Rentenpolitik Schadensbegrenzung statt echter Reform

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Humboldt-Universität zu Berlin

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Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung und die Erforschung gesellschaftlicher Ungleichheit.

Das deutsche Rentensystem ist längst nicht mehr zeitgemäß. Es bedarf endlich grundlegender Veränderungen, um auch Geringverdiener im Alter abzusichern.

Die große Rentenreform von 1957 wird noch heute dafür gepriesen, dass sie den deutschen Sozialstaat auf die Lebensstandardsicherung im Alter verpflichtete. Altersarmut sollte der Vergangenheit angehören. Eigens dafür wurde das sogenannte Äquivalenzprinzip erfunden, das bisherige Einzahlungen ins Rentensystem mit einer bestimmten Leistungshöhe verknüpfte. Der Generationenvertrag sieht vor, dass die Leistungen für die Alten von den gegenwärtigen Erwerbstätigen getragen werden. Dieses Prinzip stößt nun an seine Grenzen. Zu Adenauers Zeiten war das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern noch etwa 6 zu 1, bald nur noch 2 zu 1. Damals hatten Menschen eine Lebenserwartung von weniger als 70 Jahren, wer heute geboren wird, hat im Durchschnitt über 80 Jahre vor sich. Damit hat sich auch die durchschnittliche Dauer des Renterdaseins geradezu dramatisch erhöht. Auch Rekordbeschäftigung, Zuwanderung und stetig wachsende Frauenerwerbsbeteiligung bringen kaum Entlastung.

Die Umstrukturierung des Arbeitsmarktes hat das Rentensystem ins Wanken gebracht.

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Lange Zeit galt, dass die Alten in Deutschland nicht arm sind, aber das wird sich zukünftig ändern. Das Rentenniveau wurde sukzessive abgesenkt. Das Absinken der Lohnersatzquote ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass das Ziel der Lebensstandardsicherung schon lange nicht mehr erreicht wird. Ein wachsender Anteil der Rentner ist auf die Grundsicherung angewiesen. All die schönen Instrumente privater und betrieblicher Vorsorge können diese Lücken nicht schließen. Zudem sind das Wachstum des Niedrigeinkommenssektors, die große Zahl der neuen Selbstständigen und die atypischen Beschäftigungsformen ein Problem für ein Rentensystem, das nach wie vor auf der Vorstellung eines Vollzeitbeschäftigten mit kontinuierlicher Erwerbstätigkeit aufbaut.

Aber natürlich gilt das Versorgungproblem nicht für alle: In der Rentnerpopulation wächst die Ungleichheit. Auf der einen Seite die wohlhabenden Rentner, die auch betrieblich oder privat vorsorgen konnten, mittlere oder größere Vermögen anhäufen konnten und durch Wohneigentum die Mietbelastung im Alter sparen. Auf der anderen Seite jene, die nur wenig Rentenpunkte sammeln und auch nicht viel zur Seite legen konnten. Für sie ist die Aussucht auf Armut im Alter kein unwahrscheinliches Zukunftsszenario.

Beim Renteneintrittsalter sollte nach sozialen Schichten differenziert werden.

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Aus der Politik kommen nun mit Nachdruck Forderungen nach einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Wenn die Lebenswertartung stetig ansteigt, so scheint es gerechtfertigt, auf ein späteres Rentenalter zu drängen. Die Pläne, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln, liegen schon seit längerem in den Schubladen der politisch Verantwortlichen.

Das Argument der beständig steigenden Lebenserwartung hat allerdings einen Haken, denn vom statistischen Zuwachs an Lebenszeit profitieren nicht alle. In den unteren Schichten fällt der Gewinn an Lebensjahren viel bescheidener aus als in den mittleren und oberen Schichten. Das Robert-Koch-Institut hat in einer Studie den Unterschied zwischen der ärmsten und der reichsten Einkommensgruppe mit zehn Jahren bemessen. Wer arm ist, stirbt früher. Man könnte auch sagen: Je mehr Rentenpunkte jemand hat, desto höher die Lebenserwartung. Augenscheinlich ist es so, dass die gut situierten Rentner eben auch diejenigen sind, die länger leben und gesünder alt werden. Sie sind stammen überwiegend aus der Gruppe der gut Qualifizierten, die weder an der Werkbank standen noch täglich „auf dem Bock“ saßen und ihren Rücken schädigten. Größere Autonomie im beruflichen Leben und weniger Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz schlagen für sie positiv zu Buche. Eigentlich, könnte man denken, müsste man das Renteneintrittsalter nach sozialen Schichten differenzieren, wollte man das Prinzip der Äquivalenz von Ein- und Auszahlungen weiter stärken. Es ist allerdings nicht einfach, die Lebenserwartung für einzelne Gruppen solide zu messen. Deshalb muss jede Verschiebung des Renteneintrittsalters auch mit Augenmaß geschehen.

Das Rentensystem sollte jeden verpflichten und eine Maximalrente festsetzen.

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In der Debatte um das Verhältnis von Jung und Alt tritt die Kluft innerhalb der Rentner selbst allerdings allzu oft in den Hintergrund. Wir haben nicht nur ein Versorgungs-, sondern auch ein Ungleichheitsproblem, das durch das Rentensystem und seine Reformer unzureichend adressiert wird. Ein Blick in die Schweiz mag als Inspiration dienen, wie man es anders machen könnte. Auch die Schweizer haben in der ersten Säule ihrer Alterssicherung das Umlageprinzip installiert, welches Geld von den aktuell Erwerbstätigen zu den Rentnern verschiebt, doch das System ist deutlich inklusiver. Versicherungspflichtig ist die gesamte Bevölkerung, nicht nur die abhängig Beschäftigten. Dadurch sind die Finanzierungsbasis und der Kreis der Abgesicherten viel größer. Noch wichtiger ist: Es gibt – anders als in Deutschland – keine kappende Beitragsbemessungsgrenze, die hohe Einkommen aus dem Rentenkassenbeitrag ausnimmt. Die ausgezahlten Rentenleistungen sind durch eine Maximalrente hingegen gedeckelt, so dass das Äquivalenzprinzip am oberen Ende aufgeweicht wird. Folge ist, dass die höheren Beiträge der oberen Einkommensbezieher zur Deckung der allgemeinen Rentenkosten eingesetzt werden können. Davon profitieren vor allem die kleineren Einkommensbezieher. Für das deutsche System scheinen solche grundlegenden Reformoptionen derzeit allerdings in weiter Ferne, trotz des immensen Problemdrucks, der sich immer weiter aufbaut.

 

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