Wahlen und Umfragen Die Meinungsforschung ist nicht im digitalen Zeitalter angekommen

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CEO, Civey

Expertise:

Gerrit Richter ist Gründer und CEO des Meinungsforschungs-Startups Civey. Er beschäftigt seit mehr als 15 Jahren mit der praktischen Anwendung von politischer Meinungsforschung unter anderen als Leiter der politischen Kommunikation bei ergo, Berater bei Roland Berger und wissenschaftlicher Referent beim ehemaligen Finanzminister Hans Eichel.

Die Krise der Meinungsforschung ist nicht mit einer populistischen Dunkelziffer zu entschuldigen. Das Problem ist viel komplexer und kann am Ende das Aus für die seriöse Meinungsforschung bedeuten.

“Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Astrologie und Meinungsforschung?“ fragte Jan Böhmermann auf Twitter am Tag nach der US-Wahl. Damit legt er den Finger in die Wunde einer gebeutelten Branche: Egal ob US-Wahl, Brexit oder Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, jedesmal irrten sich die Meinungsforscher spektakulär.

Die rechte Dunkelziffer ist eine beliebte Ausrede für ungenaue Umfrageergebnisse.

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Vordergründig scheint die Erklärung auf der Hand zu liegen. Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen spricht in der Welt von einer “Dunkelziffer” bei den Wählern von AFD und NPD. Und auch Nico Siegel von Infratest Dimap gibt im Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk zu Protokoll, es gäbe sogenannte heimliche Trump-Wähler. Diese Erklärungen suggerieren, wir hätten es mit einem isolierten Problem am rechten Rand zu tun und diese Wähler trauten sich in Umfragen nicht, frei ihre Meinung zu äußern. Dementsprechend seien auch die Umfrageergebnisse verzerrt.

Doch dieser Erklärungsansatz ist wahrscheinlich falsch. Zum einen können wir alle jeden Tag beobachten, dass rechte Wähler überhaupt keine Scheu haben, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Im Gegenteil: Sie dominieren die Diskussion auf Social Media und in den Online-Foren der Zeitungen. Zum anderen sind die Wahlprognosen auch für andere Parteien schon seit vielen Jahren ungenau: Beispielsweise wurde 2011 der Erfolg der Piratenpartei nicht korrekt abgebildet. Oder noch aufsehenerregender: 2005 lagen die Umfragewerte der Volkspartei CDU noch wenige Tage vor der Bundestagswahl ganze 8 Prozentpunkte höher als die tatsächlichen Wahlergebnisse.

Die Befragten wollen für ihre Meinung zurecht eine Gegenleistung erhalten.  

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Kurzum: Es gibt kein isoliertes Umfrage-Problem mit rechten Wählern. Vielmehr haben Meinungsforscher ein Problem mit dem gesamten Wahlvolk. Das läßt sich auch beweisen: In den USA beträgt die sogenannte Ausschöpfungsquote bei Telefonumfragen nur noch ein Prozent. Das bedeutet konkret: Von 100 angerufenen Menschen verweigern 99 die Teilnahme an einer Umfrage. Also keine Spur von einem isolierten Problem mit rechten Wählern. Umfrageverweigerung ist ein Massenphänomen unabhängig von der politischen Ausrichtung. Dieses Phänomen ist gleichzeitig relativ neu: Noch in den 80er Jahren nahmen durchschnittlich 72 Prozent der Menschen an Telefonumfragen teil.

Eine plausible Begründung für diese Entwicklung ist, dass die Menschen mittlerweile erkannt haben, dass ihre Meinung Geld wert ist. Deshalb geben sie ihre Daten auch so bereitwillig an Dienste wie Facebook, weil sie dafür eine Gegenleistung bekommen. Die Meinungsforschung macht das Gegenteil: Hier ist üblich, Ergebnisse nur dann zu veröffentlichen, wenn die Zahlen dem Auftraggeber passen. Teilnehmer bekommen also meist im Austausch für ihre Daten nichts zurück .

Die Lösung der Meinungsforschungsindustrie für dieses Problem sind bezahlte Online-Umfragen. In der Regel erhalten die Teilnehmer pro Umfrage zwischen 50 Cent und 15 Euro als Prämie. Quasi alle Institute im In- und Ausland setzen auf dieses System. Mittlerweile tummeln sich im Internet zahlreiche Vermittlungsplattformen, die auf der Jagd nach Teilnehmern sind und den Weg zu den lukrativsten Umfragen weisen. Selbstverständlich ist dieses Verfahren wissenschaftlich hochproblematisch, denn es verzerrt die Teilnehmerschaft. Unterm Strich liefern bezahlte Online-Umfrage deshalb genauso ungenaue Ergebnisse wie herkömmliche Telefonumfragen.

Moderne Meinungsforschung wird am besten online gemacht.

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Erleben wir also den Niedergang der seriösen Meinungsforschung? Das wäre ein großer Verlust für eine demokratische und pluralistische Gesellschaft. Und so weit muss es auch gar nicht kommen. Eigentlich ist es ganz einfach: Zuverlässige Meinungsforschung setzt auch weiterhin voraus, dass die Menschen freiwillig mitmachen - wie im vor-digitalen Zeitalter der 80er Jahre. Und die Chancen dafür stehen sehr gut: 5,8 Millionen Deutsche äußern sich mindestens einmal pro Woche im Internet zu politischen Themen. Doch die meisten Meinungsforscher haben den Anschluss an die Internet-Welt verpasst: Die Menschen erwarten im Digital-Zeitalter einen fairen Deal, wenn sie ihre persönlichen Daten preisgeben. Dazu bieten sich verschiedene Wege an: Beispielsweise transparentere Verfahren, die es ermöglichen, dass die Teilnehmer einer Umfrage, das Ergebnis direkt sehen, so wie das heute schon bei den sehr populären Click-Umfragen im Internet der Fall ist. Oder auch zweitens die Option, dass Teilnehmer die Kontrolle über ihre Daten behalten, also beispielsweise auch entscheiden können, wann die Daten wieder gelöscht werden.

Die Meinungsforschung hört nicht nur den Wählerwillen, sie verleiht ihm eine Stimme. 

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Die Meinungsforschung muss sich hier den Erwartungen einer digitalisierten Gesellschaft anpassen. Dann kann sie wieder, im besten Sinne des Wortes, dem Volk auch jenseits von Wahlen aufs Maul schauen. Sie kann dafür sorgen, dass nicht Konzerne mit Medienmacht oder Social Media Bots die politische Agenda bestimmen, sondern sie gibt politischen Entscheidern zuverlässige Informationen darüber, was ihre Wähler wollen. In einem kleinen Dorf macht das traditionell der Bürgermeister, indem er auf den Marktplatz geht und mit den Menschen spricht. Im größeren Rahmen kann transparente und seriöse Meinungsforschung diesen Marktplatz nach wie vor ersetzen und dem Bürger eine Stimme geben.

 

 

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