Für einen vernünftigen Umgang mit China Falsch gedacht ist schlecht gehandelt

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Wissenschaftler Freie Universität Berlin

Expertise:

Ole Döring ist habilitierter Philosoph und Sinologe.

Unser Verhältnis zu China wird von überholten Denkmustern bestimmt und von einer unberechtigten Furcht. Stattdessen sollten wir uns China neu öffnen. Das bietet große und ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Leitfrage, darf man „den reichen Geschäftspartnern entgegenkommen - oder lauert da eine demokratiefeindliche Gefahr?“, sitzt einem Denkfehler auf. Unterstellt sie allen Ernstes, unser erstes Anliegen wäre Demokratiefreundlichkeit?

Dann hätten wir eine ganz andere Welt-Wirtschaftsordnung; vielleicht eine Demokratie, die Bildung und Teilhabe über Kommerz stellt. Länder, die systematisch Menschenrechte verletzen, wie in Guantanamo, mit Folter, Todesstrafe oder Organhandel oder durch rassistisch-nationalistisch getriebenen Beute-Kapitalismus - ihr Anspruch auf das Gütesiegel Demokratie könnte uns nicht beeindrucken. Wir würden unsere Position moralisch glaubwürdig und ökonomisch nachhaltig machen, indem wir unser Modell selbst stärkten.
 

Wir müssen uns gegenüber China von der kolonialistischen Perspektive lösen

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Dann würden wir auch nicht Sätze lesen wie diesen, von Verantwortung tragenden Wissenschaftlern: „Die deutsch-chinesische Fußballkooperation zeigt, wie Peking in Deutschland autoritäre Prinzipien durchsetzen will.“ Hallo? Dieses Denken verzerrt und verharmlost die Sachlage. Geht es wirklich um banalisierende Beispiele wie, wieder: Fußball? Nein, es geht um etwas Wichtiges: die Welt. China fordert Europa heraus, indem es seine Normalposition einnimmt. Von uns verlangt das, endlich zwei grundlegende Fehlstellungen zu beheben: die des Kolonialismus und die des Monotheismus. Damit wir uns auf die künftige Zusammenarbeit einstellen können.
 

Statt uns an das transatlantische Machtzentrum zu klammern, sollten wir Eurasien gestalten 

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Der Niedergang des transatlantischen Machtzentrums vollzieht sich nicht erst seit Trump. Wir haben die Wahl, uns an dieses kostspielige Provisorium zu klammern. Oder wir begreifen die Entwicklung Eurasiens als einen nachholenden Modernisierungsprozess und gestalten ihn aktiv mit, zu unserem Nutzen. Wir können zeigen, wie ernst wir die Globalisierung nehmen und was wir selbst, als Demokraten, darunter verstehen. Wir dürfen nun auch zeigen, wie Europa fähig ist zu lernen, uns zu entwickeln. Im Dienst an der Menschheit. Ein stabiles China ist hierfür Gold wert.

Also: Was bedeuten uns Würde, Freiheit und Menschenrecht, wenn wir an alle Menschen denken, mit denen wir handeln, zum Beispiel entlang der Seidenstraßen? Wie können wir uns glaubwürdig machen und besser werden? Demokratie ist keine Selbstverwirklichung. Sie organisiert ein Zusammenleben in Würde: Den Einzelnen abzuholen und einzuladen wo er steht, einander zu lassen, um das beste aus uns zu machen. Dafür gibt es viele Wege, Strategien - zuerst: offen bleiben, ein gutes Beispiel geben. So entstehen Räume, in denen gesellschaftliche Vielfalt kreativ werden kann.
 

Unser Verhältnis muss sich an der Zeit vor der ersten missratenen Begegnung mit China orientieren

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Ein kulturell geschlossenes, formales Demokratieverständnis zeigt sich in verzagter Haltung und einem defensiven Begriff. Wir sollten dahin kommen, sie nicht nur zu behaupten, sondern Demokratie zu verteidigen, indem wir uns befähigen, sie sich herausbilden zu lassen. Mit Willy Brandt: Demokratie wagen, damit auch nach Osten „zusammen wachsen kann, was zusammen gehört“. Also: Wir brauchen eine friedenspolitisch ausgerichtete neue Ostpolitik, die auf das Risiko baut, menschlich zu sein. Was kommen kann, wird mehr mit dem status quo ante zu tun haben als mit den vergangenen 200 Jahren. Also mit der Zeit vor der missratenen Begegnung Europas mit dem damals funktionierenden China. Was einst nur im Osten spielte, stellt sich nun in Eurasien auf.
 

