Vor dem Rentengipfel der Bundesregierung Warum der Dachdecker nicht die Rentenpolitik bestimmen darf

Bild von Hubertus  Pellengahr
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Expertise:

Hubertus Pellengahr ist seit Januar 2010 ist er Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Er war Grundsatzreferent für Wirtschafts- und Finanzpolitik im Büro des Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Hermann Otto Solms und von 1998 bis 2009 Sprecher und Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE).

Das Rentensystem wird kollabieren, wenn es nicht an veränderte Gegebenheiten anpasst wird. Nichts spricht gegen die Anhebung des Eintrittsalters.

Manche Zusammenhänge liegen so offensichtlich auf der Hand, dass man sich fast schon fragt, weshalb man überhaupt darüber reden muss: Wer länger lebt, kann länger arbeiten. Er oder sie möchte oft auch länger arbeiten – und wird es künftig wohl auch müssen, soll die Finanzierung des Rentensystems nicht aus dem Ruder laufen.

Ein Großteil der Erwerbstätigen möchte länger als bis zur gesetzlichen Rente arbeiten.

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Die steigende Lebenserwartung der Bundesbürger erfordert zwangsläufig eine – zumindest im Durchschnitt – verlängerte Erwerbsphase. Viele, vor allem ältere Menschen sträuben sich auch gar nicht dagegen. Das hat auch eine Allensbach-Umfrage für die INSM vor zwei Jahren ergeben: Demnach kann sich immerhin ein Fünftel der über 60-Jährigen vorstellen, über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu arbeiten. Die wichtigsten Fakten zur gesetzlichen Rente wurden in der aktuellen Diskussion schon so oft genannt, dass sie jeder am Thema Interessierte inzwischen vermutlich im Halbschlaf herunterbeten kann – also hoffentlich alle 36 Millionen Versicherten, die heute Beiträge zahlen und damit Rentenansprüche erwerben.

Die Rentner werden hierzulande nicht nur immer älter, ihre Zahl wird auch deutlich steigen, denn in den nächsten 20 Jahren bis Mitte der 2030er Jahre gehen die fast 20 Millionen Babyboomer der Geburtsjahrgänge 1955 bis 1969 in den Ruhestand. Ihnen gegenüber steht eine schrumpfende Zahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter, woran übrigens auch die Flüchtlingszuwanderung nicht viel ändern wird: Heute kommen auf einen Rentner noch drei Erwerbsfähige, 2035 werden es nur noch zwei sein.

Um das Rentenniveau zu halten, muss das Eintrittsalter angepasst werden. 

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Aus all dem folgt: Die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung steigen, während zugleich die Einnahmeseite unter Druck gerät. Bleibt man dabei, dass auch in der Rentenversicherung die Einzahlungen möglichst die Ausgaben decken sollen, ohne dass ein immer größeres Loch aus Steuermitteln gestopft werden muss, greift eine simple Mechanik. Die Rentenversicherung in ihrer aktuellen Gestalt hat genau drei Stellschrauben: das Rentenniveau, die Beitragssätze und das Renteneintrittsalter. Und wer nicht an A und B drehen will, muss es eben an C tun.

Freundlicher ausgedrückt: Wenn Jung und Alt nicht finanziell gegeneinander ausgespielt werden sollen, setzt man am besten dort an, wo es am wenigstens weh tut. Ein allseits akzeptierter Vorschlag lautet, dass die zusätzlichen Lebensjahre im Verhältnis von zwei zu eins auf Erwerbsphase und Ruhestand verteilt werden sollten, damit die Relation zwischen beiden gewahrt bleibt. Führt man dazu einen Automatismus ein, würde sich der gesetzliche Rentenbeginn mit jedem Jahr steigender Lebenserwartung um acht Monate nach hinten verschieben. Auch eine solche Regelung schließt selbstverständliche eine flexible Handhabung des Ausstiegs aus dem Erwerbsleben nicht aus. Was eine Anhebung der Regelaltersgrenze bringen würde, hat kürzlich das IW Köln ausrechnet: Gehen wir von 2040 an erst mit 70 in Rente, ließe sich das für 2030 angepeilte Rentenniveau von 43 Prozent bei einem Beitragssatz von 22 Prozent auch bis 2050 halten. Um das heutige Sicherungsniveau bei heutigen Beiträgen zu fixieren, müssten die Bundesbürger schon ab 2032 bis 70 arbeiten – und ab 2042 bis 73.

