80. Jahrestag des Überfalls auf Polen Vom Gewissen und Wissen

Bild von Markus Meckel
Ratsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung SED-Diktatur

Expertise:

Markus Meckel ist Ratsvorsitzender der von ihm initiierten Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Ko-Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ). Nach der ersten freien DDR-Wahl vom 18. März 1990 vom 12. April bis zum 20. August 1990 Außenminister des Landes.

Das Problem am Gedenken an den Angriff auf Polen? Es gibt in Deutschland kaum ein Bewusstsein über diesen Vernichtungskrieg im Osten. Deshalb schlage ich vor, in Berlin ein Dokumentationszentrum zu bauen. 

Es ist zutiefst bedauerlich, dass der Deutsche Bundestag nicht in der Lage war, sich vor der Sommerpause auf eine Resolution zum Gedenken an den Überfall auf Polen am 1. September 1939 zu verständigen, der den Zweiten Weltkrieg auslöste. Auch wenn manche sagen mögen, es gäbe in diesen schwierigen Zeiten in der Politik Wichtigeres als solche Rückblicke, so verkennt das die Bedeutung solcher Gedenktage für die Gegenwart. Gedenktage sind Gelegenheiten der Selbstvergewisserung und für Nationen gilt das zum einen für sie selbst, zum anderen auch für die Beziehungen zu den Nachbarn.

Für Polen ist der Kriegsbeginn untrennbar verbunden mit dem Hitler-Stalin-Pakt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Dieses Jahr nun ist gerade für das Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn reich an Gedenktagen. Da ist der 1. September. Glücklicherweise wird er sonst im Lande vielfach begangen. Der Bundespräsident besucht Wielun, die Stadt in Polen, die gleich am ersten Kriegstag viele Bombenopfer und Zerstörung erfuhr. Für Polen aber ist der Kriegsbeginn untrennbar verbunden mit dem 23. August 1939, mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Auf dieser Grundlage marschierte damals die Rote Armee am 17. September 1939 in Polen ein. In Deutschland hat das Gedenken an diesen Tag keine Tradition, in Russland wird dieser Pakt inzwischen sogar wieder gerechtfertigt. Ein Versuch, beim diesjährigen Petersburger Dialog im Juli in Bonn, wenigstens in einer Arbeitsgruppe eine gemeinsame Erklärung zu initiieren, welche im Gedenken an diesen Pakt an die Verantwortung erinnert, die Souveränität der Nachbarn zu achten, scheiterte.

Über die deutsche Schreckensherrschaft in Polen weiß man in Deutschland wenig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Polen erlebte im Zweiten Weltkrieg eine fast sechsjährige Besatzungszeit mit furchtbaren Verbrechen an seiner Zivilbevölkerung. Für die sowjetischen Verbrechen gegenüber Polen bis 1941 steht Katyn, der Massenmord an mehr als 22 000 polnischen Offizieren. Über die deutsche Schreckensherrschaft in Polen, die schon während der ersten Kriegswochen begann, weiß man in Deutschland wenig. Todesschwadrone ermordeten gezielt die Eliten der Gesellschaft, Politiker, Intellektuelle, Anwälte, Ärzte und Priester. Polen sollten als niedriges Sklavenvolk dem deutschen Herrenvolk dienen. Massaker, Vertreibungen und Terror prägten das Bild. Viele der Betroffenen waren Juden, die dann noch zusätzlicher Drangsal und gezielten Mordaktionen ausgesetzt waren. Die deutschen Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka und Maidanek wurden in Polen errichtet, der Mord an den europäischen Juden begann mit den polnischen. Doch von Beginn an gehörten Abertausende Polen zu den Häftlingen der KZs. Als die polnische Heimatarmee im Untergrund vor 75 Jahren, im August 1944, in Warschau den Aufstand wagte, um Polen selbst zu befreien, wartete die Rote Armee ab, bis die Wehrmacht und andere deutsche Kräfte, den Aufstand niederschlugen, unzählige Zivilisten umbrachten und Warschau systematisch zerstörten.

Ein Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus wird gefordert. Das Anliegen ist grundsätzlich richtig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Über all dies, diesen Terror und seine Opfer, weiß man in Deutschland fast nichts.  Deshalb forderte schon vor Jahren der für die deutsch-polnischen Beziehungen so verdienstvolle polnische Politiker W. Bartoszewski, dass in Berlin für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus ein Denkmal errichtet wird. Diese Forderung ist jüngst von vielen deutschen Politikern erneuert worden.

