Flächendeckendes Limit Tempo 30 in allen Städten und Gemeinden

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Professorin i.R. an der Universität Duisburg-Essen

Expertise:

Professorin i.R. an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Bildungswissenschaften

Weniger Unfälle, weniger schwere Unfallfolgen - und eine nur unwesentlich erhöhte Fahrtzeit: Tempo 30 würde Deutschlands Städte und Gemeinden sicherer und lebenswerter machen.

Bei Tempo 30 ereignen sich weniger Unfälle.

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Innerhalb von Ortschaften ereignen sich etwa doppelt so viele Unfälle wie außerhalb. Bei den Kinderunfällen ist das Verhältnis innerhalb - außerhalb sogar 15 : 1. Dabei sind zu hohe Geschwindigkeiten die Hauptursache aller Unfälle mit Personenschäden. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, die Geschwindigkeit innerhalb von Ortschaften von Tempo 50 auf Tempo 30 zu reduzieren. Die Einschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h ist keine willkürliche Maßregelung von Autofahrern, sondern eine vernünftige und sinnvolle Maßnahme zur Erhöhung der Verkehrssicherheit für Fußgänger und Radfahrer, aber auch für motorisierte Verkehrsteilnehmer innerhalb von Ortschaften. Untersuchungen haben dies eindrucksvoll bestätigt: In  Tempo 30-Zonen passieren etwa 40 % weniger Unfälle als in vergleichbaren Tempo 50-Bereichen. Betrachtet man nur die Fußgänger- und Radfahrerunfälle, sind diese Zahlen noch eindrucksvoller. So sank in der Stadt München die Anzahl der Unfälle mit Personenschäden um 62 % und die Anzahl der Schwerverletzten sogar um 72 %. In Münster konnte eine Verminderung der Unfälle von Fußgängern und Radfahren um 70 % verzeichnet werden. Ähnlich positive Zahlen lassen sich in fast allen Städten, die Unfalluntersuchungen vorgenommen haben, nachweisen (vgl. Übersicht bei Welge,1996). Grund dafür sind die kürzeren Brems- und Anhaltewege bei Tempo 30 in Vergleich zu Tempo 50: Wenn ein Pkw mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h fährt und ein Kind 15 m vor ihm auf die Fahrbahn läuft, trifft der Pkw das Kind mit einer Aufprallgeschwindigkeit von 47 km/h, wenn der Fahrer eine Vollbremsung macht. Fährt dieser Pkw in derselben Situation mit 30 km/h, kommt er nach 15 m zum Stehen, und das Kind wird nicht angefahren.

Bei Tempo 30 haben Unfälle weniger schwere Folgen.

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Die bislang vorliegenden Untersuchungen zeigen, daß nach der Einführung von Tempo 30 die Anzahl der bei Unfällen getöteten und schwerverletzten Personen um 60 % bis 70 %  zurückgeht. Grund dafür ist die Verringerung der Aufprallwucht bei Unfällen mit geringeren Geschwindigkeiten. So ist die Aufprallenergie bei Tempo 50 etwa 2,8 mal größer als bei Tempo 30. Der Aufprall bei Tempo 50 entspricht einem Fall aus 10 m Höhe, während er bei Tempo 30 einem Fall aus nur 3,6 m Höhe entspricht. Das zeigt auch eine Untersuchung von tödlich verunglückten Fußgängern an der Universität Düsseldorf: Während bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 km/h „nur” 30 % aller verunglückten Fußgänger getötet werden, sind es bei Tempo 40 schon 50 % und bei Tempo 50 bereits 80 %. So führt eine Erhöhung der Geschwindigkeit von 30 km/h auf 50 km/h um „nur” 20 km/h zu einer sehr starken Erhöhung des Todesrisikos für Fußgänger und damit auch ganz besonders für Kinder! Ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h gibt es für sie keine Überlebenschance mehr.

Bei Tempo 30 können die Gefahren besser erkannt werden.

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Bei Tempo 50 liegt der Blick ca. 40 m weit weg vor dem Fahrzeug, bei Tempo 30 dagegen nur etwa 15 m. Der Blickwinkel ist breiter, die Situationen rechts und links der Fahrbahn können besser wahrgenommen werden. Je schneller die Fahrgeschwindigkeit ist, desto schlechter können die Autofahrer das Geschehen am Fahrbahnrand (Fußgänger, Radfahrer) wahrnehmen und darauf reagieren. Auch die Anzahl der wahrgenommenen Verkehrsschilder nimmt bei Tempo 50 in Vergleich zu Tempo 30 stark ab.

Bei Tempo 30 nehmen die Autofahrer mehr Rücksicht auf Kinder.