Gesundheitsmanagement muss in Zukunft eine größere Rolle spielen.

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Das Totschlagargument gegen alle Vorschläge in diese Richtung, bei denen sich der gesunde Menschenverstand und ökonomische Expertise eigentlich die Hand geben könnten, ist der berühmtberüchtigte Dachdecker. Der könne mit 65 nicht mehr auf Giebeln herumkraxeln, heißt es. Das dürfte in vielen Fällen sogar richtig sein, bedeutet aber nicht das Ende der Diskussion. Erstens arbeiten nicht alle Deutschen als Dachdecker (oder in vergleichbar riskanten Berufen) und zweitens kann man mit dieser Erkenntnis umgehen. Gefragt sind sowohl die Arbeitnehmer als auch die Arbeitgeber. Wer weiß, dass er nicht bis zur Rente in seinem gelernten Beruf tätig sein kann, sollte sich frühzeitig weiterbilden und auf Alternativen zusteuern. Gerade im Handwerk kann die Selbstständigkeit mit ihren Gestaltungsfreiräumen eine Perspektive bieten ebenso wie das Umsatteln auf unterstützende Verwaltungstätigkeiten. Die Arbeitgeber sollten diesen Weg mit Weiterbildungsanreizen unterstützen – und vor allem sind sie in puncto Gesundheitsmanagement gefragt, um die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter so lange wie möglich zu erhalten.

Die Lebenserwartung ist nicht zwangsläufig mit der sozialen Klasse verbunden.

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Ein zweites Gegenargument ist ebenso wenig schlagkräftig wie der Dachdecker, und zwar die pauschale Feststellung, dass sozial Schwächere nichts von der höheren Lebenserwartung hätten. Möglicherweise ist deren Lebenserwartung tatsächlich niedriger als die von Besserverdienern und Höhergebildeten, doch auch die Ärmeren leben länger und werden folglich länger als früher auf Alterssicherung angewiesen sein. Vor dem Hintergrund, dass Sitzen bereits als das neue Rauchen gilt und Burn-out sowie andere psychische Erkrankungen zu den häufigsten Gründen für Arbeitsausfälle zählen, ist ohnehin fraglich, wie lange sich die Schwarzweißmalerei des Arbeitslebens noch halten lässt.

Der Schlüssel zum gesunden Altern dürfte wie so oft die Bildung und damit die Sensibilisierung für einen gesunden Lebensstil sein. Fest steht jedenfalls, dass Deutschland auf einem guten Weg ist: Die Menschen wollen nicht nur länger arbeiten, sie tun es auch: Im Jahr 2000 – und das ist gar nicht mal so lange her – war hierzulande gerade einmal ein gutes Drittel der 55- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Heute sind es zwei Drittel. 

10 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Karlo Petar Plazonic
    Renteneintrittalter Bzw. RENTENEINTRITT
    WIR haben Mitbürger die fangen schon mit 14/15/16 Jahren zu Arbeiten und andere sogar erst mit 35 Jahren. Wir sollten uns statt die Mitbürger mit 63/65/67 Jahren und lt. Rentendiskusition mit 70/71/...../85 Jahren in die Rente zu schicken, eine neue Formel entwickeln.
    Eine Lebensarbeitzeit Rentendiskusition wer z.B. 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat. Hat eine vollen Rentenanspruch lt. SEINEN Einzahlungen. Der Dachdecker der mit 15 Jahren angefangen hat wird mit 60 Jahren schon Rentenreform sein. ABER, der lange Studiert hat und erst mit 30 Jahren anfängt zu Arbeiten wird mit 60 Jahren noch lange Kraft haben zu arbeiten, warum soll er den nicht die 45 Jahre auch voll bekommen.
    Das könnte ich mir als Altersgerechtigkeit vorstellen.
    Um die Renten Sicherheit zu gewährleisten sollten auch wieder
    Alle Mitbürger in die Sozialversicherung einzahlen, lt. WISO würde das uns die Zeit verschaffen um alles Umzusetzen.
    Es ist Zeit Umzudenken.
    Es ist Zeit für ein Soziokulturelles Bedingungsloses Grundeinkommen.

