Politik: Wie lässt sich Inklusion in Deutschland umsetzen? Inklusion ist ein Recht, keine Gnade

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Hörfunkjournalistin und Elternberaterin bei Gemeinsam leben – Gemeinsam lernen e.V.

Expertise:

Kirsten Ehrhardt stammt aus Reinbek bei Hamburg, ist Juristin, Medien- und Kommunikationstrainerin und Autorin. Sie hat über zwanzig Jahre als Hörfunkjournalistin gearbeitet. Inzwischen ist sie Elternberaterin für Inklusion bei der Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Walldorf bei Heidelberg. Den Kampf um die Inklusion ihres Sohnes hat sie in dem Buch „Henri – ein kleiner Junge verändert die Welt“ beschrieben.

Seit sieben Jahren gilt auch hierzulande die UN-Behindertenrechtskonvention. Theoretisch. Praktisch haben wir uns in Deutschland mit vielen Ungerechtigkeiten gut eingerichtet. Irgendwas oder irgendjemand ist außer der Norm? Weg mit ihm ins Kästchen und Deckel drauf. Die nüchterne Bilanz einer Mutter eines behinderten Kinds.

Seit mein Sohn Henri mit Down-Syndrom auf die Welt gekommen ist, habe ich mich oft gewundert und oft geärgert. Gewundert habe ich mich darüber, dass wir so selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen mit Behinderung in Sondereinrichtungen glücklich sind und gar nichts anderes wollen. Obwohl wir sie doch nie fragen, weil die meisten von uns keinen Kontakt zu ihnen haben, sie im Alltag gar nicht wahrnehmen.

Behinderte leben in einer Parallelwelt, fernab von den "Normalos".

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Wie denn auch: Sie werden morgens aus unserem Gesichtsfeld, aus der Mitte unserer Normalo-Gesellschaft, weggefahren. Was wir in der Flüchtlingsfrage so fürchten, nämlich das Entstehen einer Parallelgesellschaft, stellen die meisten von uns bei Menschen mit Behinderung nicht in Frage. Eltern wie mein Mann und ich und jene, die sich vor über 30 Jahren in der bundesweiten Elternbewegung „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ zusammengeschlossen haben, nehmen das nicht hin. Früher galten wir als „komische“ Eltern, heute gibt uns die UN-Behindertenrechtskonvention Recht. Inklusion ist jetzt seit sieben Jahren in Deutschland ein Recht, keine Gnade mehr.

Und mehr: Aus der UN-Behindertenkonvention leitet sich kein Recht auf Erhalt der Sondereinrichtungen ab, kein Wahlrecht für die Sonderschule, sondern begründet wird das Recht, in einem inklusives System von Anfang an aufzuwachsen. Aber wenn wir das sagen, gelten wir jetzt als „radikal“. Ja, wir sind genauso radikal wie die internationale Staatengemeinschaft, die die Behindertenrechtskonvention verabschiedet hat, und die, was inklusives Denken angeht,  Deutschland längst abgehängt hat. Nur haben die meisten hier in Deutschland das noch gar nicht realisiert.

Viele Menschen in Deutschland wollen die Inklusion überhaupt nicht.

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„Wer Inklusion will, sucht Wege. Wer Inklusion nicht will, sucht Begründungen“, ist ein geflügeltes Wort. Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass viele Menschen in Deutschland Inklusion nicht wollen, zumindest dann nicht, wenn sie mit gesellschaftlichem Umdenken und der Veränderung von Strukturen verbunden ist. Und das ärgert mich. Ein paar singende Behinderte auf dem Kinderfest – ja, gerne. Aber eine Förderschule auflösen? Werkstattplätze in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze umwandeln? Dann sitzt ja der „Behinderte“ plötzlich neben mir im Büro und nicht mehr in der Behindertenwerkstatt weit weg im Industriegebiet… Muss ich mich dann etwa auch verändern? Rücksicht nehmen? Tolerant sein? Oder einfach offen für neue Erfahrungen?