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In Tempo 30-Straßen verringern die Autofahrer wesentlich häufiger ihre Geschwindigkeit, wenn sie Kinder am Gehweg sehen als auf Tempo 50-Straßen (Limbourg, 1994). Grund dafür ist die bessere Wahrnehmung der Kinder am Fahrbahnrand bei einer geringeren Fahrgeschwindigkeit, aber auch das „schlechte Gewissen (Bin ich zu schnell gefahren?)” spielt dabei eine Rolle und führt zu einer Verringerung der Geschwindigkeit. Demgegenüber fahren die Autofahrer auf Hauptstraßen mit Tempo 50 zügig an den Kindern vorbei, ohne sie zu beachten und ohne auf ihre Anwesenheit am Fahrbahnrand mit einer Geschwindigkeitsreduktion zu reagieren.

Tempo 30 erhöht die Sicherheit von Senioren im Verkehr

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Ältere Verkehrsteilnehmer können nicht mehr so schnell reagieren, sie kommen deshalb als Autofahrer mit Tempo 30 wesentlich besser als mit Tempo 50 zurecht. Sie haben mehr Zeit, sich richtig einzuordnen, die Verkehrszeichen wahrzunehmen, Schilder zu erkennen usw. Aber auch als Fußgänger und Radfahrer sind sie bei Tempo 30 besser geschützt.

Tempo 30 bringt mehr Sicherheit für alle nichtmotorisierten Verkehrsarten.

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Die durch Tempo 30 erreichte Unfallrisikominderung ist am stärksten bei den nichtmotorisierten Verkehrsarten. Fußgänger, Radfahrer, ältere Menschen, Behinderte und insbesondere Kinder werden durch Tempo 30 besser geschützt. Die Reduktion der Unfallzahlen zeigt in diesem Bereich die höchsten Werte (ca. 60 % - 70 %).

Tempo 30 bringt mehr Sicherheit für den motorisierten Verkehr.

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Auch der motorisierte Verkehr profitiert von Tempo 30, denn die Reduktion der Unfallzahlen, der Unfallschwere und Unfallkosten zeigt sich auch für diese Verkehrsart. Schnell Fahren fördert Hektik und Gefahren. Mit Tempo 30 fährt man gleichmäßiger, gelassener und souveräner. Zeichen und Gesten werden leichter wahrgenommen, es bleibt mehr Zeit für Reaktionen. So zeigt z.B. die Evaluation von Tempo 30 / Tempo 40 in der Stadt Dinslaken eine Unfallkostenreduktion von 42 % auf den Tempo 40-Straßen und von 16 % auf den Tempo 30-Straßen, während sich bei den Tempo 50-Straßen eine Steigerung von 4 % zeigte. Bei den Unfallzahlen zeigte sich in Dinslaken folgendes Bild: Während im Tempo 50-Netz eine Zunahme von 10 % zu verzeichnen war, verringerten sich im Tempo 30 / Tempo 40-Netz die Unfallzahlen mit Toten und Schwerverletzten um 36 %, die der Leichtverletzten um 11 % und die der Unfälle mit reinem Sachschaden um 6 %.  Auch eine Evaluationsuntersuchung in der Stadt Graz (Tempo 30/50) zeigt deutlich, daß sich auch die Unfälle beim motorisierten Verkehr um 14 % verringert haben.

Tempo 30 reduziert das motorisierte Verkehrsaufkommen.

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Wenn die nichtmotorisierten Verkehrsarten sicherer sind, gehen mehr Leute (und ganz besonders Kinder) zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad durch die Stadt. Auch der öffentliche Verkehr wird dann häufiger genutzt, denn an den Haltestellen ist die Sicherheit beim Ein- und Aussteigen größer. Eltern müssen ihre Kinder nicht mehr ständig mit dem Auto transportieren, sie können sie zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren lassen. Auch die Erwachsenen trauen sich dann eher, mit dem Rad in der Stadt zu fahren. Dadurch wird der motorisierte Verkehr entlastet und die Staus werden kürzer und seltener. Weniger Verkehr bedeutet weniger Streß für die Autofahrer, sie können gelassener fahren und werden nicht aggressiv und ungeduldig. Das erhöht wiederum die Sicherheit der nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer.

Weniger Verkehr bedeutet auch größere Lücken im fließenden Verkehr für Fußgängerüberquerungen, weniger „Rotfahrer” an Ampeln, weniger riskante Rechts- und Linksabbieger, weniger „Schleichverkehr” durch Wohn- und Schulgebiete und weniger Falschparker auf Fuß- und Radwegen. So werden viele Risiken für den nichtmotorisierten Verkehr vermieden oder gemindert.

