Wie nah ist Nordkorea an der Atombombe Wie nah ist Nordkorea an der Atombombe, und wie kann man das verhindern?

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Ostasienwissenschaftler

Expertise:

Rüdiger Frank ist Professor an der Universität Wien und Leiter des dortigen Instituts für Ostasienwissenschaften. Er befasst sich seit 1991 mit Nordkorea und hat dazu auch ein Buch geschrieben. Er besucht Nordkorea regelmäßig, zuletzt im Februar 2017.

Nordkorea treibt sein Nuklearprogramm weiter voran. Dürfen die das? Und wer bestimmt überhaupt, wer was darf?  Jetzt sei die historisch einmalige Gelegenheit, auf Kooperation statt Konfrontation zu setzen, schreibt Korea-Experte Rüdiger Frank.

Rein technisch ist die Frage nach dem bereits erreichten Entwicklungsstand des nordkoreanischen Atomprogramms kaum zu beantworten, trotz  hochauflösender Satellitenbilder. Nordkorea behandelt das Thema – wie alle Atommächte das gemacht haben – als Staatsgeheimnis.

Wir wissen also recht wenig: Mit Stand vom Mai 2017 gab es fünf Atomtests, jeweils in Form einer unterirdischen atomaren Explosion auf nordkoreanischem Territorium. Erfahrungsgemäß braucht es noch viel mehr, bis man einen einsatzbereiten Sprengkopf konstruieren kann. Es ist also zu erwarten, dass es in Nordkorea bald wieder einmal kracht. Hinzu kommt die Raketenentwicklung, die ein unverzichtbarer Bestandteil des Atomwaffenprogramms ist und sich ebenfalls noch in der Testphase befindet. Jenseits dieser technischen Aspekte gibt es eine ethisch-moralische Dimension mit einer Reihe von kontrovers diskutierten Fragen; hier sind zwei davon.

Die erste lautet: Dürfen die das? Nordkorea ist nicht das einzige Land auf der Welt, das über Atomwaffen verfügt, und doch ist hier die Aufregung besonders groß. Hintergrund ist, dass der Westen Nordkorea rundweg die Berechtigung zum Besitz solcher Waffen abspricht – weil Nordkorea „böse“ ist, um die Terminologie des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush zu verwenden.

Nordkorea hat kein Recht auf die Atomwaffe, es ist kein fest integriertes Mitglied der internationalen Gemeinschaft.

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Es ist keine Demokratie, es ist keine Marktwirtschaft, es ist kein fest integriertes Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Dem hält Nordkorea entgegen, dass es ein souveräner Staat ist, der noch dazu diese Waffen angesichts der überwältigenden Übermacht der USA dringend braucht, um eine halbwegs glaubhafte Abschreckung zu gewährleisten. So sieht man das jedenfalls in Pjöngjang, übrigens mit Hinweis auf jene, die auf Atomwaffen verzichtet haben und die heute beide tot sind: Saddam Hussein und Muhammar Al Gaddafi.

Pjöngjang braucht die Waffen als Abschreckung gegen die Übermacht USA.

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Andererseits, so argumentiert man im Westen, würde das Akzeptieren eines mit Atomwaffen ausgerüsteten Nordkorea schwerwiegende Folgen haben: Japan und Südkorea könnten dann ihrerseits nach Atomwaffen streben, gefolgt von anderen Staaten. Eine fatale Kettenreaktion.

Zur zweiten Frage: Wer bestimmt eigentlich, wer was dürfen darf? Die USA sehen sich als Führungsmacht in der Welt und aufgrund ihrer moralischen Überlegenheit und ihrer Stärke dazu berufen, global für Ordnung zu sorgen. Dann gibt es noch die UNO. Diese hat aber auch so ihre Probleme, siehe Zusammensetzung des Sicherheitsrates, und wird gelegentlich als Feigenblatt für einzelstaatliche Interessen gesehen. Hat also irgendjemand das Recht, einem souveränen Staat vorzuschreiben, was dieser auf seinem eigenen Territorium tut, solange es keine unmittelbaren Folgen für andere Länder hat?

Kein anderes Land darf Nordkorea vorschreiben, was es auf seinem eigenen Territorium macht.

