jutta Allmendinger zur Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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