Behinderte sind eine Bereicherung - einfach, weil sie anders sind

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Was in der Debatte oft zu kurz kommt, ist der Aspekt, wie Menschen mit Behinderung unsere Gesellschaft bereichern: durch ihren anderen Blick, durch besondere Talente, durch ihre Ehrlichkeit. „Du bist alt,“ sagt mein Sohn. Nicht betagt, Senior oder best ager. Oder er sagt das, was andere sich nicht trauen, zum Beispiel zum Lehrer: „Ich möchte nicht, dass Du mich anschreist!“  Durch Menschen wie Henri kommt manches in Bewegung. Und das ist gut so.Wir möchten unserem Sohn die Gesellschaft nicht vorenthalten. Und wir möchten ihn der Gesellschaft nicht vorenthalten. Denn er hat viel beizutragen. Wenn man ihn lässt.

Henri ist inzwischen 13 Jahre alt und kennt keine Sonderwelt. Er ist stolzer Realschüler, auch wenn er sehr wahrscheinlich keinen Realschulabschluss machen wird. Für ihn spielt das keine Rolle. Er lernt im Rahmen seiner Möglichkeiten und ist mitten drin. Die normale Umgebung fördert ihn. Er gibt sich Mühe, gut zu sprechen, und zwar deshalb, weil es ihm wichtig ist, dass seine Freunde ihn gut verstehen. Dass ihn die Schule noch vor einem Jahr nicht wollte, spürt er nicht. Wir Eltern spüren allerdings, dass es bei Inklusion noch keine ausgetrampelten Pfade gibt, sondern dass wir sie erst gangbar machen müssen. Aber sonst wird es sie nicht geben – nicht für Henri und nicht für die Kinder mit Behinderung, die nach ihm kommen.

Baden-Württemberg hat seit vergangenen Jahr ein Schulgesetz, das sich „inklusiv“ nennt, mit dem man aber alles weiter so machen kann wie bisher. Keine der neun Sonderschularten wurde angetastet. Ungeniert beraten viele „Fachleute“ weiterhin hinein ins alte System. Da kann das Deutsche Institut für Menschenrechte noch so deutlich den Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention benennen. Berlin ist weit, und in Baden-Württemberg kann man ja bekanntlich alles (außer Hochdeutsch) und hat schließlich das Automobil erfunden.

Inklusion ist ein Privileg derjenigen mit Eltern, die sich kümmern

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Noch ist Inklusion in vielen Bereichen – in der Schule, beim Wohnen und im Beruf – ein Privileg derjenigen mit Eltern, die sich kümmern und kümmern können. Auch in der Inklusion entsteht ein exklusives System. Das kann nicht sein. Und ich ärgere mich wieder. Aber wen stört das eigentlich außer mir wirklich? Seit meiner Jugend sprechen wir von „Chancengerechtigkeit“ im Bildungssystem und sind davon so weit entfernt wie eh und je. So schwer es weiterhin ein Kind mit Migrationshintergrund hat, Abitur zu machen, so schwer hat es auch das Kind mit Behinderung ausländischer Eltern oder aus einem bildungsfernen Haushalt, seinen Lebensweg jenseits der Sondereinrichtungen zu gehen.

Wir haben uns in Deutschland mit vielen Ungerechtigkeiten gut eingerichtet, vor allem mit dem allgegenwärtigen Prinzip der Separation. Irgendwas oder irgendjemand ist außer der Norm? Dann rein in ein Kästchen und Deckel drauf! Ich bin davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft, unsere Demokratie, so nicht überleben wird. Wie wir mit Vielfalt umgehen ist der Test. Noch ist er nicht bestanden. 

In Deutschland wird viel und gern ausgegrenzt: Ausländer, Behinderte, Alte

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Ich träume von einer inklusiven Gesellschaft, in der meine beiden Kinder selbstbestimmt leben können, meine Tochter ohne Behinderung und mein Sohn. Und in der ich alt werden kann, ohne Angst haben zu müssen, irgendwann auch in eine Sonderwelt abgeschoben zu werden, vielleicht in ein Altenheim oder eine andere Sondereinrichtung, in der ich dann verordneter Weise glücklich sein muss. Und in der man mich nicht mehr sieht. So wenig, wie wir jetzt die Menschen mit Behinderung sehen.

 

 

 

 

 

 

 

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