Arbeit 4.0 - Fluch oder Segen? Die Arbeitswelt 4.0 braucht Gestaltung statt Prognosen

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Arbeits- und Industriesoziologin Universität Hohenheim

Expertise:

Prof. Dr. Sabine Pfeiffer ist Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim und forscht seit Mitte der 1990er Jahren zum Wandel von Arbeit durch Technik und das Web.

Automatisierung zielt auf die Ersetzung menschlicher Arbeit. Darum gilt es, sich genau überlegen, was warum automatisiert wird. Denn Gestaltung fängt nicht erst bei Gesetzgebung oder Normierung an, sondern bei der Entscheidung über konkrete technische Lösungen am Arbeitsplatz. Und dabei ist noch sehr viel mehr Partizipation als bisher nötig.

Es wird nicht die Arbeitswelt 4.0 geben, sondern höchst unterschiedlich verlaufende Entwicklungen. Alle Prognosen zur Beschäftigungsentwicklung und alle scheinbar einfachen Antworten zur Gestaltung des Morgen sind daher mit Vorsicht zu genießen. Ganz sicher aber stellen sich neue Anforderungen an unsere gesellschaftliche Fähigkeit Arbeit und Wandel zu gestalten.

Hype oder Revolution: Für einen Abschied von einfachen Prognosen.

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Man muss sich nichts vormachen: Automatisierung – ob mit Robotern oder über intelligente Algorithmen – zielt betriebswirtschaftlich zunächst immer mal auf die Ersetzung menschlicher Arbeit. Unternehmen entscheiden auf Basis ökonomischer und strategischer Überlegungen über den Einsatz neuer Technik. Allein dass etwas schick und neu ist, ist nicht das Kriterium. Technisch bedingte disruptive Entwicklungen hat es immer gegeben, davon können z.B. Berufe wie die früheren Setzer in dem was man früher nicht ohne Grund noch Druckindustrie genannt hat ein Lied singen. Viele andere Tätigkeiten sind dagegen über längere Zeiträume und eher lautlos verschwunden: Wer kennt bspw. noch die Werkstattschreiberin, die es früher in jedem Meisterbüro gab? Es sind gleichzeitig aber Unmengen von neuen Berufen, Tätigkeiten und Geschäftsmodellen entstanden. Eine einfache Prognose zur Beschäftigungsentwicklung ist heute sicher noch weniger möglich als früher.

Technische Machbarkeit ist nicht allein ausschlaggebend.

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Alle Prognosen, die man derzeit lesen kann – methodisch am wenigsten seriös ist dabei übrigens die des World Economic Forums WEF  – machen meist mehrere systematische Fehler: Erstens unterstellen sie, allein technische Machbarkeit gäbe den Ausschlag und überschätzen dabei zweitens oft massiv und teils auch etwas naiv was Technik in absehbarer Zeit wirklich leisten kann. Von der Intelligenz und Selbstlernfähigkeit, die momentan Robotern und Algorithmen unterstellt wird, sind wir oft noch sehr weit entfernt. Drittens gehen andere Auswirkungen technischen Wandels auf Arbeit in die Prognosen nicht ein, weil sie zu komplex sind: Zum Beispiel das Entstehen neuer Formen inner- und überbetrieblicher Arbeitsteilung oder eine zunehmende Intensivierung und Extensivierung der Arbeit. Viertens wird berechtigt unterstellt, Routinearbeit sei leichter technisch zu ersetzen als Nicht-Routine. Die Beschäftigungsprognosen aber klären nicht seriös, was Routine genau ist, und kategorisieren ganze Tätigkeiten und Berufe oft etwas platt und unbesehen als vermeintliche Routine – als würde nicht auch qualifizierte Arbeit Routine-Anteile enthalten, und als fänden sich nicht auch in so genannter einfacher Arbeit sehr viel mehr Komplexitätsanforderungen als früher.

Wo welche Jobs aussterben oder entstehen, hat mit der globalen Wertschöpfungskette zu tun.

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Wohin die Reise geht, kann keiner sagen. Es ist weniger eine kausale Folge technischen Wandels denn vielfältiger ökonomischer Entwicklungen. Und wir werden uns leider daran gewöhnen müssen, dass der Blick in die Glaskugel allenfalls Scheinsicherheit erzeugt aber keine Wahrheiten. Fakt ist: Wir haben weltweit derzeit 197 Millionen Menschen, die keine Beschäftigung haben. Wir haben erschreckend hohe Zahlen an Jugendarbeitslosigkeit in vielen EU-Ländern. Das alles hat mit der technisch bedingten Ersetzung menschlicher Arbeit oft am wenigsten zu tun. Der Webstuhl war einer der ersten massiven Automatisierungsschritte – ein Großteil unserer Kleidung aber wird in anderen Teilen der Welt unter schlechtesten Arbeitsbedingungen und einem hohen Anteil an Handarbeit hergestellt. Immer entscheidender für die Frage, ob wir ausreichend Beschäftigung haben, und wo Beschäftigung entsteht oder verschwindet, sind neben konjunkturellen und strukturellen Bedingungen vor allem die globalen Wertschöpfungsketten.

