Politik und Umwelt Kondome für den Klimaschutz

Bild von Alexander Krauss und  Thomas Kastning
University College London

Expertise:

Alexander Krauss unterrichtet als Dozent über globale Entwicklungsthemen an der University College London und forscht derzeit auch über wissenschaftliche Methoden und die Grenzen der Wissenschaft. Thomas Kastning ist freier Schriftsteller und arbeitete in den letzten Jahren für politische Stiftungen und Wirtschaftsverbände, u.a. den Afrikaverein der Deutschen Wirtschaft.

Die Politik muss Industrie und Verbrauchern endlich die Spielregeln beim Klimaschutz vorschreiben. Der Mensch ist nicht zum Klimaschützer geboren.

Wenn es um globale Herausforderungen geht, wird oft diskutiert, ob wir oder die Politik handeln müssen. Aber insbesondere bei großen und komplexen Herausforderungen wie dem Klimawandel lautet die Antwort: Wir und die Politik. Es sind nämlich Bürger, die Parteien mitsamt ihrem Parteiprogramm wählen, außerparlamentarischen Druck auf Entscheidungsträger ausüben und mit ihrem Konsumverhalten Verantwortung übernehmen. Und es ist die Politik, die wiederum reguliert und Strukturen vorgibt.

Noch zu Napoleons Zeiten lebten nur knapp eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten, 1960 waren es drei, heute sind es fast 7,5 Milliarden, ein Ende ist kaum in Sicht. Und alle neuen Menschen brauchen Wasser und Nahrung, Unterkunft und Strom, eine Schule und ein Krankenhaus – und sie wollen Autos und Reisen. Mit jedem neuen Erdenbürger lebt ein neuer Konsument und sein Verbrauch kurbelt die CO2-Produktion weiter an.

Für den Menschen sind rein abstrakte Bedrohungen wie der Klimawandel wenig relevant. 

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Konsumenten mit einem hohen Bildungsgrad sind sich klimatischer Entwicklungen bewusst und die meisten erkennen sie auch als Problem an. Dennoch setzen nur wenige die viel diskutierten Handlungsoptionen um – vom Verzicht auf Fleisch, was mit seinen Ressourcenverbrauch große Teile globaler Treibhausgasemissionen verursacht, bis zu dem Verzicht auf Flugreisen, die den größten Klimaschaden verursachen, den ein einzelner Mensch auf legale Weise produzieren kann. Wird der Klimawandel – oder einfacher und konkreter gesagt unser CO2 Ausstoß – ernst genommen, müssen wir die Illusion aufgeben, dass wir unser Konsumverhalten nicht fundamental ändern müssen: Weniger, lokaler und nachhaltiger.

"Hyperbolic discounting", so nennt die Psychologie das Phänomen, dass wir Menschen dazu neigen, mehr Wert auf das Hier und Jetzt zu legen als auf die Zukunft. Diese starke Gewichtung der Gegenwart und Diskontierung der Zukunft ist zentral, um unseren Umgang mit dem Klimawandel zu verstehen. Das menschliche Gehirn scheint evolutionspsychologisch für diese Form des Denkens nicht gemacht. Verantwortung und preemptives Handeln für eine so abstrakte Bedrohung wie den Klimawandel sind für den menschlichen Geist schwierig zu begreifen.

Die Politik muss Industrie und Verbrauchern den Klimaschutz verordnen. 

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Es gibt Versuche in Studien zu zeigen, dass Bevölkerung und Innovationskraft immer in einem ähnlichen Ausmaß wachsen. Der Ansatz lautet: Je mehr wir werden, desto bessere Technik erfinden wir. Für Ernährungsthemen scheint das zu gelten, für Klimathemen nicht. Das Beispiel Automobilindustrie zeigt, wie zwar immer effizientere Motoren entwickelt werden, zugleich aber die Emissionen konstant bleiben, da die Autos leistungsstärker und schwerer werden.

Statt also allzu sehr auf das Individuum oder die Wirtschaft zu hoffen, richten wir den Blick auf den Staat. Ideen, das Paris-Abkommen umzusetzen, stehen viele im Raum. Dazu zählen die oft gehörten, wie die schrittweise Einstellung der Verbrennung fossiler Energieträger. Oder auch einschneidendere, wie eine Flugmeilenbegrenzung oder die Einschränkung der internationalen Schifffahrt. Ist wirklich das in Paris beschlossene Ziel (die globale Erwärmung auf deutlich unter 2°C zu beschränken) ernst gemeint, muss über solche Vorschläge nachgedacht werden.

Bildung reduziert Geburtenziffern und damit auch die CO2-Verursacher.