Ein Polen-Denkmal birgt auch das Problem der Opfer-Hierarchisierung.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Anliegen dieses Vorschlags teile ich, und halte ihn aber trotzdem für problematisch. Sollen wir wirklich beginnen, der Opfer des Nationalsozialismus nach Nationen getrennt zu gedenken? Was ist mit den Millionen Opfern nach dem Überfall auf die Sowjetunion, denn der Vernichtungskrieg, der in Polen begann wurde ab 1941 mit keineswegs geringeren Schrecken fortgeführt, ja, er entfaltete noch ganz andere Ausmaße. Sollen wir wirklich für Polen, Belarussen, Ukrainer und Russen – und überall gehen die Opfer in die Millionen – getrennte Denkmale bauen? Wo soll man anfangen, wo aufhören? (Dann besteht schließlich die Gefahr des Zynismus, wenn wir vor der Frage stehen, ob wir nur Denkmale bauen, wo die Zahlen der Opfer in die Millionen gehen…)

Ein Denkmal erinnert nur an das, was man kennt. Die polnischen Verbrechensorte kennt aber kaum einer.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Dazu kommt: Ein Denkmal erinnert nur an das, was man kennt. Das Problem aber ist, dass es in Deutschland kaum ein Bewusstsein gibt über diesen Vernichtungskrieg im Osten. Wer weiß schon, dass unter der „Obhut“ der Wehrmacht allein mehr als drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene umkamen und in Leningrad durch die Hungerblockade eine Millionen Menschen starben. Jeder kennt Lidice in der Tschechoslowakei und Oradour in Frankreich – wo ganze Dörfer deutschen Vergeltungsaktionen zum Opfer fielen. Im Osten aber gibt es zählen Hunderte solcher Orte. Chatyn bei Minsk ist ein Gedenkort für 605 solcher Massaker allein in Belarus.

Wir brauchen ein Dokumentationszentrum über diesen Vernichtungskrieg.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deshalb schlage ich vor, in Berlin ein Dokumentationszentrum über diesen Vernichtungskrieg zu bauen und dort auch Möglichkeiten des Gedenkens an die Opfer schaffen.

Hier sollte in aller Differenzierung darüber informiert werden, was geschah. Denn natürlich gab es auch Unterschiede, im zeitlichen Ablauf und zwischen den Ländern. Wir sollten Historiker aus den verschiedenen Ländern einladen, ein solches Konzept mit zu entwickeln.

Auch zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution sollten wir Akteure aus Polen und Ungarn einladen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es gibt jedoch weitere Jahrestage, die wir dies Jahr begehen – und die Polen ebenfalls betreffen. Die Friedliche Revolution in der DDR vor 30 Jahren gehört in den Zusammenhang der Umbrüche in ganz Ostmitteleuropa 1989 – und hier spielen Polen und Ungarn eine hervorragende Rolle. Ich hielte es für gut, wenn wir Deutschen in diesem Jahr wichtige damalige Akteure aus diesen Ländern einladen und ihnen Dank sagen. Denn ihr Handeln gehört wie Gorbatschows Politik zu den Voraussetzungen der deutschen Einheit.

Polen kämpften in allen Alliierten-Armeen - und befreiten die Deutschen vom Nationalsozialismus.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Nächstes Jahr jährt sich zudem das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Male. Welche Botschaften werden von dem Gedenken daran in den verschiedenen Ländern ausgehen? Wir Deutschen sollten endlich auch daran erinnern, dass Polen in allen Armeen der Alliierten kämpften und uns mit ihnen vom Nationalsozialismus befreiten. Nur Stalin verhinderte, dass dies entsprechend anerkannt wurde – und wir haben das bis heute nicht angemessen gewürdigt. Zu den Feierlichkeiten im Mai 2020 sollten wir mit den damaligen Alliierten auch Polen einladen.

Wir könnten das polnische Denkmal im Volkspark Friedrichshain neu gestalten.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ja, wir könnten das polnische Denkmal im Volkspark Friedrichshain neu gestalten und es diesem Beitrag Polens zur deutschen Freiheits- und Demokratiegeschichte widmen. Den passenden Titel hat es schon: „Für eure und unsere Freiheit!“ In einer Freiluftausstellung könnte diese in Deutschland weithin unbekannte Geschichte dargestellt werden, vom Hambacher Fest 1832 über die Befreiung vom Nationalsozialismus bis zu Solidarnosc.

2020 lässt sich der Bogen von 1945 zu 1990 spannen. Die Europäische Union ist die Gestalt gewordene Lehre aus den Schrecken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie hat sich nach 1990 erweitert, weil dann für unsere östlichen Nachbarn der damals eingeklagte Weg „Zurück nach Europa“ Realität wurde. Heute gilt es, für die Werte einzustehen, die damals den Sieg errangen und heute Bestandteil des Vertrages von Lissabon sind. Lasst uns sie mit Leben erfüllen.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.