Arbeit 4.0 bietet Chancen für alle - unter Bedingungen Ohne Investitionen wird der digitale Wandel nicht gelingen

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Arbeitspsychologe und Policy Fellow Das Progressive Zentrum

Expertise:

Dr. Max Neufeind ist Policy Fellow im Progressiven Zentrum und Experte für Fragen zur Zukunft der Arbeit. Er ist mitverantwortlich für den „Denkraum Arbeit“, ein überparteiliches Dialogprojekt zur Reform von Arbeits- und Sozialpolitik. Mehr unter www.denkraumarbeit.de.

Breite Qualifizierung, verlässliche Absicherung und kluge Anreize – so könnte die Digitalisierung zum Katalysator für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Gesellschaft und die Entfaltung jedes Einzelnen werden. Gelingt es nicht, das Momentum des digitalen Strukturwandels zu nutzen, stehen mehrere Hundert Milliarden an Wertschöpfung auf dem Spiel.

Unsere Arbeitswelt im Umbruch. Grund dafür sind technologische Entwicklungen, deren Folgen wir bisher erst in Ansätzen erkennen können. Die digitale Vernetzung innerhalb und zwischen Unternehmen steigt rasant. Wissen und Informationen sind ortsunabhängig geworden und können nahezu ohne Transaktionskosten weltweit verfügbar gemacht werden. Die Rechnerleistung entwickelt sich weiterhin exponentiell. Supercomputer begegnen den besten Spielern im Schach und Jeopardy auf Augenhöhe und schlagen dank künstlicher Intelligenz auch den weltbesten Spieler im hochkomplexen Go. Immer neue Kombinationen von Basisinnovationen, wie Cloud-Computing, 3D-Druck oder Spracherkennung, werden in Geschäftsmodelle überführt und verändern die Organisation von Arbeit.

Digitalisierung führt zunächst zu Produktivitätssprüngen.

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Für die meisten Unternehmen und Branchen in Deutschland ist das zunächst einmal eine Chance. Sie profitieren von den Produktivitätssprüngen einer digitalen Transformation. Klar ist aber auch: Disruptive Geschäftsmodelle aus den USA und Asien – man denke nur an Tesla – sind eine existentielle Herausforderung für das industrielle Herz Deutschlands. Gelingt es nicht, das Momentum des digitalen Strukturwandels zu nutzen, stehen mehrere Hundert Milliarden an Wertschöpfung auf dem Spiel.

Arbeitszeit und -ort frei wählen - das bietet neue Möglichkeiten.

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Auch für die Beschäftigten ist die Digitalisierung zunächst mit Chancen verbunden: Arbeit wird immer häufiger auch außerhalb von Fabriken oder Büros erledigt. Es ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, Arbeitszeit und Arbeitsort selbstbestimmt zu wählen. Beruf, Freizeit und Familie, aber auch Bildung, gesellschaftliches Engagement und Gründergeist, können besser vereinbart werden. Zugleich werden physische und psychische Belastungen reduziert. Gleiches gilt – dank immer leistungsfähigerer Algorithmen und Roboter – für demotivierende Routine-Tätigkeiten. Arbeit kann lernförderlicher gestaltet werden. Beschäftigte werden stärker an der Arbeitsorganisation beteiligt.

Die informationelle Selbstbestimmung erodiert.

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Zugleich wächst der Druck. In immer vernetzteren Arbeitsabläufen entgrenzen sich Privates und Berufliches, Arbeit wird verdichteter, die informationelle Selbstbestimmung erodiert. So entstehen neue psychische Belastungen. Hochflexible Arbeitsformen, teilweise über Online-Plattformen vermittelt, stellen zentrale Bausteine unserer sozialen Marktwirtschaft – langfristige Arbeitsverträge, Mitbestimmung, beitragsfinanzierte soziale Sicherungssysteme, kollektive Lohnfindung – in Frage. Es wird immer schwieriger, mit manuellen, aber auch kognitiven Routinetätigkeiten eine Mittelschichtsexistenz zu bestreiten. Gefragt sind jetzt die Kreativen und die Empathischen. Die, die verknüpft und divergent denken und auch in Ausnahmesituationen den Überblick behalten.