Tempo 30 führt zu menschenfreundlichen Städten und Dörfern.

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Tempo 30 bedeutet weniger Lärm, weniger Abgase und mehr Wohnumfeldqualität. Untersuchungen belegen die niedrigeren Schadstoffwerte bei Tempo 30. Kohlenmonoxid, Stickoxide und Kohlewasserstoffemissionen werden geringer. Der Lärmpegel sinkt beträchtlich. Tempo 30 ist ein Beitrag zum Schutz unserer Gesundheit und unserer Umwelt und verbessert die Wohnqualität unserer Städte und Gemeinden (vgl. Welge, 1996).

Tempo 30 erhöht die Fahrzeit nur unwesentlich.

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Mit Tempo 30 wird die Fahrzeit nur um wenige Sekunden länger. Auf einer Strecke von 500 m innerhalb einer Tempo 30-Zone liegt der Zeitverlust bei maximal 5-10 Sekunden im Vergleich zu Tempo 50. Wenn man bedenkt, daß die meisten Autofahrten innerhalb von Ortschaften unter einer Länge von 5 km liegen, kann die maximale Verzögerung höchstens bei 2 Minuten liegen. Können Tote und Verletzte der Preis für diese zwei Minuten Zeitgewinn sein?

Tempo 30 sollte möglichst flächenhaft eingeführt werden.

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Aus allen aufgeführten Gründen erscheint es sinnvoll, die Höchstgeschwindigkeit des Autoverkehrs innerhalb von Ortschaften auf 30 km/h zu reduzieren, am besten flächendeckend im gesamten Ort oder zumindest in den Wohn-, Schul- und Einkaufsgebieten. Bislang sind folgende Regelungen bekannt:

a) Tempo 30 - Zonen - Geschwindigkeitsbeschränkung: Die Stadt definiert die Tempo 30 - Zonen - mit den bekannten Problemen in Bezug auf das „Zonenbewußtsein”.

b) Tempo 30 auf allen nicht-vorfahrtberechtigten Straßen, Tempo 50 auf allen Vorfahrtstraßen: Diese Regelung gilt in der Stadt Graz in Österreich. Tempo 50 darf auf allen Straßen gefahren werden, die mit dem Vorfahrtzeichen ausgestattet sind. Auf allen anderen Straßen gilt Tempo 30.

c) Tempo 30 als Stadtgeschwindigkeit: Für die gesamte Stadt oder für das gesamte Dorfgilt Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit. In Deutschland findet man diese Art von Regelung nur in kleineren Gemeinden, die einfach das gesamte Dorf als „Tempo 30 - Zone” definiert haben.

Tempo 30 muß mit psychologischer Unterstützung eingeführt und durchgesetzt werden.

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Die Vorteile von Tempo 30 müssen von den Bürgern erkannt und akzeptiert werden. Deshalb ist eine behutsame Einführung und Durchsetzung der Maßnahme mit psychologischer Begleitung erforderlich. Ein sehr gutes Beispiel ist in der Dokumentation der Stadt Tübingen zu finden. Die Öffentlichkeitsarbeit bei der Einführung von Tempo 30 wurde psychologisch begleitet, damit eine möglichst hohe Akzeptanz erreicht wird. In einer ersten Phase wurde die Bevölkerung über Radio und Zeitungen über die Vorteile von Tempo 30 informiert. In einer zweiten Phase wurde auf der politischen Ebene eine breite Bürgerbeteiligung bei den Planung und Einrichtung der Zonen angestrebt und auch erreicht. Danach wurde Tempo 30 eingeführt. Damit die Autofahrer sich daran gewöhnen können, wurde mit vielfältigen Erinnerungshilfen gearbeitet. Anschließend wurde Tempo 30 intensiv gemessen, aber es wurden keine Bußgelder erhoben. Die Bevölkerung wurde über die Ergebnisse der Messungen laufend informiert. In einer weiteren Phase wurde dann auch mit Bestrafung gearbeitet. Für einzelne Zielgruppen (Schüler, Lehrer, Eltern, Studierende, Arbeiter, Angestellte, Beamte usw.) wurden spezielle Programme ausgearbeitet. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, daß in der Stadt Tübingen eine hohe Akzeptanz und Einhaltung von Tempo 30 erreicht werden konnte.

Tempo 30 muß konsequent „durchgesetzt” werden.