    Zur Person
    Karlo Petar Plazonic
    Erster Vorsitzender der
    Sozial-Kulturelle Bewegung
    Bedingungsloses Grundeinkommen #SKBBGE
    www.skbbge.de
  2. von Heike Kolbow
    Leider stimmen schon die Fakten, auf denen der Artikel basiert, nicht. Die vierte Stellschraube: Beamte müssen rentenversicherungspflichtig werden.
    --> Problem gelöst

    Bedenkt man, dass heutzutage nicht mal 50% der über 55-Jährigen noch einen Job haben, kann doch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nur den Sinn haben, die Rentenzahlungen erheblich zu reduzieren: wer jahrelang arbeitslos war, der kann keine Anwartschaften erlangen.
    Und vor ein paar Wochen wurde ein Hartz4ler dazu verurteilt (!), auf Rente zu gehen, weil er nicht mehr vermittelbar war (aus Sicht des Amtes).
    1. von En Jay
      Antwort auf den Beitrag von Heike Kolbow 21.11.2016, 16:13:27
      Richtig. Es geht einfach nur darum, die Menge an verfügbarer Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt möglichst hoch zu halten und dadurch die Preise für Arbeitskraft zu ddrücken. Die Kosten für die Renter mit Mini-Renten übernimmt ja dann Dank Grundsicherung der Steuerzahler - zu denen größere Unternehmen in unserem Land ja nicht mehr gehören. Danke für Nichts liebe INSM.
  3. von Peter Schulz
    Ich sehe das wie der Kommentator En Jay:
    Ich gebe offen zu, den Artikel nicht gelesen zu haben.
    Nach "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) habe ich aufgehört.
    Jeder weiß, dass das ein Arbeitgeber-Lobbyverband ist, der seit guten 15 Jahren mit schöner Regelmäßig vollkommen einseitige, faktenbefreite Behauptungen aufstellt.
    https://lobbypedia.de/wiki/Initiative_neue_soziale_Marktwirtschaft
  4. von Frank Fidorra
    Der demographische Wandel verlangt eine Anpassung der Rentenfinanzierung und/oder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. So weit, so richtig.

    Über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit kann man aber nicht diskutieren, ohne gleichzeitig über Arbeitsmodelle für ältere Menschen zu reden. Wer verlangt, dass ein deutlich über 50-jähriger Handwerker umschulen soll, um eine Tätigkeit auszuüben, die er z.B. bis 70 durchhalten kann, der sollte sich mal erkundigen, wie die Chancen eines Menschen in diesem Alter auf dem Arbeitsmarkt aussehen: extrem mau nämlich.

    Wer fordert, dass die Menschen immer länger arbeiten sollen, gleichzeitig aber akzeptiert, dass die meisten Menschen in diesem Alter arbeitslos werden, der saniert freilich das Rentensystem - auf Kosten der Rentner.
  5. von Hartmut Leuschner
    Ein höheres Renteneintrittsalter rettet das System nicht!
    Man könnte die Menschen bis zum 100. Geburtstag arbeiten lassen und das Rentensystem würde trotzdem kollabieren.
    Das ist einfach dem Umstand geschuldet, dass mit fortschreiten der Technologie immer weniger Menschen an einem Arbeitsprozess beteiligt werden,und somit auch keine Einzahler in den Rentenkassen zur Verfügung stehen.
    Norbert Blüm ehemaliger Arbeitsminister unter Helmut Kohl hat es letzte Woche hervorragend auf den Punkt gebracht.
    Waren früher 60 Leute 48 Stunden damit beschäftigt ein Fahrzeug vom Band laufen zu lassen,erledigen dies heute nur noch 15 in 12 Stunden.
    Ein ähnliches Beispiel brachte am Wochenende ein Winzer,der früher von Mai bis Oktober 50 Leute in seinen Weinbergen in Lohn und Brot hatte.Diese Arbeiten erledigt heute eine einzige Maschine zeitgenau getimt in 1/10 der sonst üblichen Zeit.
    Eine Maschine zahlt keine Rentenbeiträge.
    Wem ist demnach geholfen,wenn das Renteneintrittsalter hoch gesetzt wird? Niemandem!
    1. von En Jay
      Antwort auf den Beitrag von Hartmut Leuschner 21.11.2016, 14:26:34
      Sehr richtig. Kurz gesagt: Produktivität fressen Kapitalismus auf.

