Museum für deutsch-polnische Geschichte Hallo Nachbar, dzien dobry 

Bild von Wolfram Meyer zu Uptrup
Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin

Expertise:

Stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind weit mehr als die katastrophale Zeit der nationalsozialistischen Gräueltaten. Nicht nur darum braucht Deutschland in Berlin ein Museum für deutsch-polnische Geschichte(n).

Die Geschichte zwischen Polen und Deutschen ist politisch wichtig und kulturell spannend - vor allem aber historisch außergewöhnlich. Um die vielen Aspekte der deutsch-polnischen Geschichte zusammenzubinden, sie darzustellen und ihrer zu gedenken, brauchen wir weit mehr als eine schlichte Gedenktafel. Um insbesondere auch der polnischen Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen zu gedenken, ist auch mehr als ein Denkmal nötig.

Deutschland braucht ein Museum für deutsch-polnische Geschichte(n) in Berlin. Die Geschichte muss erzählt, erklärt, diskutiert werden. In der Stadt stehen viele Denkmale, von denen die Berlinerinnen und Berliner vielleicht gerade einmal den Namen wissen. Mehr aber nicht. Doch im Hinblick auf die deutsch-polnische Geschichte kann es nicht darum gehen, den Denkmalen mit unbekannter Widmung in der Stadt ein weiteres hinzuzufügen. Ganz im Gegenteil.

Bei komplexen Geschichten ist mehr als eine Gedenktafel nötig.

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Wenn wir einzelner Personen gedenken, wie etwa der Königin Luise von Preußen oder Otto von Bismarcks, mag es noch angehen, auf einer Tafel eine basale Information und Begründung zu präsentieren. Doch bei komplexeren Geschichten, die auch noch stark in die Gegenwart wirken, reicht das nicht aus. Manch ein Thema verdichtet sich in den Diskussionen so weit, dass es zu einem gesamtgesellschaftlichen Projekt wurde, wie im Falle des Holocaust-Denkmals in Berlin-Mitte. Aufgrund einer intensiven Bildungsarbeit in Schulen, eines langjährigen Diskurses in der Öffentlichkeit und eines darauf entstandenen breiten Konsenses in der Gesellschaft wurde dieses Denkmal endlich gebaut.

Doch obwohl dessen Thema, die Judenverfolgung und Judenvernichtung in Zeiten des so genannten „Dritten Reichs“, zum Allgemeinwissen zählt, wurde es um einen „Ort der Information“ ergänzt. Dem lag die Einsicht zugrunde, dass bei Ereignissen, im Gegensatz zu Personen, ein breiterer Grund gelegt werden muss, auf dem das Gedenken dann sinnvoll geschehen kann.

Es fehlt an Wissen und Einvernehmen über Taten im Hinblick auf Polen.

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Gerade im Hinblick auf die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist ein reines Denkmal ungenügend, nicht nur wegen der Dimensionen der Verbrechen, sondern vor allem auch wegen des fehlenden gesellschaftlichen Wissens und Einvernehmens über deutsche Taten und Untaten im Hinblick auf Polen und eine daraus entwachsende politische Verantwortung. Mit einer erklärenden Tafel ist es hier nicht getan. Hier ist ein tieferer Blick in die gemeinsame Geschichte zwingend notwendige Voraussetzung für jedes öffentliche Gedenken. Die deutsch-polnische Geschichte zwischen 1939 und 1945 ist den Spezialisten bekannt (auch die weniger dazu passende Vorgeschichte von 1933/34 bis Sommer 1939). Das wird man für die große Mehrheit der Deutschen dagegen nicht als selbstverständlich annehmen können.

Die Zeit der NS-Herrschaft in Deutschland und den von ihm überfallenen Ländern prägt mit ihrem Schrecken und Grauen das Bild der gemeinsamen Geschichte. Das Ausmaß der Kriegszerstörungen und der Charakter der deutschen Besatzung sind jedoch im gesellschaftlichen Bewusstsein Deutschlands und Polens höchst unterschiedlich präsent. Sie bestimmen bis heute einen großen Teil des deutsch-polnischen Diskurses, wie die aktuellen polnischen Forderungen nach Reparationen offenbaren.

Das Denkmal darf sich nicht auf die Zeit zwischen 1939 und 1945 beschränken.

