Wahlprognosen  Gute Meinungsforschung, schlechte Meinungsforschung

Bild von Frank Brettschneider
Kommunikationswissenschaftler Universität Hohenheim

Expertise:

Prof. Dr. Frank Brettschneider ist seit April 2006 Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Kommunikation bei Bau- und Infrastrukturprojekte, die Verständlichkeitsforschung, die Politische Kommunikation (insbesondere Wahlforschung) und das Kommunikationsmanagement.

Die Medien sind dem Zahlen-Hype verfallen. Stattdessen sollte mehr auf die Qualität der zitierten Umfragen geachtet werden.  

Meinungsforscher stehen in der Kritik. Sowohl beim britischen EU-Referendum als auch bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen hätten sie weit daneben gelegen. Zumindest für die US-Wahlen trifft dieser Vorwurf nicht zu. Die letzten Umfragen vor der Wahl wichen lediglich um etwa zwei Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis ab. Zumindest, wenn man sich das Popular Vote anschaut, also die Stimmenverhältnisse für die gesamten USA.

Es gibt zu viele schwarze Schafe auf dem Gebiet der Meinungsforschung.

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Etwas anders sieht das auf der Ebene der Bundesstaaten aus. Dort tummeln sich auch häufiger als auch nationaler Ebene dubiose Institute. Sie halten sich nicht an die Standards der Umfrageforschung. Vor allem aber berichten sie nicht die statistische Fehlerspannbreite, die Umfragen nun mal haben. Bei Stichproben von 1.250 Befragten und einem Stimmenanteil von 40 Prozent für einen Kandidaten liegt diese Fehlerspannbreite bei rund plus/minus zwei Prozentpunkten. In Bundesstaaten wie Wisconsin, wo der Vorsprung von Trump vor Clinton gerade mal 22.177 Stimmen beziehungsweise 0,8 Prozentpunkte betrug, können laut Umfragen also beide gewinnen. Allerdings sagen das eben nur die seriösen Institute – und es berichten auch nur die seriösen Medien.

Man sollte daher nicht alle Umfrageinstitute in einen Topf werfen. Das pauschale Demoskopen-Bashing ist recht billig. Wichtiger ist die Suche nach Gründen für die dennoch auftretenden Abweichungen auch bei seriösen Instituten. Diese Abweichungen haben mehrere Ursachen: Zum einen beteiligen sich einige Ukip- und Trump-Anhänger prinzipiell nicht an Umfragen. Für sie sind Demoskopen Teil des Establishments – wie die „Lügenpresse“. Zum anderen interessieren sich einige dieser Anhänger nicht sonderlich für Politik und nehmen deshalb nicht an Umfragen teil. Da sie früher auch nicht wählen gegangen sind, ist das nicht ins Gewicht gefallen. Jetzt nehmen sie an Wahlen teil – und das führt zu Abweichungen zwischen Umfrage- und Wahlergebnissen. Und drittens werden Umfragen oft gewichtet, um der Realität nahe zu kommen. Dafür braucht man Erfahrungswerte aus der Vergangenheit. Diese fehlen jedoch bei dieser Personengruppe.

Bei Wahlumfragen sollten qualitative Methoden stärker zum Einsatz kommen. 

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Dennoch können Umfrageinstitute den Wählerinnen und Wählern nach wie vor den Puls fühlen. Allerdings wird es mit zunehmender Emotionalität in der postfaktischen Politik schwieriger, alle Wählergruppen gleichermaßen zu erreichen. Das gilt für Trump-Wähler genauso wie für viele AfD-Wähler in Deutschland. Deshalb ist es wichtig, die Stimmung vor Wahlen nicht nur über quantitative Umfragen zu erfassen. Sie sollten um andere Methoden ergänzt werden: Fokusgruppen, Intensivinterviews, Social Media-Analysen und Analysen der Medienberichterstattung. Das alles zusammen führt zu einem zutreffenderen Bild der Realität. Demoskopen müssen auf die Veränderungen in der Wählerschaft reagieren und ihre Methoden weiterentwickeln. Das mussten sie auch früher schon.

Für eine gute Schlagzeile werden die Zahlen gerne überinterpretiert. 

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Befindet sich die Demoskopie daher in einer Krise? Nein. Es handelt sich eher um eine Krise der Berichterstattung über Umfragen. Journalisten müssten stärker zwischen seriösen und unseriösen Meinungsforschern unterscheiden. Und sie sollten Umfrageergebnisse als das darstellen, was sie sind: Momentaufnahmen. Oft werden diese Momentaufnahmen aber präsentiert, als handele es sich um Prognosen. Das wird verstärkt, wenn „Experten“ die Ergebnisse völlig überinterpretieren. Die Aussagen vor der US-Wahl, Clinton habe eine Siegchance von X Prozent, sind wissenschaftlich überhaupt nicht haltbar. Sie liefern Schlagzeilen, aber sie sagen über die Stimmung der Wähler gar nichts aus. Das ist jedoch weniger ein Problem von Umfrageinstituten, sondern eher ein Problem derjenigen, die Umfrageergebnisse falsch interpretieren. Die Verlockung, dies zu tun, ist offenbar recht groß.

Umfragen können Wähler mobilisieren, aber nicht ihre politische Meinung beeinflussen.

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Immer wieder zu hören ist auch der Vorwurf, Umfrageergebnisse würden den Ausgang von Wahlen beeinflussen. Auch dieser pauschale Vorwurf ist falsch. Die Wissenschaft diskutiert verschiedene Wirkungen. Erstens: Wenn in Umfragen ein Wahlausgang knapp erscheint, kann das mobilisierend wirken. Weil es auf jede einzelne Stimme ankommt, steigt die Wahlbeteiligung. Die Verteilung der Stimmen auf Parteien ändert sich dadurch aber nicht. Zweitens: Auswirkungen auf die Stimmabgabe zugunsten einer Partei sind nicht nachgewiesen. Einen Mitläufereffekt (zugunsten der in Umfragen vorne liegenden Partei) oder einen Mitleidseffekt (zugunsten der in Umfragen hinten liegenden Partei) gibt es nicht. Drittens: In Deutschland gibt es aufgrund der 5-Prozent-Hürde eine Besonderheit. Wähler der kleineren Parteien schätzen dann manchmal anhand von Umfragen ab, ob ihre Partei eine Chance hat, über fünf Prozent zu kommen. Wenn das sehr fraglich erscheint, dann wählen sie eher ihre zweit-liebste Partei. So haben in der Vergangenheit FDP-Anhänger auch schon mal die CDU gewählt, weil sie ihre Stimme nicht verschenken wollten. Man sollte die Wirkungen von Umfrageergebnissen also differenziert betrachten. Auch hier hilft pauschales Demoskopen-Bashing nicht weiter.

Journalisten sollten also mehr auf die Qualität der Umfragedaten achten und nicht jede Zahl unterschiedslos berichten – unabhängig davon, wie serös das Umfrageinstitut ist. Auch sollten sie Umfrageergebnisse interpretieren. Nur Zahlen zu berichten, bringt wenig. Weniger Zahlen-Hype und mehr Qualität in der Berichterstattung sind der notwendige Schlüssel, um künftig seltener Fehlschlüssen aufzusitzen.

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