Religion als Politik  Politik und Religion bedingen einander

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Gastwissenschaftler an der Harvard Universität

Expertise:

Alexander Görlach ist Mitglied im Gesellschaftsforum der FDP. Der promovierte Theologe und Linguist ist Affiliate des Government Departments der Harvard University, wo er an einem Projekt zum Abendland arbeitet. Zuvor war er Gastwissenschaftler und Fellow am Harvard Center for European Studies und der Harvard Divinity School. Er ist Senior Fellow des Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Autor für die New York Times und gibt das Online-Magazine www.saveliberaldemocracy.com heraus.

Zur Legitimierung von Herrschaft brauchen beide, Beherrschte und Herrscher, tragende Narrative. Diese wurden stets von der Religion als gesellschaftlicher Klammer bereit gestellt. Heute ist diese Form politischer Religion zurück: bei Erdogan, Putin und der Neuen Rechten in Europa.

Es gehörte zu den Allgemeinplätzen der Gebildeten Europa, dass die Religion ihre Rolle und ihren Stellenwert in dem Maße einbüßen werde, wie die Aufklärung, das heißt natur- und geisteswissenschaftlicher Fortschritt und mit ihm die Bildung der Menschen, voranschreiten würde. Und in der Tat war für alle Länder der westlichen Welt über lange Zeit ein Trend erkennbar, der einen Rückgang der religiösen Praxis offenlegte. Religion galt als erledigt, als Schnee von gestern. Ein "vernünftiger" Zeitgenosse würde sie nicht mehr mit ihr beschäftigen. Dieses Denken führte dazu, dass eine intellektuelle Beschäftigung mit Religion, ein wissenschaftlicher Ansatz, um ihre Wechselwirkung in Individuen, kleinen und großen Gruppen zu untersuchen und zu verstehen, auf kleine Zirkel beschränkt blieb. Das Provisorium Religion wartete, ohne wissenschaftlichen Beistand, auf seine Abwicklung.

Jahrzehntelang fand keine intellektuelle Beschäftigung mit der Religion mehr statt. 

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Deshalb wurden die Entwicklungen, die zum 11. September 2001 führten, nicht gesehen: die Radikalisierung einer neuen Generation junger Muslime. Die geopolitischen Veränderungen, die Errungenschaften in Technik und Kommunikation, die eine Kulturregion wie die vom Islam geprägte Hemisphäre in eine ähnliche Selbstfindungs- und Sinnkrise stürzen würde, wie nur kurz zuvor die christliche Welt. Heute, im sechzehnten Jahr nach den verheerenden Attentaten auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in der Nähe von Washington D.C. befindet sich die Debatte über die Rolle der Religion in der Gegenwart weiterhin auf Kindergarten-Niveau: entweder ist der Islam böse und gewaltverherrlichend oder er ist eine Religion des Friedens. Dazwischen gibt es für viele nichts.

Die Debatte über die Rolle der Religion befindet sich immer noch auf Kindergarten-Niveau.

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Es täte also gut, einen Strukturierungsversuch zu unternehmen: wovon reden wir, wenn wir gemeinhin über Religion sprechen? Im Abendland heißt das fast ausschließlich: über den Papst lästern, über die kirchliche Vorstellung zur Sexualität oder das Frauenpriestertum streiten, solche Dinge. Religionskritik ist in diesem Sinne eine Unterabteilung der Institutionenkritik. In diesem Falle werden religiöse Organisationen einer Kritik unterzogen. Institutionen sind aber, auf die Inhalte, die sie vertreten, bezogen, nur Sachwalter einer Aufgabe. Sie bieten das Gefäß an, in den sich der Inhalt ergießt: politische Institutionen, Vereine, Kirchen.

Ein zweites Themenfeld berührt, wenn wir über Religion sprechen, Fragen institutionalisierter religiöser Praxis: bleibt man Kirchenmitglied, werden die Kinder getauft, heiratet man kirchlich? Da kommt man der Sache schon etwas näher, worum es in Religion geht - Riten, Nachahmung, Gruppenbildung - aber trotzdem, man ist immer noch am Thema vorbei, weil der Rahmen, innerhalb dessen diskutiert wird, das intim-persönliche nicht verlässt und somit allgemeine Phänomene, die mit Äußerungsformen des Religiösen zu tun haben, nicht verstanden und erklärt werden können - oder auch nicht sollen. Religion als Privatsache. 