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Eine näherliegende Politikoption wurde jedoch bisher wenig berücksichtigt: Die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Durch die Vereinten Nationen wurde dieses Thema in Paris seltsamerweise nicht in den Mund genommen. Wird es einmal doch thematisiert, löst es bei vielen Experten und Journalisten scharfe Abwehrreflexe aus. Zu sehr scheint es verknüpft mit der autoritären 1-Kind-Politik Chinas oder den Sterilisierungen Indiens in den 70ern.

Dabei ist der nachhaltigste Schlüssel für sinkende Geburtenraten ein ganz harmloser: Bildung für Mädchen und junge Frauen, insbesondere in ärmeren Ländern. Verschiedenste Studien aus unterschiedlichen Datensätzen zeigen, dass die Frauenbildung einer der wichtigsten Faktoren ist, um die Geburtenziffern zu reduzieren und so die die Zahl der potentiellen CO2-Verursacher zu reduzieren.

Neben der langfristigen qualitativen Bildungspolitik existieren in vielen Ländern dieser Welt kurzfristig umsetzbare Maßnahmen. Einfacher Zugang zu Verhütungsmitteln, Legalisierung von Abtreibungen, die Abschaffung von steuerlichen Anreizen für Eltern mit vielen Kinder. Hier müssen alle Regierungen ansetzen. Internationale Gelder müssen für zielgerichtete Programme entsprechend gelenkt werden (und vielleicht auch diskutiert, ob sie an Geburtenraten gekoppelt werden sollen). Der Druck muss von der Weltgemeinschaft kommen, die sich in Paris ein Ziel gesetzt hat. Denn von Afghanistan bis Zypern: Wir sitzen alle gemeinsam auf der Insel namens Erde.

7 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Erwin Meyer
    Der Mensch ist CO2-Verursacher, Sie, die Autoren und ich, der Konsument Ihres Artikels. Darüber hinaus ist uns gemeinsam das Glück beschieden, in einer gemäßigten Zone zu leben und über gute Bildung zu verfügen. Wir verfügen sogar über den Luxus, entscheiden zu können, was und wieviel wir essen und ob oder wie wir reisen. Wir können uns erlauben, uns radikale Gedanken zu machen, warnend und mahnend den Finger zu heben.
    Ein Blick in das vorindustrielle Zeitalter zeigt, daß es noch gar nicht so lange her ist, da waren 10 und mehr Kinder pro Ehepaar üblich, bei Arbeitern und bei den armen Bauern.

    Die Verbesserung der wirtschaftlichen Grundlagen, die Anhebung der sozialen Standards und der freie Zugang zur Bildung haben die Entwicklung eingeleitet, hier weniger "CO2-Verursacher" zu schaffen. Kondome, wie später die Pille, waren nur das Hilfsmittel.

    Wenn wir die Welt retten wollen, weil wir die Einsicht haben, daß wir es müssen, werden wir erheblich von unserem Bruttosozialprodukt abgeben müssen und "herzuschenken" haben zur weltweiten Verbesserung der Lebensgrundlagen. Und dann wird sich die Frage, wie wir reisen und ob wir fliegen, umkehren in die Frage: ob wir reisen. Unter CO2 Gesichtspunkten ein großer Segen.
  2. von Markus Müller
    Ich glaube nicht,dass der Klimawandel noch in den Griff zu bekommen ist.Trump hat angekündigt wieder verstärkt auf Öl,Gas und Kohle zu setzen und aus dem Paris Abkommen auszusteigen.Die Amerikaner wollen es anscheinend so,dann wird es so gemacht.
    Aber wenigstens tun die Amerikaner mit einem lockeren Waffenrecht etwas gegen die Überbevölkerung.
  3. von Christoph Hensel
    Gut, da sind wir ja raus, da wir weniger Kinder produzieren, als wir zu Bestanderhaltung benötigen.
    1. von Markus Müller
      Antwort auf den Beitrag von Christoph Hensel 16.11.2016, 15:03:06
      Zur "Bestanderhaltung"?Welchen Bestand meinen Sie?
  4. von Wolf -G
    Die Höher-Schneller-Weiter-Mentalität muss sich änderm, damit die Ressourcenverschwendung aufhört. Mir fällt hier zuerst die neoliberale Wirtschaftspolitik auch in Forschung und Lehre ein, weiterhin auch Fragen zum Umgang mit schwindender Bevölkerung bei uns......
  5. von Anna Sauerbrey
    Liebe Leser, herzlich Willkommen in der ersten Tagesspiegel Causa-Leserdebatte! Wir freuen uns auf Ihre Meinung.
    1. von Administrator
      Antwort auf den Beitrag von Anna Sauerbrey 16.11.2016, 13:26:18
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