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Zahlreiche Untersuchungen zeigen, daß ca. 87 % der Kraftfahrzeuge in Tempo 30 - Zonen die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h überschreiten. Es werden durchschnittliche Geschwindigkeiten von ca. 38 km/h erreicht. Im Vergleich dazu wird in Tempo 50 - Straßen durchschnittlich mit ca. 43 km/h gefahren. Damit die Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h eingehalten wird müssen entweder die Straßen bauliche verändert werden oder es muß die Einhaltung der Geschwindigkeit durch die Polizei oder durch das Straßenverkehrsamt überwacht werden.

Bauliche Maßnahmen in Tempo 30 - Zonen müssen nicht teuer sein.

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Für die Ausgestaltung von baulichen Maßnahmen kommen sowohl einfacheals auch aufwendige bauliche Maßnahmen in Betracht (Welge, 1996).

Zu den einfachen baulichen Maßnahmen zählen provisorische Verengungen des Straßenraums, z.B. Poller, Kübel, „Freiburger Betonkegel”, Plauteauerhöhungen, alternierendes Parken, Querungshilfen usw.

Aufwendige bauliche Maßnahmensind Umgestaltungen des Straßenverlaufs, Veränderungen an Kreuzungs- und Knotenpunkten, Aufpflasterungen, Fahrbahnverengungen, Kölner/Berliner Teller, Grünbeete, Baumscheiben, Mittelinseln oder Schwellen.

Bei einer Umfrage des Deutschen Städtetages zeigte sich, daß ca. 15 % der Städte, die sich an der Umfrage beteiligt haben, keine baulichen Maßnahmen bei der Ausweisung ihrer Tempo 30 - Zonen ergriffen haben. Sie haben lediglich Beschilderungen und Markierungen vorgenommen. Weitere 25 % der Städte haben sich vorwiegend einfacher baulicher Maßnahmen bedient (z.B. Münster), während ca. 60 % der Städte zur Umsetzung ihrer Tempo-30-Konzepte aufwendige bauliche Maßnahmen vorgenommen haben.

Tempo 30 muß in der Verkehrserziehung thematisiert werden.

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Sowohl in der Grundschule als auch in den weiterführenden Schule müssen die Kinder und über sie auch ihre Eltern die Vorteile von Tempo 30 kennenlernen. Dabei hat sich die Einbeziehung von Schulkindern bei den Tempo 30 - Kontrollen durch die Polizei bewährt. Autofahrer erkennen so den Sinn von polizeilichen Tempo 30 - Überwachungsaktionen.  Weitere Aufklärungsaktionen für Eltern können auch in den Kindergärten durchgeführt werden. Und nicht zuletzt sollte das Thema „Tempo 30” auch in den Fahrschulen ein Schwerpunkt der Ausbildung sein.

Der Beitrag erschien erstmals im Januar 2012 auf Tagesspiegel.de. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin dürfen wir ihn hier in der Causa-Debatte als Diskussionsbeitrag verwenden.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Ahmet Cakir
    Meine Idealvorstellung - 30 km/h generell, 50 km/h wo zugelassen - wende ich selbst an, wenn ich niemanden behindere. Grund ist die eigene Sicherheit, weil ich Angst davor habe, mit meinem Fahrzeug jemanden zu verletzen. Ich weiß, dass manche Menschen, die bei Unfällen keinerlei Schuld trugen, sich lebenslang elend gefühlt haben. Tatsächlich ist auch mir jemand ins Auto gelaufen. Bei meinem üblichen Tempo wäre dieser Mensch, eine junge Frau, vermutlich tot. So hat sie nur einen Schock und einen Prozess wegen Körperverletzung zu überstehen gehabt. Ich fuhr zufällig unter 30 km/h.

    Ich kontrolliere meine mittlere Geschwindigkeit ständig und komme in der Stadt nie über 30 km/h. In Wohnstraßen würde ich diese Geschwindigkeit auch bei forcierter Fahrweise nicht erreichen. Solche Straßen sind in den USA mit vier Wege Stopp belegt. D.h., jeder Autofahrer hält an, man fährt nach gleicher Reihenfolge wieder an. So kommt man auf einen Schnitt von ca. 25 km/h. Mehr schafft man in deutschen Städten kaum erreichen.

    Was hat man davon? Z.B. dass ich seit Jahrzehnten keine Kupplungsreparatur bezahlt habe, nur einmal neue Bremsbeläge gebraucht, und durchschnittlich etwa 80% des Benzinverbrauchs verzeichne, den der Hersteller angibt. Die meisten Fahrer liegen weit über diesem Wert. Meine Autoreifen werden nach 8 Jahren wegen Alterns ausgetauscht. Abgefahren sind sie nie. Zur Umweltverschmutzung trägt ja nicht nur der Benzinverbrauch bei, sondern auch abgefahrene Reifen und Bremsklötze durch ihren Abrieb. Vom Lärm ganz zu schweigen.

