Arbeit 4.0 - Fluch oder Segen? Beschäftigte müssen ihre Arbeit mitbestimmen

Bild von Simone Peter
Bundesvorsitzende und Beate Müller-Gemmeke, MdB Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Seit Oktober 2013 ist Simone Peter Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Von 2009 bis 2012 war sie Ministerin für Umwelt, Energie und Verkehr des Saarlandes. Beate Müller-Gemmeke ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags und Mitglied im Sprecherteam von GewerkschaftsGrün. Ihr politischer Schwerpunkt ist die Arbeits- und Sozialpolitik.

In der digitalen Arbeitswelt von heute arbeiten viele Beschäftigte zu lange und unbezahlt mehr, um ihre ganzen Aufgaben erledigen zu können. Das kann so nicht bleiben. Um Betriebe als soziale und demokratische Orte der 4.0-Welt zu organisieren, sind neue Formen der Partizipation gefragt. Die Betriebsräte müssen das Recht bekommen, über die Menge der Aufgaben und über die Leistungsziele mitbestimmen zu können.

Die Digitalisierung ist vermutlich einer der gravierendsten Umbrüche seit der industriellen Revolution. Das stellt uns vor große Herausforderungen. Denn technologische Innovationen dürfen nicht nur mit Blick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Effizienz beurteilt werden. Vielmehr müssen wir ihre Auswirkungen auf die Beschäftigten und auf die Arbeitswelt genau unter die Lupe nehmen. Denn auch in einer Arbeitswelt 4.0 steht zuallererst der Mensch im Mittelpunkt.

Bisher ist die Digitalisierung ein großes Experimentierfeld. Manche gehen davon aus, dass die Arbeit der Zukunft grundlegend anders aussehen wird als heute. Mit der digitalen Vernetzung der Welt wird sie auf jeden Fall globaler sein. Doch zuallererst ist die Digitalisierung ein Prozess, und damit ist sie eine politische Gestaltungsaufgabe.

Hochqualifizierte Wissensarbeit - und digitaler Tageslohn?

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Im Zuge der Digitalisierung ist zu erwarten, dass die Qualifikationsanforderungen an viele Beschäftigte steigen. Das kann mit höherwertiger Arbeit und besseren Arbeitsbedingungen einhergehen. Flexiblere Arbeitsmodelle werden möglich. Schwere körperliche Arbeit wird durch den Einsatz von Robotern erleichtert.

Auf der anderen Seite sehen wir bereits heute, wie viele traditionelle Geschäfts- und Arbeitsmodelle durch prekäre Formen der Selbstständigkeit verdrängt werden. Der Prototyp sind die Clickworker, denen die unternehmerischen Risiken übergestülpt werden und die parallel dazu allein für ihre soziale Absicherung sorgen müssen. Arbeitsverträge werden hier durch fadenscheinige AGBs ersetzt, die Konkurrenz sitzt weltweit am PC und die Stundenlöhne liegen oft unterhalb der Mindestlöhne.

Beschäftigte sollten mehr über Gestaltung ihrer Erwerbsarbeit mitbestimmen können.

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Digitale Arbeit sorgt außerdem für die zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Privatleben. Viele Beschäftigte sind ständig per Email oder Smartphone erreichbar und können in ihrer Freizeit kaum noch abschalten. Diese neue Form von Stress macht nicht selten psychisch krank. Manche Firmen wie der Automobilhersteller VW sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Server ab 18 Uhr herunterzufahren, so dass Beschäftigte nach Feierabend keine Emails mehr empfangen können. Doch Schutz brauchen alle. Die Politik muss hier Leitplanken setzen. Wir müssen verhindern, dass die Unkultur permanenter Verfügbarkeit immer weiter um sich greift. Bislang war Flexibilisierung ausschließlich ein Instrument zur Effizienzsteigerung im Sinne des Unternehmens. Doch Flexibilität ist keine Einbahnstraße. Darum sollen die Beschäftigten mehr über das Wieviel, Wann und Wo ihrer Erwerbsarbeit mitbestimmen können.

Viele Beschäftigte arbeiten unbezahlt mehr, um alles Aufgetragene zu erledigen. Das kann so nicht bleiben.

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Um Betriebe als soziale und demokratische Orte in einer digitalen Arbeitswelt zu organisieren, sind neue Formen der Partizipation gefragt. Denn was nützt die Freiheit, den Ort und die Zeit der Arbeit selbst zu wählen, wenn die Leistungsziele zu hoch sind, wenn der Takt zu schnell ist und die Aufgaben nicht zu schaffen sind? Schon heute haben viele Beschäftigte hier ein Problem mit der Vertrauensarbeitszeit. Häufig arbeiten sie zu lange und unbezahlt mehr, um das Volumen ihrer Aufgaben zu bewältigen. So wird die Verantwortung für Arbeitsergebnisse individualisiert. Daher müssen die Betriebsräte auch das Recht bekommen, über die Menge der Aufgaben und über die Leistungsziele mitbestimmen zu können. Die Mitbestimmung muss an die digitale Arbeitswelt angepasst werden.

Branchenspezifische Mindesthonorare müssen geprüft werden.

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Das Verlagern von Arbeit in die Crowd bietet Unternehmen bisher zu oft die Möglichkeit, Arbeitsgesetze und Mindestlöhne einfach zu umgehen. Auf die politische Agenda gehört deshalb die Weiterentwicklung des traditionellen Arbeitnehmerbegriffs. Solo-Selbstständige sollten beispielsweise in Tarifverhandlungen einbezogen werden, damit auch sie von kollektiven Regelungen bei der Entlohnung profitieren. Zu prüfen wäre auch, ob im Tarifvertragsgesetz die Möglichkeit geschaffen wird, branchenspezifische Mindesthonorare als allgemeinverbindlich festzuschreiben. Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht im Oktober 2013 im Streit um Übersetzungshonorare klargemacht, dass der Bundestag durchaus die Vertragsfreiheit einschränken darf, um Solo-Selbstständige vor übermächtigen Auftraggebern zu schützen. Nicht zuletzt ist eine bessere Integration von Selbständigen in die sozialen Sicherungssysteme unabdingbar. Denn gerade Solo-Selbständige sind schon heute besonders von Altersarmut bedroht.

Auf gute Rahmenbedingungen kommt es an – für gute Arbeit und gutes Leben.

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Wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen wird, ist nicht vorhersehbar. Sie zu gestalten ist eine Herausforderung an Gewerkschaften, Unternehmen und Politik. Droht eine digitale Entfremdung, in der Wertschöpfungsketten rigoros auf Effizienz getrimmt werden? In der die Möglichkeiten eigener Arbeitsgestaltung abnehmen, während Belastung, Kontrolle und Verfügbarkeitserwartungen weiter steigen? Oder bietet sich die Chance einer neuen Humanisierung der Arbeit mit erhöhter Zeitsouveränität, neuen Beteiligungsmöglichkeiten, flacheren Hierarchien und einer stärkeren Demokratisierung der Arbeitswelt?

Wenn sich die Arbeitswelt verändert, dann müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden, um Beschäftigte zu schützen. Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass die Arbeitswelt sich immer stärker individualisiert und alle für sich alleine kämpfen. Die Bedingungen für gute Arbeit müssen stets aufs Neue erkämpft werden. Und nur mit sozialen Innovationen garantieren sie ein gutes Leben für die Beschäftigten.

- Lesen Sie hier den Beitrag: Arbeit 4.0 führt in die Ausbeutung.

- Hier geht es zur Übersicht der Debatte.

- Außerdem auf Causa die Debatte über das geplante Verbot sexistischer Werbung - hier ist sie.

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