Die Digitalisierung ermöglicht schlecht bezahlte Arbeit am anderen Ende der Welt.

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Die Digitalisierung befördert und erweitert die Möglichkeiten, schlecht bezahlte menschliche Arbeit an anderen Orten unseres Globus zu nutzen. Die Digitalisierung befördert und erweitert auch die Möglichkeiten, die unbezahlte Arbeit vieler für die Geschäftsmodelle weniger zu nutzen – und auch das zunehmend weltweit.Bislang konnte der deutsche Arbeitsmarkt extrem gut von globalen Entwicklungen profitieren, das aber hat Gründe: Deutschland ist eine der komplexesten Volkswirtschaften der Welt, deren starker – und übrigens hochgradig automatisierter und digitalisierter – industrieller Sektor in der globalen Weltwirtschaft eine Schlüsselrolle einnimmt. Auch ein Großteil unserer qualifizierten Wissens- und Dienstleistungsarbeit hätte sich ohne diesen sehr speziellen industriellen Sektor nicht so entwickeln können.

Deutschland hat bisher profitiert, auch dank seiner gut qualifizierten Beschäftigten.

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Wie viele und welche Beschäftigung es zukünftig in Deutschland geben wird, das hat auch in ganz großem Maße damit zu tun, ob wir in der globalen Weltwirtschaft Formen der Wertschöpfung betreiben, die besonders und nicht einfach zu kopieren sind. Etwas ganz Besonderes haben wir übrigens zu bieten – nämlich qualifizierte Beschäftigte: 67 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland haben mindestens eine berufliche Ausbildung, und 71 Prozent bewältigen heute schon an ihrem Arbeitsplatz Wandel und Komplexität – machen also das Gegenteil von dumpfer Routine-Arbeit. Formal hervorragend qualifizierte Beschäftigte, die heute schon den Wandel erfolgreich bewältigen – ein „Pfund“ für die Zukunft – und eine völlig andere Ausgangsbasis für den Wandel als wir etwa im polarisierten Arbeitsmarkt der USA sehen.

Mitbestimmung mag manchmal anstrengend sein, aber sie hilft allen.

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Zunächst mal: Gewerkschaften wie die Arbeitgeberverbände gestalten immer schon unsere Arbeitswelt und ihren Wandel. Was den wenigsten wohl klar ist, ist dass das deutsche Modell der überwiegend sehr sozialpartnerschaftlich gelebten industriellen Beziehungen eine Besonderheit ist. Mitbestimmung in Formen, die Konflikte und unterschiedliche Interessen in zivilen Formen verhandelbar machen, das sind wichtige Säulen einer Demokratie. Das mag im Einzelfall für alle Beteiligten anstrengend sein, aber Gestaltung in demokratischen Prozessen ist das nun mal. Es reicht angesichts des Wandels nicht mehr aus, reflexartig – je nach Perspektive – für mehr oder weniger Regulierung zu plädieren. Regulierung ist wichtig zur Erhaltung der Mitte: Der Mittelstand und die Mitte der Beschäftigung brauchen einen verlässlichen Rahmen.

Die Gestaltung des Wandels braucht nicht weniger sondern mehr Partizipation.

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Wir werden viele neue Formen von Regulierung und vielleicht auch an manchen Stellen weniger davon brauchen. Sicher aber ist: wir brauchen partizipativere Formen, in denen wie darum gemeinsam ringen – im Unternehmen und in Gesellschaft. Akteure aus Politik und von den Sozialpartnern müssen schon qua Funktion den Wandel gestalten, aber die Idee das alles von oben zu lenken – die sollten wir überwinden.Gestaltung fängt nicht erst bei Gesetzgebung oder Normierung an. Sondern bei der Entscheidung über konkrete technische Lösungen am Arbeitsplatz. Ob eine Datenbrille in der Instandhaltung eingeführt wird oder ein intelligenter Algorithmus für die Kundenbetreuung eines Fintech-Start-ups entwickelt – mit jeder technischen Lösung werden auch Entscheidungen über die Gestaltung von Arbeit getroffen. Und darüber ob jemand und wer unter welchen Bedingungen damit zukünftig arbeiten wird. Auf dieser Ebene brauchen wir partizipative Prozesse der Technikgestaltung. Diese aber dürfen nicht zufällig einer vermeintlich demokratischen Unternehmenskultur überlassen werden, sondern brauchen verlässliche gesetzliche Rahmung und echte Mitbestimmung. Um dies zu gewährleisten werden auch weiterhin Politik und Sozialpartner gefordert sein – aber jede und jeder von uns ist gefordert mitzugestalten.

- Lesen Sie hier die ganze Debatte zur Arbeit 4.0.

- Außerdem auf Causa: Knapp vorbei an Hofer - oder: Das Drama von Österreich.

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