Wahlen und Meinungsforschung Seriöse Umfragen liefern die richtige Prognose  

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Forschungsgruppe Wahlen e.V.

Expertise:

Matthias Jung ist seit 1991 Mitglied des Vorstands der Forschungsgruppe Wahlen e.V. und geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für praxisorientierte Sozialforschung. Außerdem ist der Diplom Volkswirt seit 1994 geschäftsführender Gesellschafter der FGW Telefonfeld GmbH.

Die tendenziöse Interpretation der Umfragen durch die Medien emotionalisiert und verzerrt oft das Ergebnis. Dagegen wird die Meinungsforschung immer präziser.  

Nachdem die Hoffnungen und Erwartungen vieler Kommentatoren und Medienvertreter durch den Ausgang der US-Wahl enttäuscht wurden, müssen mal wieder die Demoskopen als Sündenbock herhalten, um die publizierten Fehleinschätzungen zu rechtfertigen. Das Demoskopenbashing hat Hochkonjunktur.

Ich könnte es mir da jetzt leicht machen und einfach auf die Schlagzeile des Tagesspiegel vom 8.11., also unmittelbar vor der US-Wahl verweisen: „Amerikas Demoskopen warnen vor Überraschungen“, stand da in großen Lettern auf der Seite eins. Insofern sehe ich da weniger ein Versagen der Meinungsforscher als vielmehr eine weit verbreitete, inadäquate Interpretation von Umfrageergebnissen durch große Teile der Medienlandschaft, aber vor allem durch einige sogenannte "Strategen", die von Wahrscheinlichkeitsangaben für den Sieg von Clinton oder Trump schwadroniert haben, ohne jemals erklären zu können, wie man so etwas aus einer Meinungsumfrage errechnen kann.

Jede Meinungsumfrage gehört in einen politischen Kontext.

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Die Fehleinschätzung resultiert vor allem daher, dass viele Beobachter für den Ausgang der Wahl Umfragen zur Popular Vote, also dem prozentualen Abschneiden bezogen auf das ganze Land, herangezogen haben. Das ignoriert aber völlig das geltende Wahlsystem, bei dem es letztlich nur auf das Abschneiden in einer guten Handvoll Swing-States ankommt. Aber selbst die Popular Vote war nicht so schlecht, denn Clinton hat ja auch in der Tat landesweit mehr Stimmen bekommen als Trump, was die Umfragen im Durchschnitt ja mit knapper werdender Tendenz durchaus richtig wiedergegeben haben (und einem angegebenen Anteil von rund 10% Unentschlossenen).

Die Medien sollten bei Umfragen nur vertrauenswürdige Quellen nutzen. 

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Relevant ist aber nur das Wahlmännerergebnis. Dafür braucht es zumindest in allen Swing-States (und noch ein paar mehr) bundesstaatenspezifische solide und regelmäßige Umfragen und die muss jemand finanzieren. Und das Mediensystem muss dann zwischen den soliden und den 500er Online-Umfragen unterscheiden und das differenziert bewerten.

Wenn man dieses Sichten und Bewerten der vielen Umfragen, die in den einzelnen Staaten erhoben wurden, seriös gemacht hat, dann ergab sich unmittelbar vor der Wahl, dass mit einem unentscheidbaren Kopf-an-Kopf-Rennen zu rechnen war. Und wenn die Meinungsforscher etwas als unentscheidbar knapp einstufen, dann muss man das eben auch so hinnehmen. Bei dieser Bewertung einer Vielzahl von Meinungsumfragen ganz unterschiedlicher Qualität haben wir als Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF ganz andere Schlüsse gezogen als zum Beispiel die ARD. Auf der Basis teilweise relativ knapper oder dubioser Umfrageergebnisse, wurden bei uns wesentlich mehr Wahlmännerstimmen (115) vor Beginn des Vorliegens der ersten exit-poll-Ergebnisse am Wahlabend als unbestimmt eingestuft als bei der ARD (90). Das führte dann dazu, dass wir nur 243 sichere Wahlmännerstimmen für Clinton hatten, die ARD aber 268, also zwei weniger als für eine Mehrheit notwendig. Dabei ist festzuhalten, dass weder wir noch die ARD über eigene Umfragen verfügten, sondern nur die „am Markt“ befindlichen Umfragen als Aggregatdaten interpretiert haben.

Kulturelle Unterschiede machen eine internationale Wahlforschung entbehrlich.   

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Wenn aber die Umfrageergebnisse – anders als es jetzt überall behauptet wird - gar nicht so falsch waren, dann stellt sich auch die Frage, ob populistische Strömungen generell mit Hilfe von Umfragen überhaupt angemessen abgebildet werden können, gar nicht mehr so brisant.

Was die Dunkelziffer von Trump-Wählern angeht, kann man für die USA nur spekulieren, es scheint aber so zu sein, dass da eher keinerlei Schweigefaktoren angenommen wurden. Aber ganz unabhängig davon gibt es keine internationale und interkulturelle Wahl- und Meinungsforschung. Das heißt, Erfahrungen aus den USA sind vor allem geeignet, um Umfragen im politischen System der USA zu verbessern. Und wir in Deutschland nutzen unsere Erfahrungen hier für die Verbesserung unserer Instrumente.

Die Meinungsforschung ist präziser, wenn öfter gewählt wird.  

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In Deutschland gibt es viel öfters Wahlen und deshalb können wir häufiger unsere Instrumente justieren. So hat sich z.B. bei der Dreifachwahl im März 2016 gezeigt, dass die von uns (und anderen) angenommenen Dunkelziffern für die AfD zu niedrig waren. Das haben wir aufgrund dieser Erfahrungen korrigiert und gehen inzwischen von ähnlichen Werten aus, wie wir sie ansonsten auch bei der NPD benutzen. Das impliziert nicht, dass es sich bei den Anhängern von AfD und NPD um die gleichen politischen Einstellungsmuster handelt, wohl aber dass es da inzwischen eine vergleichbare Systemopposition gibt, zu der von einigen Anhängern auch die Meinungsforscher gerechnet werden. Mit diesem durch Erfahrung korrigierten Ansatz wurde die AfD dann bei den Landtagswahlen in diesem Herbst zutreffend gemessen. (Letzte FGW-Umfrage Mecklenburg-Vorpommern 1.9.16: 22%; Ergebnis: 20,8% / Berlin 15.9.16: 14%; Ergebnis: 14,2%)

So gesehen: ja, es gibt eine Beeinträchtigung von Umfragen durch rechtspopulistische Wähler, aber wir können mit diesem Problem umgehen, auch wenn es anfangs gewisse Anlaufschwierigkeiten gab. Aber auch das ist kein neues Phänomen, das kennen wir schon von den Anfängen anderer protestgeprägter Veränderungen im Parteiensystem wie z.B. bei den REP, der DVU und auch den Piraten. 

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