Digitalisierung der Arbeit: Arbeit 4.0 Flexibilität für alle - und ein Recht auf Weiterbildung

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Bundesminsterin für Arbeit und Soziales SPD

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Bundesminsterin für Arbeit und Soziales

Andrea Nahles skizziert angesichts der Digitalisierung der Arbeit eine Welt, in der sich Arbeitnehmer und Solo-Selbständige ihre Zeit freier einteilen können - und ein Recht auf Weiterbildung haben. Hier erklärt die Arbeitsministerin, wie sie das umsetzen will.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass der technologische Fortschritt fortlaufend unser Leben verändert. Meistens sind es kleine Schritte, ein Handyakku, der länger hält, eine verbesserte Suchfunktion oder ein Roboter, der Arbeitern beim Heben oder Einbau schwerer Teile hilft. In der Summe können sie aber große Auswirkungen haben: Die Digitalisierung hat das Potenzial zur umfassenden Transformation der Wirtschaft und der Arbeitswelt. Im Zentrum steht dabei die zunehmende Vernetzung von Personen und Dingen und in direkter Folge die Nutzung der entstehenden Daten. Dies ermöglicht nicht nur die vielfach zitierte „neue industrielle Revolution“, sondern ist Grundlage für digitale Plattformen, auf denen Informationen und Waren, aber auch Taxi-, Reinigungs- oder Finanzdienstleistungen on demand angeboten werden.

Entscheidend für die Beschleunigung des Wandels erscheint mir, dass sich Wirtschaft und Arbeitswelt, Kommunikations- und Konsumverhalten zusammen verändern und sich gegenseitig bestärken. Mobile Geräte und Cloud-Technologien beispielsweise ermöglichen es Beschäftigten, zunehmend von zu Hause oder unterwegs zu arbeiten und ihre Arbeitszeiten flexibel zu gestalten. Sie sind aber gleichzeitig die Basis für neue Mobilitätsdienstleistungen und verändern unser Konsumverhalten.

Die Veränderungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung stehen im Zentrum des Dialogs „Arbeiten 4.0“, den ich seit April 2015 mit Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden, der Wissenschaft und den Bürgerinnen und Bürgern führe. Der Dialog ist mittlerweile weiter fortgeschritten, viele maßgebliche Akteure haben ihre Positionen entwickelt und die Handlungsbedarfe sind für uns klarer erkennbar. Einige Gestaltungsoptionen liegen bereits auf dem Tisch, andere beginnen sich herauszukristallisieren. Die Ergebnisse werden wir in einem Weißbuch festhalten und am 29. November dieses Jahres bei einer Abschlusskonferenz präsentieren.

Menschliche Arbeit wird durch die Digitalisierung nicht verdrängt, sie wird sie aber verändern.

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Fertige Antworten gibt es noch keine, aber einige Erkenntnisse habe ich gewonnen. Dreh- und Angelpunkt in der öffentlichen Diskussion ist die Frage, ob die weitere Automatisierung und Vernetzung der Fabriken, neue Geschäftsmodelle und Arbeitsformen wie Crowdworking sowie der zunehmende Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz in Dienstleistungsbranchen menschliche Arbeit verdrängt und wir uns auf massive Jobverluste einstellen müssen. Meine bisherige Erkenntnis, die auch vom Großteil der Dialogpartner geteilt wird, ist: Nein. Menschliche Arbeit wird weiterhin im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen. Aber die konkreten Tätigkeiten und die gefragten Qualifikationen werden andere sein. Und die Dynamik der Veränderung wird zunehmen.

Silicon Valley nachmachen, wird nicht funktionieren. Wir brauchen eigene Antworten.

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Auch wenn es also keinen Anlass für Schreckensszenarien gibt, besteht trotzdem dringender Handlungsbedarf. Denn wenn sich die tatsächlichen und die nachgefragten Qualifikationen und Kompetenzen von Beschäftigten auseinander entwickeln, droht steigende Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. Dafür brauchen wir gute neue Antworten. Und zwar Antworten, die zu uns passen. Nachmachen, was im Silicon Valley vorgedacht wird, kann nicht reichen und wird unseren Stärken auch nicht gerecht.

