Umfragen zur Bundestagswahl Die CDU kann sich ihres Sieges nicht sicher sein

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Politikwissenschaftler Zeppelin Universität

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Joachim Behnke ist Professor für Politikwissenschaft an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Wahlsysteme und Wahlverhalten, Moderne Politische Theorie, insbesondere Gerechtigkeitstheorien und Demokratietheorie, und Entscheidungs- und Spieltheorie.

Vor der Wahl werden Ergebnisse von Meinungsumfragen oft als Gewissheit behandelt, hinterher ist die Überraschung über jede Abweichung groß. Dabei können sie nicht mit Sicherheit sagen, wie die Bundestagswahl ausgeht. Dessen sollten sich auch CDU und CSU bewusst sein.

Wenn es um Umfragen und Prognosen geht, ist im Verhalten vieler Medien eine merkwürdige Art von Schizophrenie zu bemerken. Bei jeder Wahl oder Abstimmung, die nicht dem von den Prognoseinstituten angeblich vorausgesagten Ergebnis entspricht, setzt unmittelbar ein Bashing der Meinungsforschungsinstitute ein, das diesen ihre scheinbare Unzuverlässigkeit vorwirft, oft begleitet von einer von Häme nicht ganz freien Aufzählung all der Ereignisse, bei denen die Institute daneben lagen.

Medien stellen Umfrageergebnisse fälschlicherweise als Gewissheit dar

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Als prominente letzte Beispiele für ein solches „Versagen“ der Prognoseinstitute werden derzeit gerne die Abstimmung über den Brexit und Trumps Wahl genannt. Doch all diese Kritik an den Instituten und mehr oder weniger begründete Skepsis gegenüber ihren Methoden, all die Häme, die über die Meinungsforscher ausgeschüttet wurde, hindert ebendieselben Medien dann nicht daran, die nächste Umfrage mit einer nahezu alttestamentarischen Gewissheit so zu behandeln, als ob es sich hier um die unmittelbare Offenbarung göttlicher oder zumindest göttlich inspirierter Voraussagen handele. (Wobei auch die biblische Gewissheit nur eine auf Seiten der Gläubigen war und keine, die sich auf die Zuverlässigkeit der Prophezeiungen begründen ließ.)

Die simple Wahrheit liegt – wieder einmal – in der Mitte. Weder sind Umfrageinstitute so schlecht, wie sie oft geredet werden, noch sind die auf ihnen gründenden Prognosen auch nur annähernd so zuverlässig und sicher, wie es erscheint, wenn z.B. aufgrund der aktuellen Umfrageergebnisse so getan wird, als ob der Ausgang der Wahl schon längst feststünde. Auch hier sind die empfundenen Gewissheiten nur subjektive und ebenfalls oft mehr von Glauben und Hoffnung getragen als von eindeutiger empirischer Evidenz. Denn es liegt in der wesensmäßigen Natur von Umfragen und auf ihnen gründenden Prognosen, dass sie unsicher sein müssen und in ganz besonderem Maße trifft dies auf Wahlprognosen zu.

Umfragen sind Zufallsereignisse und lassen lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen zu

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Zu allererst muss festgehalten werden, dass es sich bei Umfragen um Zufallsereignisse handelt, ähnlich wie ein Würfelwurf oder eine Lotterie. Dieses Wissen sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen, aber der Umgang mit Umfragen in den Medien zeigt immer wieder deutlich auf, dass diese das Wesen eines Zufallsereignisses nur unzureichend erfassen. Die einzigen Aussagen, die bezüglich solcher Ereignisse möglich sind, sind Wahrscheinlichkeitsaussagen, wie z.B. die, dass beim Werfen eines fairen Würfels die Sechs mit der Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel auftritt. Jedes Ereignis, das mit einer Wahrscheinlichkeit größer als Null auftritt, ist aber demnach möglich und wenn von zwei sich gegenseitig ausschließenden Ereignissen das eine mit einer wesentlich größeren Wahrscheinlichkeit vorhergesagt wird, so muss dieses noch lange nicht zwangsläufig auftreten. Auch wenn man eher mit dem Auftreten des wahrscheinlicheren Ereignisses rechnen kann, so ist das Auftreten des weniger wahrscheinlichen Ereignisses keineswegs überraschend, solange die Wahrscheinlichkeit nicht verschwindend gering war.

Beim Brexit oder der USA-Wahl lag zum Beispiel die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit des weniger erwarteten Ausgangs, also des Brexits oder der Wahl Trumps, bei den meisten Instituten durchaus in einem Bereich von 20 bis 35 Prozent. Wenn nun diese Ereignisse tatsächlich eintreten, so befindet sich das alles noch im Bereich der vernünftigen Erwartungen, die man im Rahmen dieses Prognosemodells haben kann. Die Prognosen können also aus diesem Grund keineswegs als falsch zurückgewiesen werden.

