Busse, Bahnen, Bahnhöfe in Berlin Unser ÖPNV braucht eine Qualitätsoffensive, und zwar sofort!

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Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV Tempelhof-Schöneberg

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Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV Tempelhof-Schöneberg

Die Menschen müssen sich in Bussen, Bahnen und insbesondere in den Bahnhöfen wieder wohl und sicher fühlen können. Denn nur dann nutzen sie das ÖPNV-Angebot auch gern und oft.

Erweiterung des Streckennetzes, Taktverdichtungen, Anschaffung neuer Fahrzeuge, eine ausreichende Anzahl von P&R-Parkplätzen – es ließe sich viel aufzählen, was für die dringend erforderliche Attraktivitätssteigerung des ÖPNV in Berlin notwendig wäre. Daneben scheint mir aber besonders wichtig, dass sich die Menschen in Bussen, Bahnen und insbesondere in den Bahnhöfen wieder wohl und sicher fühlen können. Denn nur dann nutzen sie das ÖPNV-Angebot auch gern und oft.

Das weiß ich aus eigener, leidvoller Erfahrung: Mein Wochenendtrip im blitzsauberen und bei jeder zweiten Fahrt auch pünktlichen ICE endet am Südkreuz. Nur eine Station fahre ich dann mit der S-Bahn bis zur Yorckstraße. Dort laufe ich im Eingangsbereich zum U-Bahnhof vor eine Wand aus Fäkalgeruch – herzlich Willkommen in der Bundeshauptstadt! Als Kind vom Dorf weiß ich zwar, dass das unschädlich ist, aber gewöhnen kann und will ich mich nicht an diese Zumutung. Auch an das offene, fast selbstverständliche Handeln und Konsumieren harter Drogen in bestimmten Bahnhöfen kann ich mich nicht gewöhnen. Dass ich um auffällige Personengruppen lieber einen großen Bogen mache oder in den nächsten Waggon einsteige, daran habe ich mich – leider – bereits gewöhnt.

Und nun? Umsteigen aufs Rad? Gesünder wäre es allemal, wenn es nur Herbst und Winter nicht gäbe und die Radwege besser ausgebaut wären. Oder doch ein eigenes Auto? Aber wo bloß parken???

Nein, das ist jeweils nicht die Lösung. Es bleibt nur eins: Selbstverständlichkeiten selbstbewusst einfordern! Das heißt: Die Zeit von zugegebenermaßen lustigen Imagefilmchen ist vorbei! Unser ÖPNV braucht dringendst eine Qualitätsoffensive! Am Ende ist es auch kein Hexenwerk, ein wacher, ideologiefreier Blick über den Tellerrand in andere Metropolen ist ausreichend. 

Bahnhöfe durch Zugangssperren sauber halten.

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Wir alle kennen amerikanische Filme, in denen jemand mehr oder weniger galant über das Drehkreuz im Eingangsbereich des U-Bahnhofs springt. Et voilà, das ist die Lösung: ein so genanntes geschlossenes System, in dem nur derjenige auf den Bahnhof kommt, der eine gültige Fahrkarte besitzt.

Nun wird man mir entgegnen, dass es unsozial wäre, die Ärmsten unserer Gesellschaft aus den Bahnhöfen zu drängen. Ja, diesen Punkt sehe ich als Sozialpolitiker durchaus. Allerdings bin ich auch der festen Überzeugung, dass es nicht die Aufgabe von BVG und S-Bahn ist, die sozialen Probleme unserer Stadt zu lösen, dafür sind die Verkehrsbetriebe einfach nicht zuständig. BVG und S-Bahn müssen in die Lage versetzt werden, möglichst viele Menschen, sicher und möglichst komfortabel zu befördern. Das ist ihre Aufgabe – insbesondere vor dem Hintergrund eines anhaltenden Zuzugs nach Berlin. Das Streckennetz muss daher den Fahrgästen vorbehalten sein.

Fahrradwagen etablieren und dadurch Auseinandersetzungen vermeiden.

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Weil aktuell immer mehr Fahrgästen eine gleichbleibende Anzahl von S-Bahn-Wagen zur Verfügung steht, setzt sich der tägliche Kleinkrieg zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern auf unseren Straßen auch in den Zügen fort. Fußgänger sitzen in dem Bereich für Menschen mit Gepäck und Rädern und die Fahrradfahrer revanchieren sich und versperren dafür Türen und Gänge. Ist es wirklich so schwer, einen extra Fahrradwagen anzuhängen? Zahlreiche Auseinandersetzungen könnten hierdurch vermieden werden.

