Leerstelle im Gedenken Wider die emotionale Kälte

Bild von Dieter Bingen
Direktor des Deutschen Polen-Instituts

Expertise:

Dieter Bingen ist Politikwissenschaftler und Zeithistoriker. Seit 1999 ist er Direktor des Direktor Deutschen Polen-Instituts.

Im Gedenken an die deutsche Besatzungspolitik in Polen klafft eine Leerstelle. Sie muss durch die Nennung der Opfer gefüllt werden.

Die Teilnahme von Außenminister Heiko Maas an der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Warschauer Aufstands, der sich am 1. August zum 75. Mal jährte, fand eine außergewöhnliche mediale Aufmerksamkeit, in Deutschland nicht weniger als in Polen. Das Echo galt einer Geste symbolischer Art, die offenbar in beiden Ländern verstanden wurde. In seiner Ansprache vor einer Gruppe deutscher und polnischer Jugendlicher bei seinem Besuch im Museum des Warschauer Aufstands bekannte der Minister: „Wir können die Verbrechen nicht ungeschehen machen. Aber wir können dazu beitragen, dass der Opfer gedacht wird, und zwar angemessen.“ Er fügte hinzu: „Und wir unterstützen die Initiative, die in Berlin einen Gedenkort für die Opfer des Krieges und der Besatzung in Polen schaffen will. Das ist lange überfällig. Eine solche Gedenkstätte wäre nicht nur eine Versöhnungsgeste an Polen. Sie wäre bedeutend auch für uns Deutsche selbst.“

Deutsche wissen wenig über das, was mit Polen nach dem Überfall zwischen 1939 und 1945 wirklich geschah

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Ganz besonders aufhorchen lässt da der Satz: „Das ist lange überfällig.“ Es lässt sich unmittelbar daran die Frage anschließen: Warum erst jetzt? Kurz und bündig ist die Antwort: Weil wir Deutsche auch 80 Jahre nach dem Überfall auf Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs so wenig wissen über das, was mit unserem östlichen Nachbarland zwischen 1939 und 1945 wirklich geschah. Schließlich hatte Polen im Zweiten Weltkrieg am längsten unter der deutschen Besatzungspolitik zu leiden, und zwar vom ersten Tag an. Am 1. August legte der Außenminister auch einen Kranz an dem Gedenkort für die Opfer des Massakers von Wola nieder. In diesem Stadtteil waren während des Warschauer Aufstandes innerhalb einer Woche 50 000 Zivilisten vom Säugling bis zum Greis ermordet worden. Der Hauptverantwortliche für das Gemetzel war der SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth („der Schlächter von Warschau“). Er war danach von 1961 bis 1973 angesehener Bürgermeister von Westerland auf Sylt.
Warum hat das Massaker von Wola jetzt zumindest kurzzeitig Aufmerksamkeit erfahren? Weil der Minister dort vor einem Denkmal einen Kranz niederlegte. Diese Geste der Empathie und Würdigung kann wach und neugierig machen, über die Geschichte mehr erfahren zu wollen. 
In Deutschland gibt es kaum eine Vorstellung von der Gesamtheit des Schreckens deutscher Terrorherrschaft im besetzten Polen. Adolf Hitler selbst hatte es am 22. August 1939 seinen Generälen angekündigt: Sein Ziel sei die „Vernichtung“ und die „Beseitigung der lebendigen Kräfte“ Polens. Auch nach Jahrzehnten von oftmals gelungener deutscher Vergangenheitsaufarbeitung wird deutlich: Ein Kontinuum von Unkenntnis, Gleichgültigkeit, ja emotionaler Kälte ist nicht ganz durchbrochen worden. Und je deutlicher darauf hingewiesen wird, dass es eine Leerstelle in unserer Erinnerung gibt, desto heftiger wird hier und da die Abwehr und der Versuch der Ablenkung von diesem Befund.