Monotheistisch sollten wir nur noch privat denken, aber nicht mehr in der Politik

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Halten wir hier inne und denken über unsere Art zu denken nach. Wie tief reicht unsere kulturelle Erfahrung als missionarisch ermächtigte Kolonialherren in unser Weltbild hinein? Säkular zu sein verlangt weit mehr als das Verdrängen totaler Sinn-Monopole durch Gewaltenteilung. Wir müssen es an der klerikalen Dominanz abarbeiten, es uns zu eigen machen. Die politische Ordnung von ihrer geistlich-religiösen Durchformung zu lösen, das schulden wir der Menschheit. Das geht tief und findet noch nicht so statt, dass Verständigung mit anderen Kulturen gelingt. Die monotheistische Begriffs-Struktur verzerrt unser Denken:„Es kann nur einen geben!“? Das mag sein, aber nur privat.

Chinas Kommunismus hat mit dem Kommunismus europäischer Prägung nichts zu tun

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Wir fühlen uns in dieser Matrix aufgehoben, unser Denken legitimiert. Die Kehrseite: aus Vorsicht gegenüber der fremden Macht stürzen wir unvermittelt in eine abgründige Angst, die existentiell ist. Wir fallen reflexartig in Begriffe wir totalitär, Diktatur, Kommunismus, usw. - ohne zu bedenken: Auch wenn China sich selbst so präsentiert, ein Blick in die Geschichte belehrt uns, dass Chinas „Kommunismus“ mit dem der europäischen Erfahrung nichts zu tun hat. Es gelingt uns nicht, eine vernünftige Einstellung zu dieser Furcht zu entwickeln. Sie wird uns zum Horror Vacui anstatt zur Quelle für Wissen und Lernen. Entsprechendes Grauen verbinden wir mit den Schablonen des Negativen: Angst vor dem Totalitären anstatt vor dem Faschismus, vor der Macht Chinas statt vor seiner Stärke, vor den Zwecken statt vor den Mitteln.

Es fängt mit dem Denken an. Dann geht es um Qualität, um Wert und Werte. Wenn es um den Dienst an anderen geht, kann dafür viel Geld und Gutes bewegt werden, besonders durch gerechten Zugang zu Gesundheit und Bildung. Wir stehen also vor einer vergleichbaren Herausforderungen mit der egalitären und der ökologischen Wende im 20. Jahrhundert. Irgendwann wird die Wirtschaft dann auch im bloßen Eigeninteresse Geld verdienen. Genau das macht China nicht, weil es sich noch nicht ganz aus der nachholenden Modernisierung und den Konzepten des Postkolonialismus befreit hat. China denkt in Sicherheit, Finanz- und harten Infrastruktur-Investitionen - und genau da liegt Europas Chance.

Wir sollten durch Eurasien ein neues Netzwerk für soziale Nachhaltigkeit bauen

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Wir brauchen einen stimmigen Gesamtplan, der die Zwecke der Demokratie in den Mittelpunkt stellt und ökonomisch operationalisiert. Das geht am besten mit einer Kultur, die nicht nur versteht wie man aus dem Lernen Stärke gewinnt, sondern auch die Grundlagen vernünftiger Menschlichkeit mit uns teilt. Bauen wir durch Eurasien hindurch ein Netzwerk aus Inkubatoren für soziale Nachhaltigkeit!

Aber setzen wir nicht weiter auf ein falsches Spiel. Der Schaden ist immens, denn die Wirtschaft wird nicht unterstützt, Märkte werden nicht entwickelt. Die Gesellschaft wird gehindert, ihre demokratischen und ökonomischen Potentiale für die wirkliche Welt weiter zu entwickeln. Europas Angststarre blockiert die mögliche Entwicklung zur Hoffnung.

Demokratie wagen, wirklich groß? Wir können das. Wir können es noch besser.

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