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Zudem erscheint es auch nicht sinnvoll, via Denkmal die deutsch-polnische Geschichte auf jene katastrophalen Jahre zwischen 1939 (Überfall auf Polen) und 1944/45 (Befreiung von der NS-Besatzung) zu beschränken. Natürlich muss im Kontext der Beziehungsgeschichte deutlich werden, dass es schlimme und brutale Ereignisse gab. Es soll auch möglich sein, die Ereignisse von Vertreibung und Verfolgung in ihrem historischen Kontext ohne ideologische Determinanten und Ausblendungen zu diskutieren. Nötig ist ein Ansatz, der die deutsche und die polnische Geschichte in ihren europäischen Interdependenzen zeigt. Dies geht über eine rein deutsch-polnische Perspektive weit hinaus.

Keine Frage, die deutsch-polnische Geschichte bietet viel Stoff fürs Museum. Als im Jahr 1000 Otto III. nach Gnesen reiste, erkannte er den polnischen Fürsten als König an und hatte offenbar vor, mit ihm gemeinsam Politik in Europas Osten zu machen. Es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können, wenn Otto III. nicht zwei Jahre später schon verstorben wäre. Das Treffen im Jahr 1000 kann man, wenn man die definitorischen Probleme ignoriert, als den Beginn der „deutsch-polnischen“ Beziehungen ansehen.

Bei der Landshuter Hochzeit von 1475, einem der glänzendsten Feste des späten Mittelalters, schlossen die jagiellonische Prinzessin Hedwig und der Wittelsbacher Georg der Reiche den Bund fürs Leben. Diese Ehe gab den Auftakt für eine ganze Reihe weiterer deutsch-polnischer Verbindungen von Jagiellonenprinzessinnen mit Adligen aus deutschen Ländern.

Eingriffe mutiger Polen in die Geschichte Europas sind kaum bekannt.

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Kaum bekannt sind auch die Eingriffe mutiger Polen in die Geschichte Europas. Ein Beispiel ist die erste schriftliche Verfassung Europas vom 3. Mai 1791. Hinzu kommen die Verteidigung Europas gegen die Rote Armee im August 1920 im „Wunder an der Weichsel“ oder die Rolle der polnischen Zivilgesellschaft beim Sturz der kommunistischen Diktatur in Polen und den „sozialistischen Bruderstaaten“. Letztlich führte auch das zur deutschen Wiedervereinigung.

Die deutsch-polnische Geschichte birgt neben den polnischen Teilungen und den Verfolgungen im 19. und 20. Jahrhundert auch positive Momente in sich. Dazu zählt die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen, die von mutigen Bürgern beider Länder begonnen wurde. Zu nennen sind die Reisen von Bürgern der DDR im Rahmen von „Aktion Sühnezeichen“ seit den 1960er Jahren. Ein weiteres Beispiel ist der Briefwechsel zwischen den Bischöfen von Polen und der Bundesrepublik, die letztlich in eine Politik mündeten, die Entspannung und Zusammenarbeit zum Ziel hatte.

Ein beiderseitiges besseres Kennenlernen ist unabdingbar.

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Die Tatsache, dass heute rechts der Oder Menschen wohnen, die links der Oder arbeiten, und umgekehrt - das wäre uns vor einer historisch sehr kurzen Zeit doch nicht einmal im Traum eingefallen. Es war jenseits unseres Vorstellungsvermögens, dass wir uns mit den Polen über die Geschichte in einer Weise verständigen, wie sie im deutsch-polnischen Geschichtsbuch „Europa. Unsere Geschichte / Europa. Nasza Historia“ dargestellt ist.

Wenn wir die Beziehungen zu unserem Nachbarn Polen wirklich weiterentwickeln wollen, ist ein besseres Kennenlernen unabdingbar. Wir sollten uns dann öffnen für die Vielfalt der deutsch-polnischen Geschichte(n), die uns in Vergangenheit und Gegenwart begegnen können. Ein modernes Museum für deutsch-polnische Geschichte(n) hier in Berlin wäre ein idealer Ort.

