Altersvorsorge in Deutschland Das Rentenalter muss im Wahlkampf Thema sein 

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Vorstandsmitglied DIW - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Expertise:

Gert G. Wagner ist Vorstandsmitglied des DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Max-Planck-Fellow am MPI für Bildungsforschung und Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin; er ist auch u.a. Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung und gibt hier seine persönliche Meinung wieder.

Wir müssen schon heute diskutieren, wie die Rente 2045 aussieht. Der anstehende Wahlkampf bietet uns die Gelegenheit. 

Die Rente könnte wieder einmal zum Wahlkampfthema werden. Aber eignet sie sich dafür, kompliziert, wie die Sache nun einmal ist? Ja – wenn tatsächlich auch schwierige Punkte diskutiert werden. Dazu zählen das Renteneintrittsalter und die Erwerbsminderung.
Bei der Gestaltung der Rente gibt es kein richtig oder falsch. Vielmehr muss ein Ausgleich zwischen unterschiedlichen Zielen gefunden werden. Es muss entschieden werden, wie hoch der Beitragssatz maximal sein soll und wie stark das Rentenniveau sinken kann, ohne dass es zu mehr Altersarmut und schwerer Unzufriedenheit unter den Rentnern und Ängsten bei den Mittelalten kommt.

Die gesetzliche Rentenversicherung steht keineswegs vor dem Bankrott. 

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Zu den großen Fragen gehört auch, wo die Altersgrenze liegt, ab der man in Rente gehen kann, und wie viele Versicherte wegen Krankheit oder Tod diese Grenze nicht erreichen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat Berechnungen vorgelegt, die über den gesetzlich vorgeschriebenen Prognosezeitraum von 15 Jahren hinaus bis zum Jahr 2045 reichen. Sie zeigen, und das könnten ruhig auch alle Politiker stärker betonen, dass die gesetzliche Rentenversicherung keineswegs vor dem Bankrott steht. Trotz Alterung der Bevölkerung wäre im Jahr 2045 ein Rentenniveau von 46 Prozent (im Vergleich zu heute 48 Prozent und prognostizierten 42 Prozent) mit einem keineswegs unvorstellbaren Beitragssatz von 25 Prozent (im Vergleich zu gesetzlich festgelegten 22 Prozent) und einem etwas erhöhten Bundeszuschuss („Demografiezuschuss“) erreichbar.


Was die Finanzierung der Renten rein rechnerisch enorm erleichtern würde, wäre eine Anhebung der gesetzlichen Altersgrenze über das 67. Lebensjahr hinaus. Darüber will aber im Moment niemand reden. Eine höhere Altersgrenze wäre gesellschaftlich in der Tat auch nur akzeptabel, wenn man die Erwerbsminderungsrente für gesundheitlich Angeschlagene deutlich verbessert. Darüber lohnt sich auch Streit schon jetzt, selbst wenn die Umsetzung nicht unmittelbar bevorsteht.

Eine Anhebung der gesetzlichen Altersgrenze über 67 würde die Finanzierung der Renten erleichtern. 

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Praktiker der Rentenversicherung – sowohl auf der Arbeitnehmer- wie auf der Arbeitgeberseite – sind zwar skeptisch, ob ein so langer Planungshorizont wie jener der Berechnungen von Andrea Nahles bis 2045 sinnvoll ist. Aber es gilt: Bessere Prävention (sowohl bezüglich drohender Entwertung der beruflichen Qualifikation wie nachlassender Gesundheit) und bessere Rehabilitation nach schweren Krankheiten sind nicht von heute auf morgen zu erreichen, sondern nur in einem jahrelangen Prozess. Mit diesem sollte nicht erst 2030 begonnen werden. Grundsätzlich gilt, dass Diskussionen über die gesetzliche Rente diese keineswegs entwerten, sondern Diskussionen und selbst Streit erhöhen am Ende die Sicherheit, wenn Reformen nicht über das Knie gebrochen werden.

Es gibt keine Alternative zu politischen Entscheidungen bei der Gestaltung der Altersvorsorge. 

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Auch aus individueller Sicht ist die Altersvorsorge eine langfristige Angelegenheit, da alte Menschen nur schwer auf Unvorhergesehenes wie zum Beispiel eine Ad-hoc-Absenkung des Rentenniveaus reagieren können. Da die Zukunft unsicher ist, ist es sinnvoll, die Altersvorsorge mit einer Mischung von Umlagefinanzierung (was an Beiträgen reinkommt, wird als Renten ausgezahlt) und Kapitaldeckung (jeder spart individuell zusätzlich etwas an) zu organisieren und unbequeme, aber zentrale Fragen rechtzeitig zu stellen.
Daneben gibt es zig Detailfragen, etwa zur betrieblichen Altersvorsorge oder zur Versicherungspflicht von Selbstständigen. Auch sie müssen diskutiert werden.
Wird die Rente ein Wahlkampfthema, ist das nicht unbedingt ein Problem – auch wenn Wahlgeschenke drohen. Unter dem Strich gibt es keine Alternative zu politischen Entscheidungen bei der Gestaltung der Altersvorsorge.  

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