Welche Koalitionen nach der Wahl möglich sind, ist völlig unsicher

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Der zufallsbedingte Umfragefehler liegt bei den großen Parteien bei ungefähr drei Prozent. Das Einzige, was man – wenn die Fehler alle nur zufälliger Natur wären – aufgrund der derzeitigen Umfragen daher mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit vermuten könnte, ist, dass die CDU/CSU mit ihrem Ergebnis vor der SPD liegen sollte. Was das politische Ergebnis der Wahl angeht, welche Koalitionen nämlich möglich sein würden, läge hingegen ganz und gar im Bereich der Unsicherheit der Stichprobenziehung. Aber die zufallsbedingte Unsicherheit ist noch das kleinere Übel, weil sie zumindest berechenbar wäre. Tatsächlich sind aber Wahlumfragen nur sehr unvollkommene Zufallsereignisse. Neben dem Zufall kommen systematische Verzerrungen ins Spiel, die psychologischer Natur sind und je nach dem politischen Kontext der Wahl variieren. Diese Verzerrungen sind wesentlich schwerer einzuschätzen als die rein zufallsbedingten, die tatsächliche Unsicherheit der Prognosen ist also wesentlich höher anzusetzen als die erwähnten plus oder minus drei Prozent bei einer einzelnen Partei.

Die Strategie der CDU, sich einem inhaltlichen Wahlkampf zu entziehen, könnte nach hinten losgehen

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Last but not least kommt hinzu, dass die Stichproben der Umfragen ja nicht Stichproben von tatsächlichem Wahlverhalten darstellen, sondern Stichproben von Aussagen bezüglich der bekundeten Wahlabsicht (genau genommen noch dazu nur von Personen, die bereit sind, überhaupt eine Aussage zu ihrer Wahlabsicht zu machen). Diese können aber ihrerseits unzuverlässig sein, bewusst falsch dargestellt oder sie können sich bis zur Wahl selbst schlicht noch ändern. Der Anteil der Wähler, der sich erst kurzfristig vor der Wahl endgültig entscheidet, ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Die Strategie der CDU, sich bewusst einem inhaltlichen Wahlkampf zu verweigern und stattdessen allein auf die Sympathie für Angela Merkel zu verlassen, könnte auch noch nach hinten losgehen, wenn viele Bürger womöglich feststellen, dass sie zwar „irgendwie“ eine Neigung dazu haben Merkel wählen zu wollen, aber eigentlich nicht wissen, warum sie das tun sollten. Die größte Gefahr für die CDU liegt in einem reflektierenden Wähler, was das ganze Desaster des entpolitisierten Wahlkampfs der CDU als Geringschätzung des hohen Guts der demokratischen Wahl bloßlegt. Die berüchtigte „asymmetrische Demobilisierung“ könnte sich dieses Mal daher auch gegen die CDU wenden. Nur ca. sechs Prozent der Wähler, die von der einen Seite auf die andere wandern, würden schon einen Gleichstand herbeiführen. Dazu kommen die komplexen indirekten Wanderungen, die vorab überhaupt nicht abzuschätzen sind.

Zu viel Selbstgefälligkeit angesichts guter Umfragewerte kann politisch tödlich sein

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Am Ende sind es immer die Wähler, die als Einzige den Ausgang der Wahl bestimmen. Erst am Wahlabend wird sich zeigen, ob die Umfragen die Stimmungen treffend erfasst haben. Kein Politiker kann sich des Ausgangs der Wahl gewiss sein, wie zuletzt auch die Ergebnisse der Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gezeigt haben. Zuviel Selbstgefälligkeit kann politisch tödlich sein. Vor allem in der CSU erwecken manchen Spitzenpolitiker immer wieder den Eindruck, sie hätten eine persönliche Vereinbarung mit dem lieben Gott, dass sie die absolute Mehrheit behalten, und einige von ihnen mögen das sogar tatsächlich glauben. In der Demokratie aber ist der einzige Gott der Wähler und der ist in den letzten Jahren ziemlich oft ziemlich alttestamentarisch unterwegs.

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  1. Bild von Gero Neugebauer
    Autor
    Gero Neugebauer, Gero Neugebauer, geb. 1941, hat in Hamburg und Berlin Politikwissenschaft studiert. Bis 2006 lehrte er am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt die Parteien- und Wahlforschung in der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere die politischen Entwicklung der SPD in den ostdeutschen Bundesländern.
    Da die Umfrageinstitute in der Regel nicht angeben, wie sie die Unentschiedenen auf die einzelnen Parteien verteilen, denn die publizierten Werte beruhen ja nicht allein auf den Aussagen der zur Teilnahme an der Wahl entschlossenen Wähler*innen, von denen manche dann auch wieder von ihrem Entschluss in Richtung "Andere Partei" oder "Nichtwähler*in" abrücken können, mal ganz abgesehen von denen, die eine Partei X angeben, weil die von ihnen favorisierte Partei Y als Rechts- oder Linksaußen im Parteiensystem gesellschaftlich nicht geschätzt wird, dann werden die von Herrn Behnke geäußerten Zweifel an der Verlässlichkeit der Ergebnisse noch stärker.