Die Strukturen lösen sich auf Es bleiben Experten und Hilfsarbeiter - die Mittelqualifizierten werden überflüssig

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Wirtschaftssoziologe und Arbeitsforscher Technische Universität Dortmund

Expertise:

Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen ist Wirtschafts- und Industriesoziologe und Leiter des Forschungsgebiets Industrie- und Arbeitsforschung an der TU Dortmund.

Die Digitalisierung wird Fabriken nicht zu menschenleeren Produktionshallen machen, aber dennoch wird sie die Arbeitswelt grundsätzlich verändern: Es wird sich eine Schere zwischen komplexen Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen einerseits und einfachen Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau andererseits öffnen. 

Unstrittig ist, dass sich mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Technologien in der Arbeitswelt nachhaltige Konsequenzen für industrielle Arbeitsprozesse verbinden werden. In Deutschland wird diese Frage seit 2011 unter dem eingängigen Label „Industrie 4.0“ thematisiert. Weitgehend ungewiss ist bislang allerdings, welcher Art diese Konsequenzen für Arbeit im industriellen Bereich sein werden.

In Hinblick auf die Frage nach möglichen Arbeitsplatzverlusten durch den Einsatz der neuen Technologien werden teilweise sehr weitreichende negative Prognosen formuliert. Aufsehen erregte schon vor einiger Zeit eine Studie über dem amerikanischen Arbeitsmarkt, der zu Folge in den nächsten Dekaden fast 50 Prozent aller Berufe von Automatisierung bedroht seien. Differenziertere Analysen gehen indes von wesentlich geringeren Arbeitsplatzverlusten aus. So berechnet das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass ungefähr 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland einem hohen Substitutionspotenzial durch die neuen Technologien ausgesetzt seien. Gefährdet durch die Digitalisierung sind danach vor allem gering qualifizierte, routinehafte Tätigkeiten. Demgegenüber finden sich aber auch ausgesprochen optimistische Prognosen, die auf Grund der mit Industrie 4.0 verbundenen Wachstumseffekte längerfristig positive Arbeitsmarkteffekte sehen. Eventuell kurzfristige Jobverluste werden damit kompensiert. Insgesamt gesehen ist daher die Furcht vor einer menschenleeren Fabrik weit übertrieben.

Die Arbeit wird insgesamt komplexer werden.

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Allerdings werden sich auf jeden Fall die Tätigkeiten und Qualifikationen deutlich verändern. Dabei sind verschiedene Szenarien der Entwicklung von Qualifikationen denkbar. Ein Szenario kann als „Upgrading“ oder auch Aufwertung von Qualifikationen bezeichnet werden. In dieser Perspektive verschiebt sich das Aufgabenspektrum von Arbeit in Richtung anspruchsvoller Aufgaben wie Planung, Disposition und Systemüberwachung, da einfache Routineaufgaben in zunehmendem Maße automatisiert werden. Damit steigen die Anforderungen an ein arbeitsplatzübergreifendes Verständnis der Arbeitsprozesse sowie an die Fähigkeit, die nun verfügbaren Informationen effektiv zu nutzen. Zudem nehmen nach der Ansicht vieler befragter Unternehmen die Anforderungen an Optimierungs- und Problemlösungskompetenzen sowie an generelle IT-Kompetenzen zu. Diesem Szenario folgend treffen diese Trends für fast alle Beschäftigtengruppen in der Fertigung und Montage, in indirekten Bereichen wie der Arbeitsvorbereitung, der Produktionsplanung und der Qualitätssicherung sowie in der Logistik zu. Verschiedentlich wird daher auch von einer zukünftigen ‚Requalifizierung‘ von Industriearbeit unter den Bedingungen von Industrie 4.0 gesprochen.

Mittlere Qualifizierungsgruppen verlieren an Bedeutung, es wird Experten und Hilfsarbeiter geben.