Neues probieren: Identifikation mit Öffis steigern.

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In München wird übrigens klassische Musik zur Deeskalation auf den U-Bahnhöfen via Lautsprecher eingespielt. Der Ruf „Alter Wichser, willst Du eins auf die Fresse?“, der laut Martenstein unterdessen so zu einer U-Bahnfahrt in Berlin dazugehört wie früher die Aufforderung „Bitte zurückbleiben!“, würde doch mit Vivaldi im Hintergrund viel freundlicher klingen. Oder wie wäre es mit dem fliegenden Holländer am U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz und dem Violinkonzert e-Moll am Mendelssohn-Bartholdy-Park für den Anfang? Warum probieren wir das nicht einfach aus?

Ausgerechnet das als spießig verschriene München macht uns übrigens vor, wie Weltoffenheit im ÖPNV aussehen könnte: Dort gibt es Durchsagen nicht nur in Deutsch, sondern auch in der jeweiligen Herkunftssprache der Fahrer. Ein großartiger Beitrag zur Wertschätzung von Migration und zur Identifikation mit demjenigen, der uns gerade durch die Stadt chauffiert.

Aber auch in Berlin gibt es erwähnenswerte Ansätze. Mein persönliches Highlight in einer Berliner S-Bahn: ein Fahrer der gut verständlich und im Stil eines Flugkapitäns einen schönen Adventssonntag wünschte. Dafür gab es stillen Applaus der Fahrgäste, bitte, bitte mehr davon!

In Hamburg habe ich einmal gehört, dass Haltestellenansagen von Kindern eingespielt wurden. Dauerhaft wäre das sicher eine Herausforderung für die Nerven der Pendler, ähnlich wie vor einiger Zeit das BVG-Projekt mit den Ansagen von bekannten Berlinern auf der U2. Aber eine interessante Abwechslung wäre es allemal und die Eltern der Gastansager würden garantiert für immer und ewig zur Fankurve der BVG gehören.

Mehr Personal auf den Bahnhöfen.

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Diese Soft Skills würden neben den dringend zu erledigen Hausaufgaben der Verantwortlichen dazu beitragen, dass wir Fahrgäste den ÖPNV nicht mehr ausschließlich als notwendiges Übel wahrnehmen, denn das ist er gar nicht! BVG und S-Bahn gehören uns allen und sind viel besser als ihr Ruf. Auch wenn die Berliner gern meckern, die Mitarbeiter unserer Öffis leisten Großartiges. Und wenn dank des „geschlossenen Systems“ die ruppigen Fahrkartenkontrolleure zu zuvorkommenden Fahrgastbetreuen umgeschult würden und damit auch endlich wieder ansprechbare Menschen auf den Bahnhöfen vor Ort wären, dann werden wir Fahrgäste das auch erkennen und zu schätzen wissen.

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Karl Der-baer
    (2.) Ob Klein- oder Großprofil, ein Acht- oder Sechs-Wagen-Zug hat am jeweiligen Bahnsteig gerade einmal einen Spielraum von gut zehn Metern. Also, Herr Steuckardt, wo wollen Sie denn dann noch Ihren lustigen „extra Fahrradwagen“ beim Halt unterbringen? Bei diesen tiefschürfenden „Kenntnissen“ um den Berliner ÖPNV läge doch der „Vorschlag“ näher, die Fahrräder auf entsprechenden Dachgepäckträgern unterzubringen, gelle!?


    Es bleibt jedoch die Frage, ob solch beglückenden „Beiträge“ vor Veröffentlichung überhaupt lektoriert werden. – Was hätte bspw. ein Klaus Kurpjuweit zu alledem gesagt?


    Ein sachlich geerdeter Beitrag zur Zukunft des Berliner ÖPNV sähe jedenfalls anders aus, und die Chose mit den Dachgepäckträgern kann gerne als „Schömpelhofer Weg“ der CDU in die Annalen eingehen.
  2. von Karl Der-baer
    (1.) Nun ja, Herr Steuckardt, aber „unser“ ÖPNV benötigte vor allem Sach- und Fachkenntnisse, nicht wahr!?

    Zitat: „Wir alle kennen amerikanische Filme, in denen jemand mehr oder weniger galant über das Drehkreuz im Eingangsbereich des U-Bahnhofs springt. Et voilà, das ist die Lösung: ein so genanntes geschlossenes System, in dem nur derjenige auf den Bahnhof kommt, der eine gültige Fahrkarte besitzt.“

    Tja, alles in allem bringt es jedoch mehr, solche Systeme in vivo zu kennen, aber nicht nur aus Filmen. Und solche Kenntnisse sind sogar schon in Europa zu erlangen. Da präsentiert sich das mit der „Lösung“ durchaus komplexer.

