Wahlen und Umfragen Die Wahlforschung misst den Puls der Gesellschaft

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Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen

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Manfred Güllner ist Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Instituts Berlin. 2004 wurde Manfred Güllner zum Honorarprofessor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität berufen.

Eine seriöse Wahlforschung liefert kein Vorab-Ergebnis. Sie ermöglicht wichtige Erkenntnisse darüber, welche Faktoren aktuell Einfluss auf die Entscheidung der Wähler haben.

Erkenntnisse der Naturwissenschaft im Mittelalter, die der Meinung der Mehrheit der Laien entgegenstanden – etwa, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel sei – wurden mit Verdammnis oder gar dem Scheiterhaufen bestraft. Heute urteilen und diskutieren über sozialwissenschaftliche Methoden und Befunde wie im Mittelalter bei den Naturwissenschaften nicht Fachleute und Experten, sondern Laien. Und so werden im Augenblick die Wahlforscher unisono von Politik und Medien verdammt, weil sie den Ausgang der Präsidentenwahl in den USA und des Brexits nicht richtig vorhergesehen hätten.

Bei knappen Entscheidungen kann keine Umfrage den Sieger vorhersagen. 

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Dabei haben die amerikanischen Wahlforscher ja gar nicht alles falsch gemacht. Sie haben mithilfe nationaler Umfragen vorhergesagt, dass Clinton mehr Stimmen erhalten wird als Trump. Und genau das ist ja eingetreten: Clinton liegt mit über 48 Prozent der bislang ausgezählten Stimmen rund 2 Prozentpunkte vor Trump mit ca. 46 Prozent. Nicht die Umfragen an sich waren also falsch. Nicht funktioniert hat die Umrechnung der im Prinzip richtig ermittelten Angaben der potentiellen Wähler auf das äußerst komplizierte, aber für die Frage, wer Präsident wird, entscheidende Wahlmännersystem. Und bei einer so knappen Entscheidung wie beim Brexit stößt das Instrument der Umfrage an seine Grenzen. Die bei jeder Stichprobenerhebung möglichen Fehlertoleranz (z.B. von ca. +/- 3 Prozentpunkten bei 1.000 Befragten) lassen eine Vorhersage des Ausgangs eines Urnengangs nicht zu.

Seriöse Wahlforscher weisen deshalb seit jeher darauf hin, dass mithilfe von Umfragen vor einer Wahl ermittelte politische Stimmungen nicht als den Parteien am Wahltag schon sichere Stimmen interpretiert werden dürfen. Doch dieses „Kleingedruckte“ wird ebenfalls seit jeher von den meisten Medien ignoriert. Allerdings gibt es auch „schwarze Schafe“ in der Umfrageforschung, die mit Angaben von Prozentpunkten hinter dem Komma eine Genauigkeit von Umfragen suggerieren wollen, die sie gar nicht haben können. Aber auch hier sollten die Medien darauf achten, welche Institute seriös und welche aufgrund methodischer Mängel oder interessengeleiteter Arbeitsweisen es eben nicht sind.

Die Genauigkeit von Umfragen ist immer an die aktuelle politische Lage gebunden.

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Im Übrigen sollte bedacht werden, dass es immer Wahlen gab und geben wird, deren Ausgang aufgrund der Entscheidungskonstellationen schwer oder gar nicht einzuschätzen ist. Das war z. B. bei der Bundestagswahl 2005 der Fall, als Kanzler- und Parteipräferenzen extrem auseinanderklafften. Während viele eigentlich der Union ihre Stimme geben wollten, weil sie die rot/grüne Regierung nach sieben Jahren als zu chaotisch bewerteten, wurden sie durch die vielfältigen damals gegen die Kandidatin Merkel vorhandenen Vorbehalte daran gehindert. Die Union kam nicht - wie in den Umfragen - auf über 40 Prozent, sondern nur auf 35,2 Prozent der gültigen Stimmen. Da aber keine Wahl der anderen gleicht, können die Erfahrungen aus dem Verlauf der Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse der 2005er Wahl erst dann wieder von Nutzen sein, wenn es eine ähnliche Wahlkonstellation gäbe. Doch 2009 und 2013 verhalf die Kanzlerin Merkel mit ihrer großen Popularität ihrer Partei (wie 2013) oder einer „bürgerlichen“ Koalition (wie 2009) zum Sieg. Andererseits gibt es Wahlen, die mithilfe von Modellrechnungen auch ohne Umfragedaten recht simpel „berechenbar“ sind.

Die Umfragen sollen zeigen, welche Faktoren die Wähler beeinflussen.

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Seriöse Wahlforschung hat zudem nicht den Hauptzweck, die Verteilung der Stimmen am Wahltag zu prognostizieren. Dazu ist das Instrument der Umfrage letztendlich auch gar nicht geeignet. Die Wahlforschung soll vielmehr Erkenntnisse darüber liefern, wie die Meinungsbildungsprozesse der Bürger verlaufen und welche Faktoren darauf Einfluss haben. Und so ist die Wahlforschung auch heute noch am Puls der Gesellschaft und der Wähler, weil sich die Grundmuster der Wahlentscheidung – anders als häufig unterstellt – gar nicht dramatisch geändert haben. So sind auch die Entscheidungen der Wähler heute keinesfalls mehr von Emotionen geprägt als früher. Emotionalere Wahlkämpfe als zum Beispiel 1976 („Freiheit oder Sozialismus“) oder 1980 (Schmidt gegen Strauß) hat es seither kaum gegeben.

Rechte Tendenzen versuchen sich seriöser Meinungsforschung zu entziehen. 

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Und auch das Phänomen, dass sich Wähler am äußersten rechten Rand des Wählerspektrums nicht befragen lassen ist nicht neu. Schon immer war es deshalb schwierig, die Anteile rechtsradikaler Parteien – wie der NPD, die in den 1960er Jahren in 7 der damaligen 10 Landtage vertreten war, oder den Republikanern, die 1989 mit 6 Abgeordneten ins  Europaparlament einzogen und bei den Landtagswahlen 1992 und 1996 in Baden-Württemberg fast 10 Prozent der gültigen Stimmen erhielten – richtig einzuschätzen. Und so kann es auch heute bei der AfD zu Abweichungen zwischen den vor einer Wahl oder gar am Wahltag ermittelten Umfragewerten und dem tatsächlichen Wahlergebnis kommen – nicht, weil die Wahlentscheidung emotionaler geworden ist, sondern weil ein Teil der AfD-Anhänger Umfragen für „Teufelszeug“ oder ein Manipulationsinstrument des politischen und medialen Establishments hält.

Richtig angewandte und interpretierte Wahlforschung aber liefert auch heute wichtige und richtige Erkenntnisse über die Befindlichkeiten der Menschen und Wähler und die Motive ihrer Wahlentscheidung. So ist zum Beispiel Merkel ein dreiviertel Jahr vor der nächsten Bundestagswahl deutlich beliebter als die denkbaren sozialdemokratischen Herausforderer. So verhilft sie ihrer Partei zu Werten von 35 oder mehr Prozent – also Ergebnisse, die die Union bei den Wahlen 1998, 2002, 2005 und 2009 erhalten hatte. Und die deutschen Sozialdemokraten sind nicht nur wegen ihrer eher nicht sonderlich populären potentiellen Kanzlerkandidaten in einem Stimmungstief, sondern vor allem deshalb, weil ihnen nur wenige zutrauen, die Probleme des Landes lösen zu können. 

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