      Die Vorstellung man können diesen Effekt einfach durch immer größeres Wachstum kompensieren, also durch eine ständige Ausweitung der Produktion die wieder neue Arbeitsplätze schafft, ist im 21. Jahrhundert vollkommen unrealistisch. Wir leben auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen und der Tag hat für alle Menschen genau 24 Stunden. Wie soll immer mehr Produktion funktionieren, wenn irgendwann die Ressourcen ausgehen? Wie soll immer mehr Konsumption funktionieren, wenn ein Mensch nicht 10 Mal täglich drei Tiefkühlpizzen ins sich reinschaufeln kann.

      Der wirtschaftliche Grundansatz ist schlichtweg falsch. Deswegen geht auch jede Debatte um längere Lebensarbeitszeiten vollkommen an der Sache vorbei, den am Grundproblem (Ressourcen und Zeit) ändert das überhaupt nichts.

      Organisationen wie die INSM liefern für die wesentlichen Probleme unserer Zeit keinerlei Antworten oder auch nur ernstzunehmende Beiträge. Das einzige was ihnen (und allen neoliberalen Ideologen) einfällt ist "mehr vom Gleichen". Kurz gesagt: Die klauen uns als Gesellschaft wertvolle Lebens- und Debattenzeit, die wir auf die Erarbeitung tatsächlicher Lösungen verwenden könnten (und ganz dringend sollten).
  6. von En Jay
    Ich gebe offen zu, den Artikel nicht gelesen zu haben. Nach "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) habe ich aufgehört. Jeder weiß, dass das ein Arbeitgeber-Lobbyverband ist, der seit guten 15 Jahren mit schöner Regelmäßig vollkommen einseitige, faktenbefreite Behauptungen aufstellt.
    https://lobbypedia.de/wiki/Initiative_neue_soziale_Marktwirtschaft

    Das von der INSM seit langem immer wieder behauptete "Ende der umlagefinanzierten Rente" ist schon so häufig widerlegt worden, dass es geradezu lachhaft ist, dass diesem Käse hier schon wieder ein Forum geboten wird. (beispielhaft: http://www.nachdenkseiten.de/?cat=145) Aber aktuell scheint die INSM ja eine entsprechende Kampagne zu fahren, die sind ja gerade mal wieder sehr präsent mit ihren "Botschaftern".

    Ich finde es übrigens auch nicht in Ordnung, wenn vom Tagesspiegel die Organisationen für die ein Autor arbeitet auf Causa in keiner Form vorgestellt oder eingeordnet werden. Und das würde ich auch sagen, wenn Herr Pellengahr für die Hanns-Böckler-Stiftung arbeiten würde.
  7. von Eck Ines
    Technischer Fortschritt sollte und kann notwendige Arbeitszeit verkürzen. Eine bedingungslose Grundsicherung, die durch private Versicherungen ergänzt werden kann, galt bereits vor Jahren als mögliche Problemlösung. Mitarbeiter der Rentenversicherung stimmten dem Modell zu.
  8. von Uwe Mohrmann
    wenn
    dieser Mann meint, ein Dachdecker darf nicht die Rentenpolitik bestimmen, dann Pellengahr und die Seinen mit Sicherheit nicht.
    Dieses Pamphlet hilft mit Sicherheit nicht, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Aus solch Menschen wurde in den letzten Jahren viel zu viel gehört und haben leider zuviel Einfluss