Es gibt nicht eine große Lösung, dafür sind die Ansprüche viel zu unterschiedlich.

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Eine weitere zentrale Erkenntnis ist für mich die zunehmende Individualisierung der Ansprüche und Werte der Menschen in Deutschland. Die großangelegte Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ des Bundesarbeitsministeriums zeigt, wie unterschiedlich das Ideal von Arbeit ist, das die Menschen haben, wie vielfältig die Bedürfnisse in den Belegschaften sind und welche divergierenden Ansprüche daraus an den Sozialstaat erwachsen. Deshalb kann es auch nicht die eine große Lösung für alle geben. Während manche Beschäftigte z.B. die neuen Möglichkeiten mobiler und zeitflexibler Arbeit als Chance für ein selbstbestimmteres Arbeiten und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sehen, bevorzugen andere eine strikte Trennung von Arbeit und Leben und wollen auch vor einer weiteren Entgrenzung der Arbeit geschützt werden.

Wir brauchen mehr Qualifizierung und mehr Spielräume auf betrieblicher und tariflicher Ebene.

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Was bedeuten diese Einsichten für mögliche Lösungsansätze? Wir müssen die Beschäftigten befähigen, ihre Tätigkeiten und Qualifikationen stärker an die veränderte Wirtschaft und Arbeitswelt anzupassen. Zudem sind die individuellen Ansprüche der Beschäftigten einerseits und die neuen betrieblichen Anforderungen an Flexibilität in einer digitalen Wirtschaft andererseits zu berücksichtigen. Dies ist aus meiner Sicht nur möglich, wenn wir die Institutionen des Sozialstaats, allen voran bei der Bildung, darauf vorbereiten und gleichzeitig mehr Spielräume auf betrieblicher und tariflicher Ebene ermöglichen. Deshalb werbe ich für einen „neuen Flexibilitätskompromiss“, der unter Berücksichtigung der Interessen der jeweiligen Beschäftigten und Unternehmen ausgehandelt wird und deutlich flexibler als jede gesetzliche Lösung sein kann.

Betriebliche Experimente, wissenschaftlich begleitet, könnten zu Lösungen führen.

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Ein wichtiges Ziel ist daher, die Tarifpartnerschaft zu stärken und betriebliche und tarifliche Lösungen zu fördern. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass betriebliche Experimentierräume, in denen die Sozialpartner wissenschaftlich begleitet neue Regelungen befristet ausprobieren, dazu beitragen, Deutschland zum Vorreiter bei der Gestaltung der digitalen Arbeitswelt zu machen. Mir ist jedoch bewusst, dass dies den Idealfall darstellt und keine Lösung für alle Beschäftigten sein kann, schon alleine, weil es für viele Beschäftigte weder einen Betriebsrat gibt noch eine Tarifpartnerschaft greift. Auch und gerade für diese Beschäftigten werden wir Lösungen finden müssen.

Im Laufe des Dialogs haben sich fünf Handlungsfelder als wesentlich herausgestellt:

Perspektivisch könnte es ein Recht auf Weiterbildung geben.

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Erstens müssen wir perspektivisch über ein Recht auf Weiterbildung nachdenken und die präventive Ausrichtung der Arbeitslosenversicherung stärken. Dies schließt auch die Möglichkeit zur regelmäßigen Berufs- und Weiterbildungsberatung ein. So stellen wir sicher, dass Beschäftigte ihr Know-how halten, sich weiter qualifizieren oder bei Bedarf umschulen und beruflich neu orientieren können. Die Kosten von Beratung, Weiterbildung, Freistellung und Lohnersatz müssen dabei fair auf Staat, Unternehmen und Individuen verteilt werden.

Betriebliche und tarifliche Lösungen sind besser als gesetzliche Regelungen.