    Zitat: „Fußgänger sitzen in dem Bereich für Menschen mit Gepäck und Rädern und die Fahrradfahrer revanchieren sich und versperren dafür Türen und Gänge. Ist es wirklich so schwer, einen extra Fahrradwagen anzuhängen? Zahlreiche Auseinandersetzungen könnten hierdurch vermieden werden.“

    Köstlich! – Ein „Fahrradwagen“? – Nun, die kleinste funktionsfähige Einheit bei der U-Bahn (und der S-Bahn) besteht in Berlin aus mindestens zwei Wagen, weil Steuerungs- und Bremstechnik auf je einen Waggon verteilt sind. Da müsste also wenigstens etwas technisch Kompatibles neu entwickelt werden. Das würde wie lange dauern? Das wäre wie „realistisch“?

    Ursprünglich waren auch die Bahnsteige der heutigen Linie 6 nur 80 Meter lang und eben nur für 4-Wagen-Züge geeignet, weswegen die „Ost-Berliner“ Bahnhöfe nach dem „Beitritt“ der DDR von Juli 1992 bis September 1996 nämlich teuer umgebaut werden mussten. Die normale Bahnsteiglänge im Berliner Großprofil beträgt nämlich ca. 110 Meter, und nur die Bahnsteige der Stammstrecke einer Linie „E“ alias „5“ ist wegen der damals entwickelten „Langwagen“ vom Typ „C“ länger. – Aber das nur nebenbei.
  3. von Mike Nixda
    Warum in diesem Zusammenhang immer der Ruf nach Zugangssperren?

    Mal abgesehen, dass es bei so manchen U-Bahnhof baulich gar nicht oder nur mit großen Umbauten möglich wäre, wäre das auch sonst Geldverschwendung. Es ist ja nicht damit getan, die Sperren zu installieren, sondern es müssten tausende Automaten (auch die der S-Bahn und Tram, ja selbst die in Bussen) umgerüstet werden, damit sie maschinenlesbare Tickets heraus geben. Und Personal wird trotzdem auf den Bahnhöfen benötigt, denn trotz aller Sperren und Kameras würde es nicht sicherer und weiterhin geraucht, gespuckt, gepisst und gekotzt werden.

    Der "Blick über den Tellerrand in andere Metropolen" ist richtig. Wie wäre es zum Beispiel mit Budapest (wo ich letztes Jahr Urlaub gemacht habe). Bei der dortigen U-Bahn steht an jedem Eingang ein Wachmann, dem das gültige Ticket gezeigt wird. Ja ja, nun wird so mancher Schnappatmung wegen Orban und seiner rechtspopulistischen Regierung bekommen, aber Fakt ist, dass diese Lösung nicht nur Arbeitsplätze schafft, sondern das die Budapester U-Bahnhöfe blitzblank sauber und sicher sind!

    Und auch was den Streckenausbau angeht, kann man sich von Budapest eine Scheibe abschneiden. Denn während Berlin seit einem viertel Jahrhundert an den popeligen 3,5km der U55 pröttelt, haben die Ungarn mit der Linie 4 in weniger als zehn Jahren eine knapp acht Kilometer lange Strecke inkl. Unterquerung eines der größten Flüsse Europas gebaut.
  4. von Jimmy Popeye Doyle
    Unerträglicher Gestank...von allen Ubahnhöfen ist der allerschlimmste noch immer Schönleinstrasse...Wenn man hier länger als 2min auf die Bahn warten muss, bekommt man mehrere Kotz und Würgreize....In beide Eingänge wird täglich unaufhörlich uriniert. Es gibt keine Kameras, die ein wenig an die Scham der Tiere appelieren würde.Noch schlimmer finde ich ja, dass so ziemlich jede Ubahn Station keine Toilette hat. Und wenn es welche gibt, dann hat sich die Unart durchgesetzt, dass Geld verlangt wird. Ich kenne kein anderes ziviliertes Land wo Bürgern soviel Geld für einen Stuhlgang oder auch nur Händewaschen abkassiert wird. Stellt endlich überall Toilletten hin, bezahlt anständig die Putzkollonen. Das Geld kann die BVG ihrer Social Media Abteilung abzwacken, kein Monopol der Welt benötigt Social Media...sie haben 100% Marktanteil mit oder ohne Werbung....Öffnet endlich die Toilettenhäuser in den Haltestellen anstatt es an Burgerläden oder Kioske zu vermieten....