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Ein anderes gegensätzliches Szenario lässt sich als „Polarisierung“ von Qualifikationen beschreiben. Der Kern dieses Szenarios ist, dass mittlere Qualifikationsgruppen wie qualifizierte Facharbeit massiv an Bedeutung verlieren sich daher zunehmend eine Schere zwischen komplexen Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen einerseits und einfachen Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau andererseits öffnet. Denn durch den Einsatz digitaler Technologien werden zunehmend eine Automatisierung und vor allem auch eine Dequalifizierung der Jobs mittlerer Qualifikationsgruppen Platz greifen. Konkret kann es sich dabei sowohl um Produktionsarbeiten etwa der Montage aber auch um Verwaltungs- und Sevicetätigkeiten auf mittleren Qualifikationsniveaus handeln. Daher werden einfache Aufgaben auch kaum, wie das Upgradingszenario unterstellt, durch Automatisierung tendenziell verschwinden, vielmehr bleiben vielfach einfache Tätigkeiten erhalten und es entstehen neue einfache Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationsanforderungen. Auf diese Weise droht die qualifikatorische Mitte durch Verlagerungen nach oben und nach unten zu erodieren.

Feste Arbeitsstrukturen lösen sich auf. Das kann prekär enden - oder zu mehr "Work-Life-Balance" führen.

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Unabhängig von Tätigkeiten und Qualifikationsniveau ist allerdings von einer steigenden Flexibilisierung und der Entgrenzung der Arbeit in zeitlicher, organisatorischer und räumlicher Hinsicht auszugehen. Denn die neuen Möglichkeiten einer marktorientierten digitalisierten Echtzeitsteuerung von Arbeitsprozessen stellen die bisherigen fest gefügten Arbeitsstrukturen nachhaltig in Frage. Auf der einen Seite finden sich hier Argumente, die damit eine Steigerung der Qualität der Arbeit verbinden. So würden die Steuerungs- und Kommunikationsmöglichkeiten der digitalen Technologien trotz steigender Flexibilität eine deutlich verbesserte „Work-Life-Balance“, etwa eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Auf der anderen Seite werden mögliche Risiken und negative Arbeitsfolgen, etwa neu entstehende prekäre Arbeitsformen, ein ungeklärter Umgang mit personenbezogenen Leistungsdaten sowie Leistungsverdichtung befürchtet.

Neue Technologien führen nie zu zwangsläufigen Konsequenzen Die Menschen haben es in der Hand.

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Insgesamt gesehen kann derzeit keinesfalls von eindeutigen Entwicklungstrends von Arbeit gesprochen werden. Es auch zu bezweifeln, dass sich in Zukunft eindeutigen Trends abzeichnen werden. Denn eine grundlegende Erkenntnis der Arbeitsforschung ist es, dass zwischen der Einführung neuer Technologien und den Konsequenzen für Arbeit keine eindeutigen und deterministischen Beziehungen gegeben sind. Vielmehr existieren stets große Spielräume für die Arbeitsgestaltung. Wie diese genutzt werden und welche Arbeitsformen sich durchsetzen, ist naturgemäß einerseits abhängig von den strategischen Entscheidungen des Managements und der Betriebsräte der Unternehmen. Andererseits sind aber auch die Wissenschaft, vor allem aber die Sozialpartner und die Politik gefragt. Deren Rolle sollte es unter anderem sein, eine breite Diskussion über eine gesellschaftspolitisch wünschenswerte Entwicklungsrichtung von Industriearbeit voranzutreiben. Die aktuelle Industrie 4.0-Debatte bietet hierzu schon eine ganze Reihe von neuen Ideen und Erkenntnissen, die freilich systematisch gebündelt und präzisiert werden müssten.

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Arbeit 4.0 - Fluch oder Segen?

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu den Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt. Lesen Sie dazu auch die Meinung des Trendforschers Johannes Kleske: Wie Silicon Valley eine neue Klasse von Arbeitern schafft.

Außerdem auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels: "Frauen können Männern mehr zutrauen". Die Soziologin Jutta Allmendinger zur Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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