Wolfram Meyer zu Uptrup engagiert sich seit 1982 für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin und leitete unter anderem das deutsch-polnische Geschichtsbuchprojekt auf deutscher Seite von 2006 bis 2012.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Dr. Markus Krzoska
    Kommentar 2. Teil
    Eine deutsch-polnische Geschichte im nationalen Sinne gab es aber vor dem 19. Jahrhundert nicht, die Motivation aller Akteurinnen und Akteure war ganz selbstverständlich eine soziale, religiöse oder ökonomische. Deshalb erscheint es mir höchst problematisch, eine Kette „positiver Ereignisse“ der gemeinsamen Geschichte seit dem 10. Jahrhundert zu konstruieren, wie es freilich auch die deutsche Geschichtspolitik der letzten 30 Jahre in Bezug auf Polen immer wieder getan hat. Wenn man das aber aus pädagogischen Gründen für notwendig erachtet, ist es umso wichtiger, unnötige Fehler zu vermeiden. Meyer zu Uptrup ist das leider nicht ganz gelungen. Das Treffen Ottos III. mit dem polnischen Herzog Bolesław Chrobry im Jahre 1000 war nach der weit überwiegenden Ansicht der Forschung nicht mit einer Königskrönung verbunden (die erst 1025 erfolgte). Den aus den unseligen Traditionen der deutschen Ostforschung stammenden Begriff der „polnischen Teilungen“ mag man zwar vereinzelt bei Wikipedia wiederfinden, in der Wissenschaft ist er allerdings unüblich, denn die Polen haben sich bekanntlich nicht selbst geteilt, korrekt wäre also die Formulierung „Teilungen Polen-Litauens“.
    Meines Erachtens ist aber ein solch deutsch-polnisches Museum in Berlin unnötig. Es würde lediglich einer weiteren Zersplitterung der Erinnerungslandschaft dienen. Jede Klientel bekommt ihr eigenes Museum, ihre eigene Gedenkstätte, verbindend wirkt so etwas nicht. An die gemeinsamen demokratischen Werte zu erinnern, um den modisch gewordenen populistischen Geschichtsumdeutungen massiv entgegenzutreten, ist dagegen eine Aufgabe, der wir uns auf allen möglichen Wegen widmen sollten. Der französische Präsident Macron hat dafür eine Reihe sinnvoller Vorschläge unterbreitet. Die deutsche Politik ist derzeit weder willens noch in der Lage, diese Anregungen aufzugreifen. Dies ist das größte Problem unseres derzeitigen europapolitischen Stillstands.
  2. von Dr. Markus Krzoska
    (Kommentar 1. Teil)
    Die deutsch-polnischen Beziehungen sind wichtig, keine Frage, und es ist gut, dass der „Tagesspiegel“ ihnen Aufmerksamkeit widmet. Mitunter kann ein Beitrag aber auch Verwirrung stiften Wolfram Meyer zu Uptrups Text ist ein solches Beispiel.
    Dies betrifft zunächst schon die merkwürdige Überschrift, die sprachlich keinen Sinn macht. Entweder müsste es „Dzień Dobry“ heißen (die diakritischen Zeichen kann der „Tagesspiegel“ offenbar immer noch nicht drucken), oder – falls es sich um den Wunsch, einen guten Tag zu haben, handelt: „dobrego dnia“ (życzę). Das ist jedoch nur eine Kleinigkeit.
    Nun soll also noch ein deutsch-polnisches Museum her, der nächste national kodierte Debattenversuch. Es ist dabei immer wieder erstaunlich, wie moralische und historische Argumente die Besonderheit bilateraler Beziehungen unterstreichen sollen. Warum dann aber kein deutsch-griechisches Museum oder ein deutsch-belarussisches? Erinnerung lässt sich nicht von oben verordnen und der Versuch ihrer Einhegung in vertraute Formen bewirkt mitunter eher das Gegenteil. Museen dieser Art werden dann doch eher von den Menschen besucht, die sich sowieso schon für das jeweilige Land interessieren. Viel dringender wäre es, das Wissen über all unsere Nachbarn im Bereich der politischen Bildung weiter zu vertiefen und dabei von den uns vertrauten inhaltlichen Schablonen allmählich Abstand zu nehmen.
    Als jemand, der sich seit dreißig Jahren wissenschaftlich mit der Geschichte Polens befasst, habe ich durchaus Verständnis dafür, „viele Aspekte der deutsch-polnischen Geschichte zusammenzubinden“.