Religionskritik ist noch zu oft eine Unterabteilung der Kritik an den Institutionen. 

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Eine dritte Komponente dessen, was Religion ist, wurde in den vergangenen fünfzig Jahren im öffentlichem Diskurs unterbeleuchtet: die Rückkehr von Religion als Politik. Auch hier geht es nicht darum, dass Kirchenvertreter eine Gesetzgebung in ihrem Sinne okkupieren und erlassen sehen wollen. Es geht auch nur am Rande darum, ob Politiker einen Amtseid leisten, so wahr ihnen Gott helfe.

Es geht in diesem dritten, entscheidenden Punkt um die politische Kraft des Religiösen, die darin besteht, Narrative produzieren zu können, die einer Gruppe von Menschen, einer (Glaubens-)Gemeinschaft, eine Identität verleiht. Diese Narrative werden von den Gliedern eine Gemeinschaft verstanden, unabhängig davon, ob darunter liegende Glaubensaussagen, dogmatische Setzungen, die aus heiligen Schriften abgeleitet werden, im wahren Sinne des Wortes geglaubt oder die gemeinschaftliche Gottesdienstübung mitvollzogen werden. Es geht um das gruppenbildende Element, etwa, dass am Ende des Jahres Weihnachten gefeiert wird und dass dieses Fest einen bestimmten Charakter hat, dessen die es Feierenden es nicht entkleidet sehen möchten. Ein Weihnachtsmarkt soll Weihnachtsmarkt heißen, fordern diejenigen, die ihn besuchen, ohne damit gleichzeitig auszusagen, dass sie an die Menschwerdung des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria glauben. Es ist diese identitätsstiftende Kraft der politischen Religion, was der Religion allgemein ihre Zähheit und Beharrlichkeit verleiht und worauf ihre Wirkmacht auch in der Gegenwart gründet. 

Die Wirkmacht der Religion gründet auf ihrer identitätsstiftenden Kraft. 

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Die Diskussion um das Abendland, das gerne zusammen mit dem Adjektiv christlich versehen im gesellschaftlichen Diskurs genannt wird, verdeutlicht die Problematik: als Bundeskanzlerin Merkel auf einer Veranstaltung gefragt wurde, ob die vielen Zuwanderer aus einer anderen religiösen Kultur keine Auswirkungen auf das christliche Europa hätten, antwortete Angela Merkel unter anderem, dass es den Bewahrern des Abendlands nicht schlecht anstünde, ab und an in die Bibel zu schauen. Diese Antwort verfing im Publikum nicht so richtig, denn es ging der Fragestellerin, nicht um religiöse Praxis. Das christliche Abendland ist eine politische Idee. 

Das christliche Abendland ist eine politische Idee. 

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Es ist zum einen, herrschaftstheoretisch, der Versuch, Legitimität zu schaffen nach dem Ende des Römischen Reichs. Aus ihm geht, stark verkürzt, das christliche Europa hervor, dessen Kaiser ein von Gott Gesalbter ist, so wie der religiöse Führer, Christus, auch. Die Weitergabe des Imperiums, des Gedankens, Legitimität durch religiöse Tradition zu stiften, geht auch im Preußischen Reich weiter, wohl aber mit dem Wissen, dass die - politische - Spaltung des Abendlands in verschiedene christliche Kirchen der einstigen Reichsidee mehr als geschadet hat. Die Debatte um das Abendland reißt auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht ab und in der Zeit des Dritten Reiches haben sich zahlreiche Geister mit der Frage beschäftigt, ob die neue Ordnung, das Dritte Reich, nicht von der Geschichte berufen sei, das Abendland vor den "asiatischen Horden", den Bolschewisten, zu bewahren. Nun geht es, alter Wein in neuen Schläuchen, den Neuen Rechten darum, das Abendland vor einer Übernahme durch die Muslime zu retten. 