    Wer da einen vermutet, der über die Straßen schleicht, liegt daneben. Ich habe mal in 36 Stunden Istanbul erreicht, des öfteren den Gardasee in 10 Stunden von Berlin, München eher in fünf Stunden denn in sechs. Auf Autobahnen in Deutschland fahre ich einen Schnitt von etwa120 km/h, in den USA 110 km/h.

    Ich bin bedingungslos für Tempo 30 generell, weil ich entspannter fahre. Da dich dadurch weniger Platz beanspruche, wird die Stadt größer.

  2. von Harald Mertes
    Es scheint hier weniger um sachliche Information zu gehen als um die Durchsetzung einer politischen Vorstellung. Dasa merkt man an den sachlichen Fehlern.

    So unsinnig es ist,den Zeitverlust auf einer Strecke von 500 m zu messen, da jeder ein Vielfaches davon fährt, so ist der Zeitverlust doch höher als maximal 5-10 Sekunden im Vergleich zu Tempo 50. Bei Tempo 50 braucht man 35 Sekunden für 500 m, bei Tempo 30 hingegen schon 60 Sekunden, das sind 25 Sekunden, also ein Fehler von 250-500 %, den die Autorin da macht.

    Ebenso falsch ist ihre Behauptung, Untersuchungen belegten die niedrigeren Schadstoffwerte bei Tempo 30; Kohlenmonoxid, Stickoxide und Kohlewasserstoffemissionen würden geringer. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Auto stößt am wenigsten Abgase pro km aus, wenn der Motor im größten Gang rund läuft. Bei Tempo 30 sind aufgrund des nidrigeren Gangs die Motorwiderstände höher und führen so zu einem höheren Verbrauch und zu einer höheren Schadstoffbelastung.

    Zwei Thesen haben nur das gleiche Ziel: 1. Tempo 30 muß mit psychologischer Unterstützung eingeführt und durchgesetzt werden. 2. Tempo 30 muß konsequent „durchgesetzt” werden. Wenn Sie dann einräumt, dass bei Tempo 30 die Durchschnittsgeschwindigkeit 38 km/h und bei Tempo 50 nur 43 km/h beträgt, zeigt das die mangelnde Akzeptanz von Tempo 30.

    Die Autorin unterschlägt, dass schon mehr als 80 % der innerörtlichen Straßen Deutschlands Tempo 30 gilt. In den Wohngebieten mit seinem Ziel- und Quellverkehr sind Tempo-30-Zonen längst Standard. Es geht vielmehr um die Frage, auch den Durchgangsverkehr auszubremsen.

    Die Untersuchungen, auf die die Autorin hinweist, sind nicht viel mehr als der Hawthorne-Effekt: wenn Tempo 50 der Standard ist, bedeutet Tempo 30, dass eine besondere Gefahrenlage besteht, und die Aufmerksamkeit wird erhöht. Wird Tempo 30 flächendeckend auch für Hauptstraßen eingeführt, wird diese erhöhte Aufmerksamkeit nicht mehr erreicht.

    Viele falsche Fakten also. Zu welchem Zweck?
  3. von Roland Hauschulz
    Sehr gute Aufzählung der Vorteile von Tempo 30 auch für den Autofahrer - leider fehlt mir etwas der Aspekt der Richtgeschwindigkeit. Die deutschen Kommunen haben leider nur einen sehr geringen Spielraum, was die Anordnung von T30 angeht, das sieht man auch in den Berliner Bezirken immer wieder sehr gut, zumal die VLB den T30-Forderungen der Bezirksverordnetenversammlungen und Bürgern nur in den seltensten Fällen nachkommt. Das liegt zum großen Teil jedoch an der StVO, die nach wie vor den (irrtümlich als solchen angenommen!) stetig fließenden Verkehr über viele anderen Ziele hinwegsetzt.

    Wir brauchen in Deutschland daher zuallererst eine Änderung der StVO mit einer Richtgeschwindigkeitsabsenkung von T50 auf T30. Die Absenkung der Richtgeschwindigkeit ist ein Angstthema der deutschen Politik, dabei würde sich für den Bürger gar nichts ändern, außer, dass alle 50er-Straßen nun mit 50 geschildert werden müssen und alle 30-Schilder verschwinden. Straßen können auch weiterhin mit T50 befahren werden, wenn die Kommune das so möchte - es gibt ja auch T60- und sogar T70-Straßen innerhalb bebauter Gebiete. Gleichzeitig öffnet sich den Kommunen damit die Möglichkeit, Probleme im Verkehr wesentlich effizienter anzugehen als bisher.