Mehr Schul- und Aus- und Weiterbildung sind nötig, die Arbeit von morgen stellt hohe Anforderungen.

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Was also tun, damit die Chancen des digitalen Wandels zum Tragen kommen und die Risiken minimiert werden? Zunächst werden wir massiv in Bildung und Qualifizierung aller Menschen in Deutschland investieren müssen. Dies beginnt mit der schulischen Bildung. Der prototypische Beruf von morgen wird hohe Anforderungen an die Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit stellen. Grundkenntnisse der Informations- und Kommunikationstechnologie, soziale Fertigkeiten und die Fähigkeit zur kritischen Reflektion algorithmenbasierter Entscheidungsfindung müssen möglichst frühzeitig vermittelt werden. Die Ausbildung von Pädagogen und die Unterrichtsgestaltung sollten dies widerspiegeln.

Weiterbildung muss ausgebaut werden, die ist unerlässlich für den Strukturwandel.

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Angesichts immer kürzerer Innovationszyklen ist Weiterbildung zukünftig von herausragender Bedeutung. Das Problem ist nur: Während Deutschland bei der beruflichen Ausbildung recht gut aufgestellt ist, hinken wir bei der Weiterbildung unseren skandinavischen Nachbarn deutlich hinterher. Das können wir uns im digitalen Strukturwandel nicht länger leisten. Wir müssen unsere Weiterbildungslandschaft hinsichtlich Zugang, Finanzierung und Inhalt massiv verbessern und auf die Höhe der Zeit bringen. Das wird viel Geld kosten. Wenig jedoch im Vergleich zu den Kosten, die entstehen, wenn wir einem Großteil der Menschen, die sich heute in der Mitte ihres Berufslebens befinden, den Anschluss an das digitale Zeitalter verwehren.

Je entgrenzender die technischen Möglichkeiten, desto nötiger sind betriebliche Regelungen.

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In einer verdichteten und volatilen digitalen Arbeitswelt brauchen Menschen Absicherung und Schutz. Entgrenzung und Überlastung können zwar in manchen Betrieben durch ein Recht auf Nichterreichbarkeit begrenzt werden. Vor allem aber geht es um eine klare Ausformulierung betrieblicher Erreichbarkeitserwartungen sowie Regelungen, wie Beschäftigte Einfluss auf diese nehmen können. Auch steigende Leistungserwartungen müssen stärker Gegenstand der Aushandlungen werden. Wir brauchen einen zukunftsfähigen Rahmen für verlässliche Verständigung zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern.

Ein digitales Prekariat muss verhindert werden: Faire Löhne müssen garantiert sein.

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Zugleich gilt es zu verhindern, dass ein digitales Prekariat aus plattformvermittelter Dienstleistungsarbeit und noch nicht automatisierten Resttätigkeiten in der Industrie und Logistik entsteht. Faire Bezahlung und soziale Absicherung für alle Erwerbsformen – das sollte uns der Zusammenhalt unserer Gesellschaft wert sein. Das heißt wohl auch, die Auftraggeber oder Vermittler selbstständiger Dienstleister an der soziale Absicherung der Beauftragten zu beteiligen.

Vor allem muss es aber darum gehen, neue Formen guter Arbeit und guter Arbeitsorganisation zu fördern. Die notwendigen Veränderungsprozesse in Unternehmen könnten durch ökonomische Anreize gezielt unterstützt werden. Auch unternehmerische Initiative muss stärker gefördert werden, in der Schule und im weiteren Berufsleben. Deutschland muss sich trauen zu experimentieren. Nur so erhalten wir die Innovationskraft, die uns global wettbewerbsfähig macht.

Breite Qualifizierung, verlässliche Absicherung und kluge Anreize – so könnte die Digitalisierung zum Katalysator für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Gesellschaft und die Entfaltung jedes Einzelnen werden.

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Arbeit 4.0 - Fluch oder Segen?

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu den Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt. Lesen Sie dazu auch die Meinung des Trendforschers Johannes Kleske: Wie Silicon Valley eine neue Klasse von Arbeitern schafft.

Außerdem auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels: "Frauen können Männern mehr zutrauen". Die Soziologin Jutta Allmendinger zur Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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