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Fast möchte man sagen, nein; aber was, wenn es sich dabei um schwerste Menschenrechtsverletzungen handelt? Denen gegenüber können wir die Augen doch nicht verschließen und uns bequem auf die staatliche Souveränität und die Nichteinmischung berufen. Dann stellt sich allerdings die Frage, wie konsequent so etwas anzuwenden ist. Was machen wir zum Beispiel mit den Atomwaffen Pakistans?

Gehen wir aber einmal davon aus, dass wir uns tatsächlich für die Abschaffung der nordkoreanischen Atomwaffen entscheiden. Wie könnte man das anstellen? Im Prinzip gibt es fünf Wege:

Wir verhindern, dass Nordkorea über die nötigen wirtschaftlichen Ressourcen für das Atomprogramm verfügt. Das ist der bisher beschrittene Weg der Sanktionen. Gegner sagen, dass diese nicht gewirkt haben, sonst hätte es nicht die ständige Weiterentwicklung und die vielen Tests gegeben, und dass Sanktionen außerdem immer die Falschen treffen.

Sanktionen sind der falsche Weg, um die atomare Aufrüstung Nordkoreas zu verhindern.

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Befürworter entgegnen, dass man nur nicht hart genug sanktioniert habe, und zeigen mit dem Finger auf China.

Oder wir eliminieren das Atomprogramm direkt, etwa durch einen begrenzten Militärschlag, wie er schon 1994 unter Bill Clinton diskutiert wurde. Gegner dieser Idee verweisen auf die Kollateralschäden und vor allem auf das sehr reale Risiko, dass Nordkorea das nicht einfach hinnehmen, sondern mit einem massiven Gegenschlag antworten würde.

Einen Militärschlag würde Nordkorea nicht hinnehmen. Millionen Tote wären die Folge.

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Dieser würde millionenfachen Tod bedeuten und mindestens ganz Korea in ein rauchendes Trümmerfeld verwandeln.

Alternativ könnte man sagen: Wir überlassen die Lösung China. Das setzt aber voraus, dass die Chinesen wirklich einen derartigen Einfluss in Nordkorea haben (ich bezweifle das) und dass sie diesen Einfluss auch nutzen würden.

China hat derzeit kein Interesse an einem vereinten Korea.

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Letzteres ist sehr fragwürdig, da man in Beijing langfristig und strategisch denkt und keinerlei Interesse an einem vereinten Korea an seinen Grenzen hat, das mit den USA verbündet ist. Die Chinesen mauern und spielen auf Zeit; primäres Ziel ist im Augenblick der Erhalt des Status quo.

Die vierte Möglichkeit ist der Verhandlungsweg. Wir suchen die Gründe, aus denen Nordkorea momentan offenbar ein Interesse am Atomprogramm hat, und bieten beiderseits akzeptable Alternativen an. Das hört sich vernünftig an, doch gab es solche Abkommen schon, und sie wurden nicht eingehalten. Es gibt verschiedene Meinungen, wer zuerst seine Versprechen gebrochen hat, aber das ändert am Ergebnis nicht viel.

Eine langfristige Option ist die Unterstützung des friedlichen Wandels in Nordkorea, so wie sich dieser auch schon in China oder Vietnam vollzogen hat. Nordkorea befindet sich bereits seit gut 15 Jahren in einer solchen Transformation. Es gibt einen wachsenden Mittelstand, der Staat verteilt nicht mehr alles, die Marktwirtschaft und der Individualismus halten Einzug. Sogar Kim Jong-un selbst beklagt das immer wieder. Das Problem ist, dass so ein Prozess dauert und noch dazu mit einer Stärkung der Wirtschaft und des Systems einhergeht – für viele völlig inakzeptabel.

Jetzt ist die einmalige Gelegenheit, es mit Kooperation statt Konfrontation zu versuchen.

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Hinzu kommt noch die politische Realität im Westen. Wer als gewählter Politiker in einer Demokratie zu sehr auf Dialogkurs mit Nordkorea geht, der wird schnell als Kim-Versteher gebrandmarkt und verliert die nächste Wahl. Allerdings wurde in Südkorea gerade ein neuer Präsident gewählt, der ausdrücklich auf Dialog mit Pjöngjang setzt. Und in Washington regiert ein Mann, der sich sowieso um Konventionen keinen Deut zu scheren scheint. Eigentlich eine historisch einmalige Chance, um es ernsthaft mit Kooperation statt Konfrontation zu versuchen.

 

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