Ein Kontinuum von Unkenntnis und emotionaler Kälte in der Vergangenheitsaufarbeitung ist nicht ganz durchbrochen

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Jedes Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzungspolitik in Polen muss sich mit den Folgen der Nichtwahrnehmung oder Geringschätzung, der Gleichgültigkeit gegenüber Polen auseinandersetzen. Das gilt auch angesichts einer Erinnerungspolitik, die etwa ein Gedenken an die Opfer in Polen einzubetten versucht in das Gedenken an die Opfer deutscher Rassenpolitik im gesamten europäischen Osten. Wie schrieb Wolfgang Templin vor kurzem dazu im Tagesspiegel: „Auch der Vorschlag eines kollektiven Denkmals für alle slawischen Opfer ist untauglich, weil er der Komplexität der extrem verschiedenen nationalen Geschichten und deren Verflechtung nicht gerecht wird.“ Es geht um Gesten, die signalisieren: Das Deutschland von heute und seine Gesellschaft verstehen, was geschehen ist in Polen, und ja, wir Deutsche empfinden Scham – so wie Außenminister Maas es in Warschau am 1. August bekannte. 

Es geht um Gesten, die signalisieren: Das Deutschland von heute empfindet Scham

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Von vergleichbaren Grundüberzeugungen ausgehend, hat eine deutsche zivilgesellschaftliche Initiative dazu aufgerufen, ein „Polendenkmal“ in der Mitte Berlins zu errichten, das allen Opfern unter den Bürgerinnen und Bürgern der Polnischen Republik ungeachtet von Religion und Ethnizität gewidmet ist. Im Übrigen: Nur wer böswillig ist oder oberflächlich liest, kann behaupten, dass es die jüdischen Polen ausschlösse. Sie werden explizit im Aufruf als Teil der „polnischen Opfer“ verstanden.
Diese Initiative hat zuletzt beachtlichen politischen Zuspruch in Parlament und Regierung erhalten. Mit einer expliziten Ansprache an die Opfer gälte es in einer symbolischen Verdichtung auf dem Askanischen Platz vor dem Anhalter Bahnhof ein sichtbares Bekenntnis abzulegen und zugleich bei Vorbeigehenden emotionale Öffnung und Neugier zu wecken. Dieser Ort sollte „eingerahmt“ werden durch Basis-Informationen und eine Dokumentation der deutschen Besatzungspolitik, etwa mittels Informationsstelen, die in das Denkmalkonzept als Randgestaltung des Platzes integriert werden könnten, und durch Einbeziehung des S-Bahnhofs Anhalter Bahnhof. Zudem schlage ich vor, eine deutsch-polnische virtuelle Akademie zu den Themen deutsch-polnische Geschichte, Erinnerung und Zukunft ins Leben zu rufen. In der Trägerschaft deutscher und polnischer wissenschaftlich-öffentlich wirkender Einrichtungen könnte sie mit einem Programm von Vorträgen, Diskussionen, Seminaren, Ausstellungen und Begegnungen innerhalb kürzester Zeit arbeiten.

Eine deutsch-polnische virtuelle Akademie zu den Themen der deutsch-polnischen Geschichte sollte geschaffen werden

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Gegenüber dem Projekt eines deutsch-polnischen Museums hätte die Akademie den Vorteil, flexibel und direkt auf die Menschen aus beiden Ländern, aber auch darüber hinaus, zugehen zu können. Vor allem aber könnte so den organisatorischen, politischen und wissenschaftspolitischen Hürden aus dem Wege gegangen werden, die ein im Grunde politisches Großprojekt wie ein bilaterales Museum mit sich brächte. Einmal ganz abgesehen von dem hohen finanziellen Aufwand für Bau und Einrichtung, von den laufenden Personal- und Sachkosten gar nicht zu reden. 
Mit dem Konzept eines Dreiklangs von Gedenkort, Information und Dokumentationsstelle am Ort sowie einer auf Dauer angelegten Akademie würde das Polendenkmal zu einem lebendigen Mahnmal, einem Symbol und Kunstwerk im öffentlichen Raum, einem bleibenden öffentlichen gesellschaftliches Bekenntnis der Würdigung der Opfer, der Gelegenheit gibt, sich zu verneigen, zu sammeln und zu versammeln, zugleich zu einem Ort der der Wissen mehrt, und Bezugspunkt für eine lebendige Akademie des Austauschs jenseits dieses Ortes.
Dieser Art Gedenken an deutsche Besatzungspolitik in Polen lädt dazu ein, auch für die anderen Nationen und Völker, die zu Opfern deutschen Besatzungsterrors wurden, entsprechende würdige Formen der Erinnerung und der gemeinsamen Zukunftsgestaltung zu finden. 

 

 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.