Heute, achtzig Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches, ist das Abendland auf der politischen Bildfläche zurück: wiederum als politischer, säkularer Kampfbegriff, nicht als theologisch-spiritueller. Die Bannerträger der Neuen Rechten sind nicht die Speerspitzen des wahren Glaubens, sondern die Bewahrer eines gesellschaftlichen Zustands, den sie, in verklärter und idealisierter Form, mit dem Begriffspaar christliches Abendland labeln. Dieser Prozess findet, quasi spiegelverkehrt, morgenländisch, wenn man möchte, ebenfalls in der Türkei statt: das Osmanische Reich, das sich als legitimen Nachfolger von Byzanz, von Ost-Rom, sah, lebt nicht erst seit Herrn Erdogan in den Narrativen des Landes wieder auf. Es war nie verschwunden und nur so, als politische Doktrin, ist die "türkisch-islamische Synthese" zu verstehen. Sie besagt, dass die Türken ihre Identität aus dem Narrativ der Republik (die ihrerseits als legitimer Nachfolger des Osmanischen Reiches verstanden werden will) und der Religion des Islam herleiten. Die Religion als (fiktiver) Faktor, der ein Reich legitimiert und zusammenhält. Fiktiv, weil er nicht verlangt, dass Muslime zur Moschee gehen oder fasten, sondern dass sie sich, in ihrem politischen Selbstverständnis, als Muslime sehen.

Die Neue Rechte setzt das christliche Abendland als säkularen Kampfbegriff ein. 

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Es ist dasselbe Phänomen, das aus im gläubigen Sinne Nicht-Christen Retter des Abendlands an der Wahlurne macht. Wohin man schaut, findet man Beispiele dafür: so feiert in Ungarn oder Polen Legitimitätsgewinnung unter religiösem Siegel fröhliche Urständ. Dass die politische Religion mit der Religion als Glaube wenig gemein hat, kann man am Beispiel Polens studieren: das Land mit großer katholischer Bevölkerungsmehrheit lehnt den Islam und die Muslime ab. Flüchtlinge aus Syrien werden nicht aufgenommen, obwohl Papst Franziskus die Gläubigen mehrfach ermahnt hat, Flüchtlinge, als Zeichen tätiger christlicher Nächstenliebe aufzunehmen.

Die Konsequenz, die aus diesen Beispielen ersichtlich ist, dass Religion niemals Privatsache ist. Das ist der eigentliche fehlerhafte Kern der Aufklärungsthese vom Verschwinden der Religion. In der res publica hat die ererbte religiöse Ordnung eine, ja, ordnende Aufgabe. Ihre spirituellen Blüten oder ihre dogmatischen Wurzeln spielen keine Rolle. Politische Religion entfaltet die Narrative, die für die Identität der Gemeinschaft essentiell sind. Deswegen kann Religion auch wie aus dem Nichts in eine gewaltsame Pointe führen, weil sie stets zu Entgegenstellungen von "denen" und "wir" in der Lage ist. Die Akteure, die Religion zur öffentlichen Sache machen, sind mitunter nicht die religiösen Akteure, Priester, Rabbis und Imame, selber, sondern, wie am Beispiel der Türkei oder der rechten Bewegungen in Europa deutlich erkennbar ist, politische. Religion wird erst dann als Stichwortgeber für Narrative verschwinden, wenn die Einteilung der Welt in "die" und "wir" als obsolet anerkannt werden wird. 

Religion ist niemals Privatsache. 

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Elias Canetti behauptete in seinem großartigen Werk "Masse und Macht", das Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erschienen ist, dass eine Mobilisierung durch das Christentum in Europa nicht mehr möglich sei, weil die Menschen nicht mehr an das Jenseits glaubten. Die Menschen mögen vielleicht nicht mehr an ein Jüngstes Gericht und die Auferstehung Christi von den Toten glauben (in einer gerade zu Ostern erschienene Studie war zu lesen, dass die Hälfte aller Christen in Deutschland noch immer an die Auferstehung Jesu von den Toten glauben. Von einem totalen Glaubensabbruch kann also auch nicht die Rede sein, aber das ist ein anderes Thema), aber sie wollen auf Erden an einem Ort leben, der ihnen, im biblischen Sinne, ihr Paradies ist. Und für die Vision dieses Paradieses sind, im Abend- wie im Morgenland, auch noch genügend Entschlossene bereit zu kämpfen.

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