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Zweitens sollten wir für mehr Flexibilität und Zeitsouveränität sorgen. Unternehmen brauchen flexible Beschäftigte und Beschäftigte benötigen mehr Wahloptionen bei Arbeitszeit und -ort, um ihre Erwerbsarbeit besser mit Zeit für Familie, Weiterbildung und Ehrenamt in Einklang zu bringen. Betriebliche und tarifliche Vereinbarungen sind besser geeignet als gesetzliche Regelungen, um hierfür passgenaue Lösungen zu finden. Für diesen Sommer habe ich einen Arbeitszeitdialog mit Sozialpartnern, Unternehmen und Zivilgesellschaft initiiert, der mögliche Grundkonsense und Kompromisslinien beim Thema Arbeitszeitgestaltung ausloten soll. Gleichzeitig wollen wir für Teilzeitbeschäftigte einen Anspruch auf Rückkehr zur vorherigen Arbeitszeit auf den Weg bringen, damit die Übergänge zwischen Teilzeit und Vollzeit fließender werden; ein wichtiger Schritt Richtung Wahlarbeitszeiten.

Wir brauchen eine soziale Absicherung für Crowdworker und andere neue digitale Arbeitsformen.

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Drittens ist eine Lösung für die soziale Absicherung von Soloselbständigkeit erforderlich, die durch neue digitale Arbeitsformen wie Crowdworking an Bedeutung gewinnen könnte. Allerdings ist die betreffende Gruppe sehr heterogen und die Debatte hat gezeigt, dass schnelle Lösungen für einzelne Gruppen nicht möglich sind. Ich werde diese Frage aber in den geplanten Regierungsdialog zur Rente mitnehmen.

Der Beschäftigtendatenschutz muss sichergestellt werden.

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Viertens wollen wir den Datenschutz auf hohem Niveau sichern. Big Data stellt nicht nur an den Verbraucherschutz, sondern auch an den Beschäftigtendatenschutz neue Herausforderungen. Die neue Europäische Datenschutzgrundverordnung gibt uns die Möglichkeit, nationale Regelungen zum Schutz von Beschäftigtendaten zu erlassen. Dafür hat sich Deutschland mit Erfolg eingesetzt. Jetzt werden wir unsere Spielräume ausloten, um die Beschäftigten vor Kontrolle und Überwachung zu schützen.

Arbeit 4.0 erfordert auch einen Arbeitsschutz 4.0., um die hohen Standards zu sichern.

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Fünftens brauchen wir einen Arbeitsschutz 4.0. Wenn immer mehr Beschäftigte, ob räumlich oder organisatorisch, außerhalb eines Betriebes arbeiten, brauchen wir Lösungen, wie wir den hohen Standard des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Zukunft organisieren. Im Zentrum steht dabei die Frage der psychischen Gesundheit über alle Gruppen der Erwerbstätigen hinweg.

Meine Leitidee für die Arbeitsmarktpolitik der Zukunft lautet: Offenheit für den Wandel bei größtmöglicher Sicherheit für alle Beschäftigten. Wir müssen beiden Herausforderungen gleichermaßen gerecht werden: Einerseits dem Wunsch der Beschäftigten, ihr Leben als geglückte Verbindung von Arbeit und Privatleben zu meistern und andererseits den Flexibilitätsanforderungen der Unternehmen, die sich im Wettbewerb in einer zunehmend digitalen und globalen Wirtschaft behaupten müssen. Die Offenheit, die wir zur Gestaltung des digitalen Wandels brauchen, entsteht nur, wenn wir Vertrauen schaffen und die Menschen sich weiter sicher fühlen können. Und wenn sie mitgestalten und mitbestimmen können auf der Basis unserer bewährten Sozialpartnermodells.

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- Lesen Sie hier: Arbeit 4.0 führt in die Ausbeutung.

- Außerdem auf Causa die Debatte zur Frage: Sexistische Werbung verbieten - oder nicht?

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