Polnisches Denkmal Mahnmal und Erinnerungsort kombinieren

Bild von Wolfgang Templin
Publizist und DDR-Bürgerrechtler

Expertise:

Wolfgang Templin ist Publizist. Er war einer der wichtigsten DDR-Bürgerrechtler und Mitgründer der Initiative für Frieden und Menschenrechte.Von Juli 2010 bis Dezember 2013 war er Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau.

Empathie und historische Aufklärung sind nicht voneinander zu trennen: Deutschland braucht in Berlin einen Gedenk- und Erinnerungsort für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen.

Die Auseinandersetzung um einen Gedenkort für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen ist in vollem Gang. Damit verbunden sind die Fragen nach dem Sinn, der Gestaltung, der Form und dem Ort eines solchen Denkmals, seiner Verbindung mit einem Gedenkort oder der Alternative eines Museums.

Emotionale Kraft und Aufklärung müssen miteinander verbunden werden.

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Museen sind Orte historischer Rekonstruktion und können bestimmte eindringliche Formen des Gedenkens nicht ersetzen. Denkmäler in ihrer klassischen Form, Personen oder Ereignissen gewidmet, sind uns häufig fremd geworden. Wie aber soll von nachfolgenden Deutschen aber dem Umgang mit ihren nächsten Nachbarn gedacht werden, wenn nicht mit einer Form, welche die emotionale Kraft eines Mahnmals mit der aufklärenden Funktion eines Erinnerungsortes verbindet? Ein gewöhnliches Museum, das meist der rationalen Rekonstruktion historischen oder kulturellen Geschehens gewidmet ist, kann das nicht leisten. Nötig ist vielmehr eine Kombination von Mahnmal und Erinnerungsort.

Der Anhalter Bahnhof ist ein guter Ort, weil dort entsprechende Kommandozentralen lagen.

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In Berlin standen die Kommandozentralen nationalsozialistischer Verbrechens- und Vernichtungspolitik. Hier sollte auch der Platz für solch einen Erinnerungsort sein. Ganz konkret wäre er in der Nähe des Anhalter Bahnhofs zu finden. Der Anhalter Bahnhof und seine Umgebung sind ein exponierter historischer Ort, in dessen unmittelbarer Nähe Planungszentren und Kommandostäbe für die Deportation und Lenkung des millionenfachen Stroms von Zwangsarbeitern lagen.

Das antifaschistische Siegesdenkmal ist kommunistische Geschichtsklitterung.

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Der Verweis auf ein bereits vorhandenes Denkmal im Osten Berlins sollte dagegen aus der Diskussion verschwinden. Bei dem antifaschistischen Siegesdenkmal im Friedrichshain geht es um übelste kommunistische Geschichtsklitterung. Es reduziert die polnischen und deutschen Opfer sowie den polnischen und deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf die daran beteiligten Kommunisten. Es verschweigt zugleich deren ebenso vorhandene Täterrolle. Auch der Vorschlag eines kollektiven Denkmals für alle slawischen Opfer ist untauglich, weil er der Komplexität der extrem verschiedenen nationalen Geschichten und deren Verflechtung nicht gerecht wird.

Eine Entscheidung sollte bis zum 1. September gefällt sein.

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Bis zum 1.September 2019 sollte die Entscheidung über den Erinnerungsort gefällt sein. Denn dann jährt sich der deutsche Überfall auf Polen als Ausgangspunkt des zweiten Weltkriegs zum achtzigsten Mal. Lange Zeit standen der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Jahre 1941, die damit verbundenen Verbrechen sowie die Opfer- und Siegerrolle der Sowjetunion im Mittelpunkt deutscher Erinnerung und Beschämung. Die Rolle und der Platz unseres unmittelbaren Nachbarn Polens dabei blieben nachrangig.

Erst in den zwei letzten Jahrzehnten vermochten es internationale Geschichtsinitiativen und die Arbeiten von Historikerinnen und Historikern zahlreicher Länder hier die Erinnerung zu schärfen. Sie zeigten, wie die Zusammenarbeit Hitlerdeutschlands mit der Sowjetunion in der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges aussah. Polen wurde zwischen 1939 und 1941 zum ersten Opfer der unmenschlichen Besatzungspolitik beider totalitärer Mächte. Damit verbunden waren die Verbrechen und die Deportationspolitik Stalins in den gleichfalls okkupierten baltischen Staaten.

Die Vorgeschichte des Kriegs mit Polen ist im öffentlichen Bewusstsein eine Leerstelle.

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Die Vorgeschichte einer auf Versklavung und letztlich Auslöschung unseres unmittelbaren polnischen Nachbarn gerichteten Politik blieb im öffentlichen Bewusstsein eine weitgehende Leerstelle. Der im Holocaust gipfelnde fanatische Antisemitismus, dem große Teile des deutschen Volkes verfielen, und die damit verbundene unermessliche Schuld und Verantwortung dafür haben sich in das Gedächtnis der nachfolgenden Generationen eingebrannt. Der Hass aus „Mein Kampf“, die abgrundtiefe Verachtung und die im Vernichtungswillen gipfelnde Haltung zu den slawischen Nachbarn vor allem Polen blieben im historischen Gedächtnis nachrangig.

Eine Verachtung und eine Haltung, die große Teile der deutschen zivilen und militärischen Eliten teilten, welche in den dreißiger Jahren an der Planung und Vorbereitung des nächsten ,alles entscheidenden Krieges beteiligt waren. Auf den Westen fixierte Fehler wilhelminischen Weltgeltungsstrebens sollten nicht wiederholt werden. Es galt, Lebensraum im Osten bis weit über den Ural zu gewinnen, die dort lebenden Völker zu unterjochen, zu versklaven und letztlich der Vernichtung preiszugeben.

Schön länger gab es einen Überlegenheitswahn gegen den slawischen Nachbarn.

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In der überlieferten Haltung preußischer und deutscher Eliten während der Teilungen Polens zwischen dem Ende des 18.Jahrhunderts und dem Jahre 1918 lässt sich ein solcher Vernichtungswille zwar nicht festmachen, sehr wohl aber Überlegenheitswahn und Verachtung gegenüber dem slawischen Nachbarn. Es war die Bereitschaft, alle positiven Seiten einer über Jahrhunderte währenden weitgehend friedlichen Nachbarschaftsexistenz mit einem souveränen polnischen Staat in Frage zu stellen. Dieser Staat hatte sein selbständiges Existenzrecht verwirkt und sollte nie wieder entstehen.

Davon war auch die deutsche Haltung zum Polen der wiederentstandenen II. Republik in der Weimarer Republik geprägt. Berechtigte Kritik an der Einseitigkeit und Ungerechtigkeit der Versailler Verträge, verschmolz mit einer Revisionspolitik, welche die Existenzberechtigung des polnischen „Saisonstaates“ in Frage stellte. Hitler und die Nationalsozialisten fanden nach der Machtergreifung 1933 eine ideale Grundlage, ihre viel weiter gehenden Pläne im Osten vorzubereiten und durchzusetzen.

Die Mordtaten in Polen wurden von Deutschen im Namen Deutschlands begangen.

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Der deutschen Besatzungspolitik in Polen fielen insgesamt mehr als sechs Millionen polnische Staatsbürger zum Opfer, darunter drei Millionen polnische Juden. Es waren unermessliche Mordtaten, die nicht von „Hitler und den Seinen“, sondern von Deutschen im Namen Deutschlands begangen wurden. Hier setzt sich nicht eine deutsche Schuld von Generation zu Generation fort, schon gar nicht eine Kollektivschuld, sehr wohl aber Verantwortung für eine andere Nachbarschaft und eine über die Zeiten hinweg schmerzende Wunde der Erinnerung.

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